BERLIN, 3. November. Diese Geschichte hat viele Orte. Mailand, und Pritzwalk, Paris und Fehrbellin, Berlin und Tychen. Es könnten noch eine Menge mehr sein, denn Vincent Lange ist schon viel gereist in seinem Leben. Die Geschichte beginnt in Pritzwalk, einem Städtchen in Brandenburg. Pritzwalk ist ein guter Ausgangspunkt, um zu erzählen, wie einer auszog aus den Dörfern im Brandenburger Land und es bis auf die Laufstege der besten Modedesigner Europas schaffte. Pritzwalk also. Das war einer von Langes ersten Arbeitsorten neben Tychen und Fehrbellin. Der Job von damals hat nichts gemein mit seinen heutigen Jobs als Volleyballer und Model. Lange spielte in seiner Jugend jedes Wochenende den Türsteher für Dorfdiskos. Er bildete ein starkes Duo mit Janis, einem 120 Kilo schweren Kugelstoßer aus Griechenland. Der Kugelstoßer und der Volleyballer hatten gut zu tun. "Da war dauernd Bambule", sagt Lange, "klar, dass wir auch mal zupacken mussten". Lange hat sich geprügelt mit den Jungs vom Lande, die angetrunken aus ihren Autos stolperten und eine große Fresse hatten. Es waren auch viele Skinheads unter den Diskobesuchern, und Janis, der Grieche, hat ihren Hass zu spüren bekommen. Es klingt wie eine Wild-West-Story, aber erst nachdem Janis sich die Skins vorgeknöpft hatte, war Ruhe. "Die Skins sind später angekommen und haben gesagt: Hey, Janis, alter Kumpel! Wie geht s?", sagt Lange. Was aus Janis geworden ist, ob er immer noch vor den Diskos steht, weiß Lange nicht. Irgendwann wurde ihm die Sache zu kriminell, weil einige Kollegen aus der Türstehertruppe ein Bordell aufmachten, in dem mit Drogen gehandelt wurde. Wie GroßvaterWenn Vincent Lange heute Anekdoten aus seiner rauen Jugend erzählt, ist das ein bisschen so, als würde Großvater von früher erzählen. Ein Lächeln huscht über Langes Gesicht, manchmal schüttelt der 26-Jährige ungläubig den Kopf, wenn eine Geschichte auf ihre Pointe zuläuft. Lange sagt, dass er vielleicht mal ein Buch schreiben will, "für meine Kinder, damit die wissen, was der Papa alles so gemacht hat in seinem Leben". Das Kapitel "Volleyball" in diesem Buch wird jedenfalls nicht mit einer Heldengeschichte beginnen. Denn Lange, der ist Ost-Berlin aufgewachsen ist, hatte es zu DDR-Zeiten schwer als Volleyballer. Sein Problem war seine Körpergröße. Lange wuchs erst spät, zu spät für den DDR-Sport, der für alles seine Tabellen und Raster hatte. Und wenn jemand zu klein, zu groß, zu dick oder zu dünn war, bedeutete dies das Ende einer jungen Karriere. Vincent Lange wurde nur halbherzig gefördert, er sagt, er sei "immer nur mitgelaufen, mehr nicht". Nach der Wende spielte er beim TSC Berlin in der Regionalliga, und es dauerte lange, bis er sich hochgerackert hatte. Zwei Jahre stand er beim permanent abstiegsbedrohten Bundesligisten Eintracht Innova Berlin unter Vertrag, bevor er in diesem Sommer, im Alter von 26 Jahren, zum Meisterschafts-Zweiten und Champions-League-Teilnehmer SC Charlottenburg wechselte. Die Größe von 1,93 Meter ist heute immer noch ein Problem für Vincent Lange. 1,93 Meter reichen zwar aus, um einen stattlichen Türsteher abzugeben, nicht aber um sich international durchzusetzten auf dem Volleyballfeld. Deshalb hat sich Lange spezialisiert. Er ist ein zuverlässiger Annahmespieler geworden; die Bundesligastatistik wies ihn in der vergangenen Saison als einen der besten Liberos aus. Lange greift nicht an, sondern schaufelt mit weichen Händen die Bälle aus der Abwehr. Ein mühsamer Job, der zudem unspektakulär aussieht und nicht von den Zuschauern beklatscht wird. Lange holt sich Komplimente und Aufmerksamkeit woanders. Das ist wieder eine neue Geschichte. Jetset-LebenVincent Lange arbeitet im Nebenjob als Model. Vielleicht ist Nebenjob etwas untertrieben, denn es kommt vor, dass Lange an einem Tag auf dem Laufsteg mehr Geld verdient, als im ganzen Monat als Volleyballer. Seine Agenturen schicken ihn kreuz und quer durch Europa - Mailand, Paris, München. Wenn das Geschäft gut läuft, wenn er viel gebucht wird, dann führt Lange ein Jetset-Leben, so wie man sich das vorstellt bei richtigen Models. Rein in den Flieger nach Mailand, schnell schminken lassen, dann raus auf den Laufteg, umziehen und mit dem Taxi gleich weiter zur nächsten Show. Lange trägt die Kollektionen berühmter Modehäuser, er modelt für Hugo Boss, Armani und Ferrer. Berühmt sind auch die Kollegen, mit denen Lange über den Laufsteg stolziert. Mit Helena Christensen ist er mal zusammen aufgetreten, oder mit Vladimir, der auch im Film "Das fünfte Element" zu sehen ist. Persönlich kennt er die Topmodels nicht. "Dazu ist die Branche zu distanziert", sagt Lange. Letztens aber hat er zumindest Blickkontakt aufgebaut zu einem Prominenten. Bei der Show von Ferrer in Mailand saß Mark Vandaloo neben ihm in der Maske. Lange hat in den Spiegel von Vandaloo, dem Mann aus der Boss-Werbung geguckt. Vandaloo guckte zurückt und dann nickten sich beide zu. "Vandaloo ist echt gut drauf", sagt Lange. Diese Geschichte endet in Charlottenburg. Dort spielt Lange am Sonntagnachmittag gegen seinen alten Verein Eintracht Innova. Vielleicht wird Lange ja der Held im Lokalderby, ein paar starke Volleyball-Kapitel könnte der Abenteuerroman von Vincent Lange jedenfalls noch gut gebrauchen.Lokalderby im Volleyball // Am Sonntag spielt Vincent Lange mit dem SC Charlottenburg gegen Eintracht Innova. Spielbeginn ist 15 Uhr in der Sömmeringhalle. Der SCC ist Tabellenzweiter hinter dem deutschen Meister Friedrichshafen.Beide Vereine stellen das Lokaldery unter das Motto "Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz". Eine Mark von jeder Eintrittskarte kommt einer Aktion für Opfer von Ausländerfeindlichkeit zu gute.Beim SCC fallen Jan Günther und Torsten Schulz krankheitsbedingt aus. Der Einsatz von Sven-Oliver Heitmann (Rückenprobleme) ist fraglich. Eintracht Innova muss auf Jesko Borczanowki verzichten.

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