Herr Meyer, Sie sind 57 Jahre alt. Wir haben gehört, Sie beginnen schon, Ihre Memoiren zu schreiben.Na ja, ich bereite mich darauf vor, ich erinnere mich. Ich habe neulich zum Beispiel darüber nachgedacht, wann ich zum ersten Mal damit konfrontiert wurde, dass ich jüdisch bin. Als Babys sind wir ja, wenn wir rauskommen, eigentlich alle gleich. Und wann ist es Ihnen aufgefallen, dass Sie jüdisch sind?Ich war da drei oder vier Jahre alt, es war wohl 1951. Meine Mutter, meine Schwester und ich kamen von einer Urlaubsreise aus Bansin an der Ostsee zurück in unsere Wohnung in der Lietzenburger Straße in Berlin. Mein Vater hatte in unserer Abwesenheit die Wohnungstür frisch streichen lassen. Nun klebte sie fest und ließ sich nicht mehr öffnen. Ein Nachbarjunge bot sich in dieser Situation an, uns in die Wohnung seiner Familie zu lassen. Und da schrie meine Mutter: "Das waren Nazis." Ich habe das erst gar nicht verstanden, das waren doch unsere Nachbarn. Auf jeden Fall habe ich da zum ersten Mal gemerkt, wir sind anders. Und dann hatte ich eine Kindergärtnerin, die uns jüdische Lieder beibrachte, und uns sagte, dass wir andere Lieder singen als die anderen Kinder.Waren die Lieder schöner?Ich glaube, für Kinder sind alle Lieder schön.Kinder haben ihre eigene Welt.Ja, und für mich war sie am schönsten auf dem Spielplatz am Hochmeisterplatz in Wilmersdorf. Sie waren Kind der Opfer im Land der Täter, haben Sie das gespürt? Da kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die ich nie in meinem Leben vergessen werde: Einmal fuhr ich mit meiner Schwester in der Straßenbahn. Wir hatten Zeugnisse bekommen, die wir uns, den anderen Schülern und den Fahrgästen zeigten. Bei Religion stand bei mir ein Strich. Ein Mann, der zugehört hatte, fragte mich: Warum steht da ein Strich? Und ich antwortete: Weil ich jüdisch bin. Daraufhin sind drei Leute aufgesprungen und haben mir ihre Plätze angeboten. Mir war dann klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Und dann haben mir all die Eltern meiner Klassenkameraden bei Besuchen erzählt, dass sie einen Juden im Keller versteckt hatten. Jeder hatte schließlich einen Juden im Keller versteckt, ist doch klar, oder? Das waren die Fünfzigerjahre.Bald wurden die Keller ja auch wieder kleiner. Ich wuchs auf in einem Land, wo man eigentlich immer nur mit einem Fuß lebte. Absprungbereit. Da lebt man nicht im Frieden mit seiner Umwelt. Meine Mutter hatte beispielsweise extreme Aggressionen gegenüber Polizisten. Wenn die an der Tür geklingelt hätten, die hätte sie die Treppe hinuntergeschubst. Das färbt natürlich auf Kinder ab. Haben Ihre Eltern nie daran gedacht, Deutschland zu verlassen?Sie spielten gelegentlich mit dem Gedanken, wegzugehen oder sich zumindestens eine Zweitwohnung im Ausland zu nehmen. Aber sie sind geblieben.Ja. Doch meine Schwester, sie wurde 1940 geboren, hat nie ihre Abneigung gegen Deutschland überwunden. Ihr hat man als Kind ja auch noch Hakenkreuze und Judensterne auf den Schulranzen geschmiert. Sie ist dann 1961 ausgewandert. Sie selbst wurden nach dem Bau der Berliner Mauer in der Schweiz und in England auf Internaten untergebracht, das war damals auch eher ungewöhnlich.Nun ja, mein Vater war nicht unvermögend. Und er wollte, dass ich Fremdsprachen lerne. Mein Vater hat es immer als ein Handicap empfunden, keine modernen Fremdsprachen zu beherrschen. Deshalb konnte er ja nicht aus Deutschland auswandern. So legte er dann Wert darauf, dass ich fließend Englisch und Französisch spreche. Ich bin in England auf einer sehr strengen Schule gelandet. Freitags nachmittags