Der Victoriasee droht an der Wucherpflanze zu ersticken: Im Würgegriff der Wasserhyazinthe

Kasajja ist ein ruhiger Mensch. Und eigentlich könnte der Mann, der seit 20 Jahren in Ggaba am Victoriasee seinen Nilbarsch und Tilapia anlandet, mit seinem Schicksal zufrieden sein. Wenn da nicht dieses zartviolett blühende Gewächs wäre, das den größten See Afrikas zuwächst und Kasajja darüber nachdenken läßt, wie viele Jahre er wohl noch genug Fische fangen wird, um seine Familie zu ernähren. Kasajja sitzt in seinem Holzboot, am Ufer in Ggaba, und sortiert sein Fischernetz. Die kleinen Steine, die als Gewichte hineingeflochten sind, legt er auf einen Haufen am Boden des Bootes. Er sagt: "Dieser See ist meine Mutter, und meine Mutter stirbt." Wie Kasajja denken viele Fischer am Seeufer in Uganda, in Kenia und Tansania.Dreißig weitere Boote gibt es in Ggaba. Der Tilapia, den die Fischer hier anlanden und dann in die nahegelegene Hauptstadt Kampala schaffen, wird nach Deutschland, Belgien und England exportiert. Doch seitdem die Wasserhyazinthe sich auf dem größten See der Welt seine Fläche entspricht der von Bayern ausbreitet, kann man an manchen Ufern gar nicht mehr anlanden. Richard Ntambi verkauft den Fisch, den Kasajja gefangen hat. Um den Fischfang herum gibt es in Ggaba noch Dutzende, wenn nicht Hunderte von Arbeitsplätzen: junge Männer, die den Fisch räuchern, Händler, die Holzkohle an die Räucherküchen verkaufen, und die Angestellten des Gesundheitsamtes, die all das überwachen.Richard erklärt, daß der junge Fisch nicht mehr wächst, oft sogar erstickt, weil der dicke Teppich der Wasserhyazinthe keinen Sauerstoff mehr durchläßt. "Früher haben die Fischer mehr gefangen, und vor allem waren die Fische größer", erinnert sich der junge Mann. Mit einer Panga, einer Machete, haut er einen Nilbarsch auf dem Holzklotz klein, um danach die entgräteten Stücke in einen großen Bottich zu werfen, aus dem sie dann verkauft werden.Häfen sind verstopftFür den prosperierenden ostafrikanischen Staat Uganda ist der Fisch, nach dem Kaffee, das zweitwichtigste Exportprodukt. "Aber", sagt Fischer Kasajja, "wir können der Wasserhyazinthe nicht mit Chemikalien zu Leibe rücken, denn die verseuchen das Wasser, den Fisch und uns Menschen."Wie man die wuchernde "Eichhornia Crassipes", so der botanische Name der Pflanze, bekämpfen solle, darüber werden in Ostafrika Glaubenskriege geführt. Konferenzen werden veranstaltet, die Bürger werden befragt, und Koordinationsteams aus den betroffenen Ländern Kenia, Tansania und Uganda versuchen, ihre Aktivitäten aufeinander abzustimmen. Sicher ist nur, daß schnell etwas geschehen muß, denn der Kollaps des Victoriasees wäre eine Katastrophe für den Kontinent.Wasserhyazinthen gibt es überall auf der Welt, doch in Ostafrika wurde auf das wuchernde Wachstum zu spät reagiert. In Südafrika nennt man die Pflanze, deren Biomasse sich alle 14 Tage verdoppelt, "Florida-Teufel". Eichhornia Crassipes stammt aus Südamerika und wurde, so vermutet man, von belgischen Kolonialisten nach Ruanda und Burundi eingeführt. Dort sollte das treibende Gewächs als Zierpflanze in den Fischteichen der kolonialen Anwesen dienen. In Ostafrika hat die Pflanze keine Feinde, und so gelangte ihr Samen über den Kagera-Fluß aus Ruanda und Burundi in den Victoriasee.Die Pflanze ist "merciless", wie im Untersuchungsbericht einer UN-Organisation zu lesen ist, einfach gnadenlos. Nicht nur, daß sie das Sonnenlicht abhält und die Organismen im See langsam erstickt, sie dient auch als Wirtin für Schnekken, welche die gefährliche Wurmerkrankung Bilharziose übertragen. Moskitos als Malariaüberträger brüten gerne in ihr, und auch Schlangen fühlen sich in dem treibenden Blattwerk wohl.Tag für Tag wachsen auf dem Victoriasee vierzig Tonnen Hyazinthen nach. Auch die in den Kagera-Fluß gehängten Auffangnetze können nicht verhindern, daß Hyazinthen täglich millionenfach in den See geschwemmt werden.Kaum ein Tag, an dem nicht in einer Zeitung Bilder zu sehen sind, von den Häfen in Kisumu, Mwanza oder Port Bell, die so verstopft sind von Hyazinthen, daß selbst Schiffe mit starken Motoren nur unter großen Mühen durch das üppige Grün pflügen