Dietrich Simon ist Vorsitzender des Buchhändler- und Verlegerverbandes Berlin-Brandenburg, aber Verlagsleiter von Volk und Welt bleibt er nur bis 30. April. Er scheidet dort aus "im gegenseitigen Einvernehmen" mit dem Besitzer des Verlages, Dietrich von Boetticher. Die Lektorin Christina Links bleibt noch bis Ende Juli. Die dritte Verlagsmitarbeiterin in Berlin scheidet ebenfalls aus. Und das Haus in der Oranienstraße wird sowieso leer geräumt und saniert.Wenn es fertig ist, wird es den Verlag Volk und Welt de facto nicht mehr geben. 160 lieferbare Bücher tragen zwar weiterhin seinen Namen im Impressum, im Herbst kommen noch drei neue Titel dazu (von Daniil Granin, Slavoj Zizek und Stefan Krawczyk), ein vierter erscheint vielleicht noch im Frühjahr 2002. Vielleicht kommt er auch bei Luchterhand heraus. Der Münchner Luchterhand Verlag gehört auch Dietrich von Boetticher. Seinen dritten, eher auf Unterhaltung ausgerichteten Verlag - Limes -, hat er schon vor einem Jahr geschlossen. Damals waren gerade die Pressearbeit und die Herstellung von Volk und Welt nach München überführt worden, wo sich bereits Buchhaltung und Vertrieb befanden. Damit stirbt ein Verlag, der 1947 in der sowjetischen Besatzungszone Berlins gegründet wurde und in der DDR ein geistiges Tor zur Welt bedeutete. Er steht heute für den dramatischen Umbruch in der deutschen Verlagslandschaft. Volk und Welt war neben Aufbau der wichtigste Literaturverlag der DDR. Er brachte im Jahr 150 Titel heraus, nach der Wende waren es zwanzig. Wer in der DDR Faulkner oder Updike, Beckett oder Bulgakow, Enzensberger oder Ehrenburg, Joyce oder Jessenin kennen gelernt hat, kannte sie in der Regel durch dieses Editionshaus. Dietrich Simon wählt gern das Wort vom Buchclub zur Beschreibung des Verlags zu Mauerzeiten: Er konnte aus allen Literaturen der Welt das Beste aussuchen. Der Schwerpunkt lag bei Büchern aus der Sowjetunion - kein Makel, wenn man an Autoren wie Jewtuschenko, Granin oder Aitmatow denkt. Doch gerade die Internationalität des Programms wurde dem Verlag nach der Vereinigung fast zum Verhängnis, denn die meisten ausländischen Autoren waren zugleich bei westdeutschen Verlagen unter Vertrag. Volk und Welt hatte Rechte an Übersetzungen, aber kaum Lizenzen, und hätte eigentlich schon damals geschlossen werden können. Zunächst wurde neben dem Programm auch die sehr große Mitarbeiterzahl - es waren 150 - drastisch reduziert. Die Zukunft des Verlages lange ungewiss, die Treuhandanstalt hatte Mühe, einen Investor zu finden.Als sich Dietrich von Boetticher 1995 schließlich für den Verlag entschied, war das wie eine Erlösung. Boetticher, als Wirtschaftsanwalt und Rennstallbesitzer ein Quereinsteiger in der Branche, verpflichtete sich, sich fünf Jahre lang um den Erfolg des Unternehmens zu bemühen. Dietrich Simon gab sich siegesgewiss, dann positive Bilanzen vorzeigen zu können. Zusammen mit Christina Links baute er ein neues Programm auf. Die 13-bändige exzellente Bulgakow-Werkausgabe war ein Beleg für die Kompetenz des Verlages in der russischen Literatur. Neue russische und junge deutsche Autoren kamen hinzu. Der Erfolg stellte sich mit Thomas Brussig, Ljudmila Ulitzkaja und Viktor Pelewin ein, doch konnten sie nicht das gesamte Programm tragen. Im Herbst 1999 sagte Dietrich von Boetticher: "Man kauft keinen Verlag, um sich auf Dauer finanziell zu schädigen."Damals führte er die Service-Abteilungen in München zusammen, ließ nur einen Verlagsrumpf und den Namen in Berlin. Die Bücher von Luchterhand und Volk und Welt wurden dem Buchhandel nur noch in einem gemeinsamen Prospekt angekündigt. Das Schicksal von Volk und Welt stand wirklich auf der Kippe, heißt es heute. Der Besitzer wollte ihm dann doch noch eine Chance geben. Warum die Frist dafür derart kurz war, lässt sich nicht ermitteln. Der Luchterhand-Verlagsleiter Gerald J. Trageiser beantwortet die Frage, warum Volk und Welt nicht rentabel arbeiten konnte, mit Gegenfragen: "Warum hat Bertelsmann den Berlin Verlag geschluckt? Warum musste Kiepenheuer & Witsch verkauft werden?" Die Pressesprecherin ergänzt: "Sehen Sie sich die Probleme von Rowohlt und S. Fischer an." Der Rowohlt Berlin Verlag musste im vorigen Jahr umstrukturiert werden, weil er keine Gewinne abwarf, der Heyne Verlag wurde im letzten Herbst verkauft. Dietrich von Boetticher möchte sich nicht äußern und hat Trageiser gebeten, für ihn zu sprechen: "Die Aussicht, dass die Investitionsnotwendigkeit abnimmt, war sehr gering." Er versichert, dass von Boetticher nicht gespart habe. Als er vor acht Jahren Luchterhand und Limes, 1995 dann Volk und Welt übernommen hatte, standen alle drei Verlage quasi bei null. Es ist der neue Verlag Volk und Welt, der jetzt dichtgemacht wird. Die Autoren seien alle herzlich willkommen bei Luchterhand, sagt Trageiser. Dietrich Simon, seit 1969 bei Volk und Welt, war in den letzten Tagen nicht zu sprechen. Er bekommt eine Abfindung; Trageiser würde sich ihn als Berater wünschen. Über die Pressesprecherin lässt er ausrichten, er sei 62, da könne man sich wohl "im gegenseitigen Einvernehmen" trennen. Christina Links ist mit Ljudmila Ulitzkaja auf Lesereise und nicht zu erreichen.Sabine Wiekenberg, die als Verlagsvertreterin in den Berliner Buchhandlungen unterwegs ist, wurde letzte Woche von der Schließung informiert: "Wir waren alle überrascht." Über den Stand des Verlages beim Buchhandel sagt sie: "Die Buchhändler waren Volk und Welt gegenüber freundlich gesonnen, verhielten sich aber praktisch genauso zurückhaltend wie bei allen anderen. Sie bestellen kaum etwas, was nicht ein Bestseller zu werden verspricht. Die Situation ist katastrophal." Es bleibt die Frage, welchen Verlag der Umbruch in der Branche als Nächstes trifft."Man kauft keinen Verlag, um sich auf Dauer finanziell zu schädigen. " Verlagsbesitzer Dietrich v. Boetticher 1999