gab es immer militärischen Unterricht. Dafür bin ich nicht tauglich, ich kann nicht marschieren, ich komme immer aus dem Rhythmus.Sie haben einmal gesagt, dass Sie sehr lange gebraucht haben, bis Sie sich mit diesem Land Deutschland identifizieren konnten. Da muss ich Ihnen vielleicht noch eine Geschichte aus der Kindheit erzählen. In der Grundschule schrieb ich einen Aufsatz über ein Pferd. Ich nannte das Pferd Laila. Der Lehrer gab mir den Aufsatz zurück und hatte an den Rand geschrieben: Fehler! Warum hat das Pferd keinen deutschen Namen? So was wirkt nach, es hat dann lange gedauert, bis ich wirklich in Deutschland angekommen bin.Wann waren Sie soweit?Im Grunde brauchte ich bis zu meiner Zulassung als Rechtsanwalt im Jahre 1983, um Frieden zu schließen und mich als integralen Bestandteil dieser deutschen Gesellschaft zu verstehen. Sie haben Ihr Referendariat als junger Jurist beim Vater des Unionspolitikers Friedrich Merz absolviert.Das stimmt. Am 2. Mai 1974 stand Albert Meyer mit Anzug und Krawatte im Zimmer des Amtsgerichtes Brilon im Sauerland. Und Richter Merz fragte: Wo haben Sie denn gedient? Ich bin West-Berliner, habe ich zu seiner totalen Enttäuschung geantwortet. Dass ich Jude bin, hat er ein halbes Jahr später vor den jüdischen Feiertagen erfahren, als ich mir ein paar Tage frei nehmen wollte. Jedensfalls haben wir nicht gut korrespondiert, und ich habe das schlechteste Zeugnis meines Lebens erhalten. Diese Gegend im Sauerland war ohnehin nie eine sehr judenfreundliche Gegend. Dort gab es für mich Begegnungen der seltsamsten Art. Trotzdem, interessante Erfahrung. Außerdem habe ich im Sauerland ordentlich Aufsehen erregt, weil ich mit einem gelben Ferrari vorfuhr.Was wollten Sie denn mit einem gelben Ferrari?Was will man schon mit einem gelben Ferrari? Angeben!Heute fahren Sie einen Jaguar.Ja, genauer gesagt fahre ich zwei. Aber angeben müssen Sie nicht mehr.Wissen Sie, die Gründung meiner Kanzlei war für mich eigentlich der wichtigste Schritt in meinem Erwachsenenleben. Ich bin finanziell unabhängig, würde ich sagen. Ich habe mich damals erst ziemlich spät, mit Mitte dreißig, von meiner Mutter abgenabelt. Aber ich habe dann meine Ziele verfolgt, die Kanzlei, das Notariat, und schließlich habe ich 1998 noch einmal, mit fünfzig Jahren, in St. Gallen studiert. Da habe ich gelernt, dass die junge Generation ganz anders kämpft, mit einem verbitterten Ehrgeiz. Das kannte ich nicht. Die Headhunter schnappten sich schon bei der Abschlussfeier der Universität die Kandidaten. Da ging keiner unter zweihunderttausend Schweizer Franken Jahresgehalt raus. Was war denn für Sie vorgesehen?Mir bot der Berliner Senat eine Stelle für einen Juristen an, es ging um die Vergabeordnung der Europäischen Union im Zusammenhang mit einem neuen Computerprogramm. Ich habe sehr freundlich abgelehnt. Die wussten ja wohl nicht, dass ich über fünfzig bin. Sie haben sich einmal in einem Interview als Patrioten bezeichnet.Ich bin Europäer, aber zuallererst und viel mehr Berliner. Ich habe eine ganz starke Bindung zu meiner Heimatstadt. