Über der Umweltkatastrophe von Seveso liegt ein Fluch. Spätestens seit der Chemiekonzern Hoffmann-La Koche, die italienischen Behörden und die Firma Mannesmann Italiana im Jahre 1982 versuchten, das bei der Explosion in der norditalienischen Giftküche entstandene tödliche Dioxin heimlich außer Landes zu schaffen. Immer wieder tauchen neue Dokumente und Zeugenaussagen auf, die den Verdacht erhärten, daß der Dreck vor elf Jahren auf der Mülldeponie Schönberg in der DDR landete. Auch die Berliner Zeitung (wir berichteten hier zuletzt am 30. November 1993) ging der Sache weiter nach.Pastor Frieder Jelen, der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, wird wohl auch im neuen Jahr seines Amtes nicht mehr froh. Denn in seinem Verantwortungsbereich liegt die Mtilldeponie. Seit 1982 sollen hier die hochgiftigen 41 Fässer mit den· Abfällen aus dem Chemie-GAU in Seveso lagern -- und womöglich dazu noch dioxinhaltiger Schlamm aus Seveso, insgesamt 150 Tonnen. Gerade hatte Jelen im Dezember die Suche nach den gefährlichen Altlasten aus Italien fftr vorlaufig beendet erklärt, als die Frage akut wurde, ob nicht auch heute wieder vertuscht, abgewiegelt wird. Hier die Chronologie der jüngsten Ereignisse:Eigentümliche Bitte um Hilfe aus ItalienIm Monat Oktober läßt das Umweltministerium die Firma Golder Associates in Schönberg Messungen vornehmen. Anfang November kündigt sie ein baldiges Ergebnis an. Doch dann wird die bereits geplante Pressekonferenz Woche für Woche verschoben. Nervös wimmelt die Jelen-Behörde jede Frage ab, während die Firma Golder zum absoluten Schweigen verpflichtet wird. In Berlin läßt das Ministerium unterdessen noch einmal gezielt Akten aus DDRZeiten durchsuchen. Ein Beamter bestätigt gegenüber der Berliner Zeitung, daß merkwürdigerweise die entscheidenden Dokumente fehlen,Am 30. November schließlich bittet die italienische Vertretung von Golder Associates in einem Fax die Seveso-tJntersuchungskommission in Mailand um Mithilfe: Die deutschen Kollegen bräuchten die genauen technischen Daten der Fässer. In anschließenden Gesprächen unter Zeugen mit dem Mitglied der Kommission Dr. Rota erklärt ein Vertreter von Golder, man traue sich nicht dort zu bohren, wo die Fässer liegen könnten, da sie nicht beschädigt werden dürfen. Knapp eine Woche später jedoch gibt Umweltstaatssekretär Karlheinz Anding offiziell bekannt, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, daß das Dioxin in Schönberg liege.Nur die Spitze des Müllberges an der B 104Daß am 30. November ein Schreiben an die Seveso-Kommission in Mailand mit der Bitte um Unterstützung abgegangen ist, mag die Behörde von Minister Frieder Jelen indessen nicht verneinen. Pressesprecherin Monika Effenberger bestreitet jedoch, daß im Schreiben der Satz stünde, "man sei kurz davor, die Fässer aufzufinden". Eine eigentümliche Widerlegung, denn dies behauptet auch niemand. In dem Fax, das der Italienkorrespondent der Berliner Zeitung und Mitarbeiter der Fernsehsendung Monitor, Udo Gümpel, aufstöbern konnten, heißt es dafür: Nach Schönberg seien, "so wie · es aussieht" (oder: "wie es den Anschein hat") "Materialien aus der Entsorgung von Seveso verbracht worden". Über diesen Satz geht das Ministerium schweigend hinweg. Immerhin bestätigt ihn Golder As· sociates inzwischen in einer Pressemitteilung.Leider ist das Seveso-Thema lediglich die spektakuläre Spitze des Müllberges an der B 104 zwischen Schwerin und Lübeck. Bereits 1981, ein Jahr vor dem Versteckspiel mit dem Dioxin aus Italien, bei dem es sich höchstens um 150 Tonnen handelte, importierte Schönberg 20 000 Tonnen mit dem Gift Arsen verseuchten Erdreich. Aufgabeort West-Berlin.Als der Deal mit den DDR-Müllhändlern des KoKo-Imperiums im Frühjahr 1981 öffentlich wurde, geriet sogar KoKo-Chef Schalck-Golodkuwski vor seinen Oberen in Erklärungszwang. In einer vertraulichen Information für Politbüromitglied Günter Mittag und Parteichef Erich Honecke~ rechtfertigte er das Geschäft "unter dem Gesichtspunkt des günstigen ökonomischen Ergebnisses". 500 000 Mark war der Giftdreck wert.Aber auch die Verantwortlichen in West-Berlin hatten ihren Gewinn. Wäre der verseuchte Boden nämlich in Westdeutschland entsorgt worden, hätte er in Fässern abgepackt sein müssen -- ein ziemlich teures Verfahren. Auf dem Weg nach Schönberg war dies nicht notwendig. 