Bestens gelaunt war die Presse, als sie am Sonntag ins Grand Théatre Lumière von Cannes Einzug hielt, um Steven Spielbergs neuen Film "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" zu begutachten. Lauthals trällerten achtbare Kritiker die Leitmelodie der "Indiana Jones"-Filme, und es wurde heftig applaudiert, kaum dass sich der Vorhang gehoben hatte. Heftiges Klatschen, als der Schriftzug "Lucas Film" auf der Leinwand erschien; frenetischer Beifall dann beim Namen des Regisseurs. Und wieder wurde gesungen. Wurde je ein Film mit so kindlicher Begeisterung begrüßt?! Und wurde diese Vorfreude enttäuscht?Das wird keiner behaupten wollen, obwohl man sonderlich Gutes nicht erwartet hatte nach jenem Totalverriss des Films, der vor einer Woche im Internet aufgetaucht war. Jetzt weiß man: Er war ungerecht. "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ist gewiss kein Meilenstein der Filmkunst, aber es ist immerhin annehmbares Unterhaltungskino; turbulent, bunt und hinreichend spannend. Fast wäre es ein Familienfilm geworden, wenn Spielberg auf die eine oder andere blutige Leinwandschlägerei verzichtet hätte. Aber das ging natürlich nicht; im Action-Kino müssen die Fetzen fliegen. Schließlich geht der Zuschauer nicht wegen der philosophischen Sinnsuche, sondern um ein bisschen gedankenlosen Spaß zu haben in Filme wie "Indiana Jones", "Speed Racer" oder "Iron Man".Apropos: Wer genug hat von all den Hochtechnologie-Effekten moderner Blockbuster und sich dennoch nicht auf den Kunstfilm verlegen möchte, der ist richtig in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels". Es ist ein Low-Tech-Film, der auch in seinem Genre-Verständnis altmodisch ist und nicht allein deswegen, weil er im Jahr 1957 spielt, also zu Zeiten des Kalten Krieges. Die USA dieser Jahre lässt Spielberg liebevoll wiedererstehen vor den Augen des Zuschauers, mit allem, was damals dazugehörte, seien es nun Atomkriegsparanoia, Antikommunismus und UFO-Wahn oder Petticoat, Lederjacke und Entensterzfrisur.Der nunmehr vierte Film der "Indiana Jones"-Serie spielt zu Ende der 1950er, weil seine Umstände den natürlichen Alterungsprozess der Hauptfigur Dr. Henry "Indiana" Jones und seines Darstellers Harrison Ford (65) berücksichtigen sollten. Die beiden tun ja schon lange Dienst. In "Jäger des verlorenen Schatzes" (entstanden 1981), dem ersten Indy-Film, versucht der Archäologe Henry "Indiana" Jones jr., Indy genannt, die biblische Bundeslade vor den Nazis zu schützen; das war 1936. In "Indiana Jones und der Tempel des Todes" (1984) kämpft Indy 1935 in Indien gegen einen finsteren Kult. Die Nazis kehrten in "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" (1989) zurück: 1938 zanken sie sich mit Indy und dessen Vater (Sean Connery) um den Heiligen Gral.Das waren eben eine Menge Informationen, und man könnte nun vollends Verwirrung stiften, indem man hier sowohl die Handlung als auch die kunsthistorischen Grundlagen von "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" erörtert. Aber wir wollen es nicht übertreiben. Nur so viel: Die Russen feiern in diesem Film ihre glorreiche Rückkehr als Feindbild Nummer eins, was ja nur den Tatsachen des Kalten Kriegs entspricht. Sie sind hinter einem mysteriösen, ultrahypnotisch wirkenden Schädel aus Quarz her, mit dessen Hilfe sie die Hirne der Menschheit gleichschalten wollen - auf dass in allen Köpfen kommunistische Dogmen herrschen. Cate Blanchett spielt eine promovierte Kommandeuse namens Irina Spalko, die ganz Stalinistin ist und hart im Nehmen. Spalko hat einen schwarzen Topfschnitt - dies sei doch Zeichen genug, dass sie die Böse ist, meinte Blanchett in Cannes. Dass die Handlung von "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" rechtschaffen krude ist, macht gar nichts. Indiana Jones selbst gibt zu, dass nicht einmal er alles versteht: etwa was genau die Russen denn eigentlich im militärischen Sperrgebiet in Arizona suchen. Ist auch unwichtig; Hauptsache, es rumst und kracht ordentlich.Das tut's; es wird gehauen, gefochten und geschossen; es gibt Explosionen, Dinge fliegen durch die Luft, und zu Anfang geraten possierliche Präriehunde ins Bild, später auch Riesenschlangen, Killerameisen, Affen, Skorpione, Skelette und Aliens - danke, George Lucas, für die Letzteren! Frank Darabont hatte die erste Drehbuchversion des neuen "Indy"-Films verfasst; sie hatte Lucas nicht gefallen, am Ende wurde David Koepp die Autorenschaft zugeschrieben. Wer also etwas auszusetzen hat an der Plausibilität dieses Films, soll sich an Lucas wenden. Oder sich mit den visuellen Attraktionen trösten: Die Wasserfälle von Iguaçu und die Ruinen von Machu Picchu, gruselige alte Totenstätten und Tempel, der Regenwald und eine Universitätsbibliothek dienen als Kulissen für Verfolgungsjagden, Slapstick und Gags. Einige verdanken sich dem Umstand, dass Indy unverhofft zu einem Sohn kommt: Shia LaBeouf spielt Henry jr. jr., die Frucht von Indys Beziehung zu Marian Ravenwood: Karen Allen aus "Jäger des verlorenen Schatzes" ist wieder mit von der Partie, und sie hat sich besser gehalten als Harrison Ford. Als eine der vielen Referenzen an die 1950er ist LaBeouf ausstaffiert wie seinerzeit Marlon Brando in "Der Wilde", er muss aber erst noch in seine Lederjacke hineinwachsen. Seine frettchenhafte Erscheinung ist aber nicht ohne Charme.Mitunter muss sich Indy sogar von Henry Doppeljunior raushauen lassen. Dass aus der gelegentlichen Überforderung des gealterten Helden Indy komisches Potenzial geschlagen wird, ist - abgesehen vom Slapstick - das Sympathischste an diesem nostalgischen "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels". Alle werden älter, und Indy hat schließlich doch ein größeres Messer in der Tasche als sein Filius, dem der berühmte Schlapphut noch lange nicht zusteht.Der vierte "Indiana Jones"-Film feiert die Familie als Überlebensmodell, was der Politik der Gegenwart entspricht. In Cannes gab es freundlichen Beifall für diesen konfektionierten "Kristallschädel". Steven Spielberg arbeitet längst an seinem neuen Projekt: "Jurassic Park 4".------------------------------Indiana Jones und das Königreich des KristallschädelsUSA 2008 124 Minuten, FarbeFSK ab 12 JahreRegie: Steven Spielberg; Drehbuch: David Koepp, George Lucas, Jeff Nathanson; Produktion: Frank Marshall, George Lucas, Kathleen Kennedy; Kamera: Janusz Kaminski; Musik: John WilliamsDarsteller: Harrison Ford, Cate Blanchett, Karen Allen, Shia LaBeouf, Ray Winston, John Hurt u.a.Ab 22. Mai in den KinosWeitere Filmbesprechungen lesen Sie unter: www.berliner-zeitung.de/kino------------------------------Foto: Handarbeit: Dr. Jones (Harrison Ford) rettet mal wieder die Welt. Wenn es sein muss, mit bloßen Fäusten.