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, auf Dauer irgendwo anders leben zu wollen. Im Internat abonnierte ich Berliner Zeitungen. Nach dem Abitur hätte ich bei meiner Schulausbildung jede Karriere in England starten können. Wollte ich aber nicht.Hatten Sie etwa Heimweh?Ja klar, nach Berlin, nach meinem Zuhause. Ich bin ganz bewusst Berliner, weniger Deutscher. Und da bin ich in guter Gesellschaft. In New York habe ich zum Beispiel mal den Enkel von Walter Rathenau getroffen und der fragte mich nach Berlin aus. In dessen Familie, emigrierte Juden, wurde feinstes Berlinerisch gesprochen - nicht Hochdeutsch. Sie haben eine neun Jahre alte Tochter. Vergleichen Sie manchmal Ihre eigene Kindheit nach dem Krieg mit jener, die Ihre Tochter heute in Berlin erlebt?Deutschland war ja damals ein ganz anderes Land. Vom Büro meines Vaters in der Lietzenburger Straße konnte man durch die Ruinen bis zum Kurfürstendamm schauen. Gegenüber war eine Sammelstelle für Altflaschen. Deutschland war ein zerstörtes Land. Die Mehrheit der Menschen lebte in Armut. Meine Tochter wächst im Luxus auf, ihre Klassenkameraden gehen in Gucci-Klamotten zur Schule. Und das Schlimmste ist das Fernsehen. Alle wollen immer nur fernsehen, und was sie da sehen, ist eigentlich nichts für Kinder. Ich bin nicht bereit, so etwas durchgehen zu lassen. Da greife ich als älterer Vater ein, obwohl ich meine Tochter wahrscheinlich viel zu sehr verwöhne.Sie reden jetzt wie jeder andere Vater. Ja, wahrscheinlich.Heute ist es also völlig normal, als Kind einer jüdischen Familie in Berlin aufzuwachsen, als jüdische Familie in Berlin zu leben? Nein, das ist es wiederum auch nicht. Es sind zwar sechzig Jahre vergangen seit dem Krieg, aber es besteht immer noch ein gewisses Interesse an Sonderstellungen - auch von jüdischer Seite. Sonderstellungen sind aber immer schädlich. Einige Formulierungen zeigen schon das Problem. Warum heißt es denn Zentralrat der Juden in Deutschland? Warum heißt es nicht Zentralrat der deutschen Juden? Wenn Sie über Ihr Leben und Ihre Karriere reden, dann sprechen Sie von Ihrem Studium, Ihrer Kanzlei und Ihrem Notariat. Sie erwähnen in solchen Aufzählungen nicht, dass Sie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin sind. Auch nicht, dass Sie Mitglied im Präsidium des Zentralrates sind. Warum nicht?Es ist eine Frage der Wertigkeit. Der Vorsitz der Jüdischen Gemeinde ist ein Ehrenamt und steht nicht höher als mein akademischer Beruf. Dies wird in der Öffentlichkeit vielleicht nicht so gesehen, aber das ist eine andere Sache. Was bedeutet Ihnen der Vorsitz?Ich muss sagen, dass dies wohl die Zeit meines Lebens ist, in der ich den größten Lernprozess durchmachen muss. Ich bin ja selbstständiger Anwalt und Notar, und schon von daher hatte ich vielleicht Schwierigkeiten, mich in die komplizierten Strukturen einer Gemeindeverwaltung einzuleben. Sie wollten ja auch eigentlich nie Vorsitzender der Gemeinde werden.Richtig. Mein Traum war es, Vorsitzender des Gemeindeparlaments zu werden. Ich bin dann aber in die Pflicht genommen worden.Man hört, Ihre Lust am neuen Ehrenjob solle schon deutlich kleiner geworden sein.Nein, das nicht. Aber es geht um die Strukturen, die man ändern muss. Und Eitelkeiten, die abgebaut werden müssen. Es kann nicht sein, dass ich auch noch für die Toilettenpapierbestellung in der Gemeinde verantwortlich gemacht werde. Kürzlich wurde ich mehrere Tage mit einem Streit darüber beschäftigt, ob und wie ein bestimmtes Türschloss ausgewechselt werden sollte. Das desillusioniert. Das baut ab. Für politische Entscheidungen stelle ich gerne meine Energie zur Verfügung, aber für so was nicht. Was baut Sie denn auf?Wenn ich ein Gemeindemitglied dafür gewinne - wie geschehen -, den Neubau eines Gemeindekindergartens in der Charlottenburger Waldschulallee zu finanzieren. Das ist Erfolg. Zwei Drittel der Gemeindemitglieder in Berlin kommen aus Osteuropa - ein Problem?Es ist ein Riesenproblem. Ich persönlich bin gar nicht glücklich darüber, dass sich hier gegenwärtig eine zweisprachige Gemeinde aufbaut. Unsere