können. Der Victoriasee dient den Menschen als Trinkwasserreservoir, die im Kraftwerk an den Owen Falls in Uganda gewonnene Energie versorgt drei Länder. Doch schon warnen Experten, daß durch den Druck der aufgestauten Hyazinthen der Damm brechen könnte. Die Qualität des Trinkwassers nimmt ebenfalls ab, da verrottete und auf den Grund gesunkene Hyazinthen dem Wasser Sauerstoff entziehen. Am kenianischen Seeufer sind mittlerweile Hunderte von Fischerfamilien und Fährsleuten auf der Wanderschaft. Sie suchen entlang dem Ufer nach Anlegestellen, die noch nicht zugewuchert sind. 25 Millionen Menschen leben direkt oder indirekt von diesem See. Fährleute verlieren nun ihre Jobs, weil sie nicht mehr durch das dichte und vom Wind hin- und hergetriebene Gemenge der Pflanzen rudern können.Untersuchungen in anderen Ländern, etwa im Sudan, wo die Hyazinthe auf dem Nil mit Pestiziden bekämpft wurde, haben ergeben, daß die eingesetzten chlor- und phosphororganischen Verbindungen nicht zur völligen Ausrottung der Hyazinthe führen. Hinzu kommt: Nach der Pestizidbehandlung sinkt das Blattwerk auf den Boden des Sees, verrottet und entzieht dem Wasser durch Gärungsprozesse Sauerstoff. Die mechanische Vernichtung und Nutzung der Hyazinthe wird bisher noch nicht im großen Stil betrieben. Denn es gibt in Kenia und in Uganda zwar Häxlervorrichtungen, die die Hyazinthe ansaugen und kleinschneiden. Aber, so die Kritiker, die gleichzeitig Befürworter einer chemischen Bekämpfung sind, die Maschinen schafften nicht genug, die Hyazinthe wachse schneller nach, als sie dem See entzogen werde. Die biologische Bekämpfung der Hyazinthe durch das Aussetzen von Rüsselkäfern, die dann nach und nach der Pflanze den Garaus machen sollten, geht den Experten nicht schnell genug. Angeblich soll es Jahre dauern, bis die Käfer der Plage Herr werden könnten.Der ugandische Minister für Viehwirtschaft, Kezimbira-Miyingo, wird denn auch nicht müde, gegen "die Umweltschützer" zu wettern. Kezimbira-Miyingo tritt auf wie ein Lobbyist der Chemieindustrie und tut die Befürworter einer sanften Lösung mehr oder weniger unumwunden als grüne Spinner ab. In Uganda mußte das Landwirtschaftsministerium, das die chemische Bekämpfung forderte, eine Umweltverträglichkeitsstudie in Auftrag geben. Die Studie wurde von der Nationalen Umweltmanagementbehörde, einer halbstaatlichen Organisation namens "Nema" vorgenommen. Diese organisierte auch eine öffentliche Anhörung, an der unter anderen die betroffenen Fischer aus Ggaba teilnahmen. Das Untersuchungsergebnis der Umweltbehörde schlug ein wie eine Bombe und entzweite einmal mehr die ugandische Gesellschaft: Die mechanische und die biologische Bekämpfung werden darin ohne Einschränkung gutgeheißen. Sie habe, im Unterschied zum Pestizideinsatz, keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung und auf die Ökologie des Sees. Die chemische Lösung darf infolgedessen in Uganda nicht praktiziert werden. Politische BrisanzDer Beschluß, gefaßt im vergangenen Jahr, war auch politisch brisant: Angeblich waren schon große Mengen der Chemikalien ins Land gebracht worden, auf denen die Importeure nun sitzenbleiben würden. Zudem förderte die Europäische Union eine umweltverträgliche Bekämpfung. Denn schließlich wird ein Großteil des Fisches aus dem Victoriasee in EU-Länder exportiert. Auch Kenia, das jährlich eine knappe Milliarde Dollar mit dem gefangenen Fisch umsetzt, ist gegen eine chemische Bekämpfung.Verschiedene Versuche, die Wasserhyazinthe zu nutzen, etwa um Biogas daraus zu machen, sind noch im Versuchsstadium. Und im Hochsicherheitsgefängnis Luzira bei Kampala beispielsweise flechten die Gefangenen aus der getrockneten Hyazinthe Korbstühle.Einmal mehr sieht es so aus, als hätten die drei Anrainerstaaten Kenia, Tansania und Uganda zu spät auf ein Problem reagiert, das frühzeitig abzusehen war. Politische Eifersüchteleien mögen ihren Teil dazu beigetragen haben, daß bis heute die Koordination zwischen den Ländern nicht reibungslos funktioniert. Für derlei Ränkespiele ist jetzt keine Zeit mehr. Denn es gilt, einen der wichtigsten und produktivsten Lebensräume auf dem schwarzen Kontinent vor dem Untergang zu bewahren.