1 Im Osten reichte es, die beladenen Kipper mit einer Plane abzudecken. Eine gute Adresse für GiftmüllZur Beruhigung der SED-Spitze, die wahrscheinlich einen Skandal befürchtete, verwies Schalck-Golodkowski auf einen Regierungsbeschluß vom Januar 1981, wonach die Schönberg-Deponie "für die Ablagerung von toxischen Abprodukten (Gifte der Abteilung 1) freigegeben" sei. Zur "Abteilung 1" gehörten laut DDR-Klassifikation die allerschlimmsten giftigen Stoffe.Schalck-Golodkowski hatte seinen Genossen gegenüber ein wenig gemogelt. Die Freigabe der Deponie für Extrem-Gifte galt erst ab 1982. Zu diesem Zweck wurde in Schönberg damals eine Abteilung für hochtoxische Abfalle projektiert. Ob dieses Projekt aber am Ende auch realisiert wurde, ist bis heute umstritten. Wenn nicht, wäre es jedoch um so schlimmer. Denn das Geschäft mit dem West-Berliner Arsen-Boden zum Beispiel wurde anscheinend durchgezogen: Das Gift wurde "zur Ablagerung in der Sonderhalde bzw. im Sondergraben -- basisch" angenommen, wie es in einem weiteren vertraulichen Dokument hieß, das der Berliner Zeitung vorliegt.Im Herbst 1981 bot auch die Firma Boehringer aus Hamburg ihre Abfälle für Schönberg an. Insgesamt 240 Tonnen zum Spottpreis von knapp 58 Mark je Tonne. In der Ko-Ko-Liste der Vertragsbindungen für das Jahr 1982 figurierte das Geschäft unter der Bezeichnung "Zersetzerschmelze". Das dürfte korrekt sein. Wenn man davon absieht, daß das Boehringer-Werk eine verheerende Dioxinschleuder war. 1984 mußte die Fabrik schließlich ihre Produktion nach einem Gerichtsbeschluß einstellen.Wenn 1982 schon Boehringer-Dioxin angenommen wurde, warum dann nicht im selben Jahr auch das Gift aus Seveso nach Schönberg bringen? Das dürften sich zumindest die Aufräumer in dem norditalienisehen Katastrophenort gefragt haben. Denn die Mühihalde an der Ostsee war in den entsprechenden Kreisen dafür bekannt, auch das zu nehmen, was andere ablehnten. Die DDR-Oberen sprangen in die BrescheDas wurde von der DDR zwar offiziell bestritten, aber in einer Mitteilung von 1979 an Erich Honecker erläutert Günter Mittag: Interne Sondierungen ergaben, "daß auf Grund der Verschärfung der Gesetzgebung und der Probleme bei der Altstoffbeseitigung" in Westeuropa "bei günstigen Beseitigungsmoglichkeiten der Abfallstoffe auch · größere Transportwege in Kauf genommen werden. Die DDR-Oberen nutzten die Chance aus dem wachsenden Umweltbewußtsein im Ausland und sprangen in die Bresche.Also doch Seveso-Dioxin unter dem Müllberg? Es gibt dafür -- bislang -- keinen eindeutigen Beweis. Zweimal versuchen die Entsorger nachweislich, ihren tödlichen Abfall offiziell in Schönberg abzusetzen: Das erste Mal bietet Mannesmann Italiana am 28. Januar 1982 etwa 140 Tonnen an. Zwei Monate später wird das Ansinnen von den zuständigen DDR-Behörden abgelehnt. Gerade eine Woche nach dieser Absage offeriert die in Seveso mit Mannesmann kooperierende Firma Wadir am 8. April 150 Tonnen Dioxinrückstände -- mit ziemlicher Sicherheit das gleiche Material, das Mannesmann loswerden wollte. Auch dieser Antrag wird in Ost-Berlin abgelehnt. Offenbar schlottern den hiesigen Verantwortlichen die Knie.Während das zweite Verfahren noch schwebt, schließen Mannesmann ltaliana und die KoKo-Firma Intrac aber am 30. April einen "Rahmenvertrag" über die Lieferung von Sonderabfallstoffen "die nicht in Italien ... beseitigt werden können". Am selben Tag einigen sich beide Seiten auf die Entsorgung von 150 Tonnen "Cblomatron-Ruckständen", Problemlos hätte diese Menge Kochsalz -- denn wenn die Deklaration stimmt, handelt es sich um nichts anderes -- auf einer heimatlichen Deponie untergebracht oder im Mittelmeer verklappt werden können. Doch Mannesmann Italiana will den salzigen Kram partout dur~sh halb Europa karren. Intrac bietet einen billigen Preis: 20 Mark pro Tonne, 3 000 Mark für den gesamten Ramsch, fast kein Geschäft. Oder doch? In einem anderen, der Berliner Zeitung zur Verfügung stehenden Papier notiert die Intrac für den internen Gebrauch einen Preis von 200 Mark pro Tonne, fast zehnmal mehr als beim gewiß lukrativen Arsen-Geschäft -- für simples Salz!? Dieselbe Frage scheint sich auch Golder Associates zu stellen. Zumindest fragt die Firma im erwähnten Fax die Seveso-Kommission: Was ist "Chlornatron"?Mannesmann schweigt sich bis heute ausWie auch immer: Zwischen dem 16. und dem 23. September 1982 liefert Mannesmann Italiana schließlich nach Schönberg. Über den genauen Inhalt jener insgesamt zehn Lkw-Ladungen ist auch heute bei Mannesmann nichts zu erfahren. Zufällig wurden die Seveso-Giftfässer aber am 10. September 1982 in Italien auf den Weg geschickt.1980 starben plötzlich 150 Schafe in Sevese. Laut Untersuchung hatten sie sich an frischem Gras überfressen.