Zuwanderer sitzen zu Hause auf dem Sofa in Schöneberg und schauen Fernsehen aus Moskau. Das heißt, geistig befinden sie sich ebenfalls dort. Eine Gemeinde, zwei Sprachen, Russisch und Deutsch, das wollen Sie nicht? Ich halte das für eine Fehlentwicklung. Der einzige wichtige Integrationsfaktor ist die deutsche Sprache. Sie selbst lernen also nicht Russisch?Ganz sicher nicht. Aber meine Tochter spricht schon leidlich Russisch. Die lernt das in der jüdischen Grundschule auf dem Schulhof.Wie denken Sie über die Zuwanderer? Die Zuwanderer sind ganz sicher ein Gewinn in kultureller und intellektueller Hinsicht, später vielleicht auch in wirtschaftlicher, auch wenn sich manche Altgemeindemitglieder lieber gegen sie abgeschottet hätten. Wir waren ja eine Gemeinde ohne Expansionsmöglichkeiten. Früher oder später wären wir sehr dezimiert gewesen. Deshalb kann man die Entscheidung des alten Vorsitzenden Heinz Galinski gut heißen, die Zuwanderer nach Berlin zu holen. Das klingt politisch sehr korrekt ...Die nächste Generation hat einen gigantischen Fleiß und gigantische Energie. Das wird ein ungeheures Potenzial für Berlin sein. Es gibt da ein großes Bedürfnis unter diesen Leuten, sich weiterzuentwickeln: Die Mutter geht putzen, damit der Sohn studieren kann. Irgendwann wird diese Stadt mit den Zuwanderern sich so entwickeln wie in den Zwanziger- jahren. Ich kann und will diese Veränderung nicht aufhalten. Die meisten Zuwanderer leben heute von Sozialhilfe.Die Jüdische Gemeinde ist keine reiche Gemeinde. Es gibt einige ganz wenige, die es geschafft haben Der mittellose Rest muss tatsächlich kurzfristig mit Sozialhilfe auskommen. Aber in zehn Jahren schon wird das alles anders sein.Sind Sie in zehn Jahren noch dabei? In Berlin ja. Und sind dann nicht mehr Vorsitzender?Ich gehe nicht davon aus, dass ich meinen Gemeindevorsitz zur Dauereinrichtung eskalieren lasse. Wie lange Zeit wollen Sie sich denn als Vorsitzender geben?Wenn ich mich nach vier Jahren zurückziehe, hoffe ich, in der Gemeinde ein professionelles Management zurückzulassen und einen ausgeglichenen Haushalt.Es heißt, Sie wollten auch an die Spitze des Zentralrates. Ich möchte nicht Vizepräsident des Zentralrates werden, bestimmt nicht. Ihnen wird vorgeworfen, nicht besonders religiös zu sein. Stimmt das?Das kann man so sehen. Ich kenne keinen Vorsitzenden, der regelmäßig in die Synagoge geht. Immerhin bin ich der einzige Vorsitzende, der auf eigene Kosten eine Synagoge - nämlich die am Zehlendorfer Hüttenweg - finanziert hat. Alles andere mache ich mit mir selbst aus. Ich bin gottgläubig und lebe in der Tradition meiner Eltern. Sie haben sich einmal für eine neue Jüdische Hochschule in Berlin stark gemacht - statt eines Holocaust-Mahnmales. Fordern Sie das immer noch?Können wir in dem Zusammenhang zunächst mal über das Wort Holocaust reden? Ich finde es völlig fehl am Platze. Ich finde auch das Wort Shoah furchtbar. Die gesetzlich beschlossene Judenvernichtung von Deutschen an deutschen Juden und später am europäischen Judentum war ein Verbrechen gegen die Menschheit. Die Wörter Holocaust und Shoah abstrahieren das doch nur - Holocaust und Shoah, das hört sich so an, als könne es auch in Grönland bei den Eskimos passiert sein. Nein, für mich bleibt es bei dem Wort Judenvernichtung. Ein deutsches Wort für ein deutsches Verbrechen, begangen im Namen des deutschen Volkes. Das Mahnmal wollen Sie nicht .Beim Mahnmal von Frau Lea Rosh kann man unterschiedlicher Meinung sein. Welche haben Sie?Bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass das Mahnmal von Vorteil ist - weder für das tote noch für das lebendige Judentum. Allein die Diskussion um ein verschärftes Demonstrationsrecht wegen des Mahnmals zeigt doch eigentlich eine unglückliche Entwicklung. Ich hoffe, dass es nicht so kommt, aber ich befürchte da einen Dauerkonflikt - mit katastrophaler Auswirkung auch im Ausland. Aber auf Grund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages wird das Mahnmal nun gebaut. Das akzeptiere ich, bin jedoch nicht bereit, mich von einem Politiker zwingen zu lassen, dies nun als ein positives Ereignis zu betrachten. Und eine Hochschule wird eben nicht gebaut.Ja, und ich finde es traurig, dass es in Berlin, der Wiege des akademischen Judentums, nicht möglich war, eine solche jüdische Hochschule zu reaktivieren. Wir haben Rabbiner, die die hebräische Sprache beherrschen. Ich aber will Rabbiner, die der deutschen Sprache mächtig sind. Die sollen ja nicht nur Gottesdienste leiten, sondern mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Sie könnten doch sagen, die jüdische Hochschule, die verwirkliche ich jetzt, das ist mein Projekt.Ja, darauf arbeite ich auch hin, aber es gibt inzwischen schon das liberale Abraham Geiger-Kolleg in Potsdam, und in der Führungsspitze der Gemeinde besteht nicht mehr das ganz große Interesse an einer weiteren Hochschule. Nur, bei Leo Baeck in den Zwanzigerjahren konnte man sich während des Studiums an der Jüdischen Hochschule in Berlin noch für die Orthodoxie oder das Liberale entscheiden. Wie steht es um das liberale Judentum in Ihrer Gemeinde?Ich suche gegenwärtig einen liberalen Rabbiner - das ist sehr schwer. Die angebotenen Gottesdienste sind ganz sicherlich nicht liberale Gottesdienste, sondern sind am Rande des Konservativen. Selbst die Gottesdienste der gelegentlich amtierenden Rabbinerin sind nicht liberal. Ich kenne aus den Vereinigten Staaten den Reformgottesdienst, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind, und nur das Amtieren den Männern überlassen wird. Dieses Konzept versuchen wir am Hüttenweg, es kommt aber seltsamerweise gerade bei jungen Leuten nicht an. Vielleicht sehen die Sie ja tatsächlich als radikalen Linken. So wie Sie sich einmal selbst bezeichnet haben. Also, wenn rechts die Orthodoxie ist und links das liberale Judentum, dann stehe ich in dem Spektrum natürlich links außen. Und politisch?Auf Grund meines fortgeschrittenen Alters bin ich gegenwärtig alles andere als revolutionär denkend. Ich liebe die politische Mitte. Ich bin parteilos, das sowieso. Aber politisch denkend.Aber Sie können, wenn Sie es für nötig empfinden, sehr eindeutig Stellung beziehen. Warum haben Sie kategorisch dagegen argumentiert, dass Hilde Schramm, die Tochter des nationalsozialistischen Rüstungsministers Albert Speer, für ihr demokratisches Engagement mit dem Moses-Mendelssohn-Preis in der Synagoge an der Rykestraße ausgezeichnet werden sollte?Das ist falsch. Es ging mir nicht um Frau Schramm. Es ging mir um die Vorsitzende der Jury und um ihre Begründung für die Preisverleihung. Unter Zeugen sagte sie: Frau Schramm musste als Kind darunter leiden, dass ihr Vater Nazi war und dass sie, im Gegensatz zu anderen Kindern von Nazi-Oberen, ihren Namen behalten hatte. Hätte man Frau Schramm als Frau Schramm geehrt - ohne Verbindung zu dieser Kindheit - wäre es völlig unkompliziert gewesen. Ich habe ihr schriftlich angeboten, mich mit ihr zu treffen und ihr die Synagoge Oranienburger Straße zu zeigen. Das werden wir nun am 2. September tun. Ich kann es aber meinen Gemeindemitgliedern nicht zumuten, dass während der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage erstmals ihr in der Synagoge Rykestraße der Moses-Mendelssohn-Preis verliehen wird. Das passt nicht; und Frau Schramm ist ja durchaus der gleichen Meinung. Die Jüdische Gemeinde hatte vorgeschlagen, den bekannten jüdischen Publizisten Arno Lustiger und seinen Bruder, den französischen Kardinal, auszuzeichnen. Das christliche und das jüdische Element - das gibt es ja auch in der Familie Mendelssohn. Aber kann man Hilde Schramm denn ihren Vater vorwerfen?Wir Juden haben einen Vorteil: Wir kennen keine Erbsünde, also gibt es keine Sippenhaft. Aber stellen Sie sich vor: diese Konfrontation zur Eröffnung der Jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße - das ist noch zu früh. So lange in meiner Gemeinde Leute leben, die Zwangsarbeit leisten mussten, harmoniert das einfach nicht. In der Diskussion um die umstrittene Gemäldesammlung von Mick Flick scheinen Sie viel gelassener zu sein. Sollen die Bilder in Berlin gezeigt werden oder nicht?Von mir aus ja, ich habe kein Problem damit. Ich sehe in der Ausstellung eine Bereicherung für die Stadt. Dass man sich über die Geschichte der Bilder und die Geschichte der Familie Flick im Nationalsozialismus unterhalten muss, ist etwas anderes.Haben Sie eigentlich Friedrich Merz mal auf Ihre Zeit bei seinem Vater angesprochen?Ja, bei der Bundespräsidentenwahl. Aber der kannte die Geschichte schon.Und in Ihrer Biografie kann man das dann auch nachlesen, die Erfahrungen eines jungen Juristen im gelben Ferrari im Sauerland?Sicher, aber es gibt noch Besseres, Spannenderes zumindest. Ich bin ja früher auch geflogen, und einmal bin ich kurz eingeschlafen. Das war im November 1972. Ich kam dann auf einen falschen Kurs und musste auf einem sowjetischen Flughafen bei Magdeburg notlanden. Damals hätten Motorflieger dafür in der DDR zwei Jahre sitzen müssen. Ich aber war nach fünf Tagen schon wieder draußen. Darüber waren die Amerikaner so erstaunt, dass die mich noch mal verhört haben. Aber die Sache war ganz einfach. Meine Mutter kannte in der DDR einen jüdischen Wohltäter in einer sehr hohen Regierungsfunktion. Und jetzt fliegen Sie nicht mehr? Nein. Ich hatte einen Unfall. Seitdem sehe ich auf dem rechten Auge schlecht. Das Gespräch führten Jochen Arntz und Marlies Emmerich.------------------------------Zur Person // ALBERT MEYER ist im Januar dieses Jahres zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt worden. Seine Wahlliste "Kadima" (Vorwärts) hatte überraschend 20 der 21 Sitze im Gemeindeparlament erhalten. Meyer ist auch Mitglied im Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland. GEBOREN am 2. August 1947 in Berlin, ist Albert Meyer Spross einer alteingesessenen jüdischen Familie. Sein Vater Erich war als Rechtsanwalt tätig. Er besaß ein Kaufhaus in der Frankfurter Allee, das in der Pogromnacht 1938 niederbrannte. Erich Meyer musste Zwangsarbeit leisten. Danach überlebte die Familie im Untergrund bei Potsdam. SEINE AUSBILDUNG hat Albert Meyer in englischen und Schweizer Internaten begonnen. Später studierte er an der Freien Universität und in Göttingen Jura. Im Jahr 2000 absolvierte er ein Zusatzstudium im europäischen und internationalen Wirtschaftsrecht an der Universität St. Gallen und promovierte. Meyer ist Rechtsanwalt und Notar und Vater einer neunjährigen Tochter.DIE WICHTIGSTEN EREIGNISSE in diesem Jahr sind für den Vorsitzenden Albert Meyer die Jüdischen Kulturtage im November und das 100-jährige Bestehen der Synagoge in der Rykestraße am 12. September. ------------------------------Foto(2): Albert Meyer in seiner Kanzlei