KOPENHAGEN, 4. März. Um besser verstehen zu können, was dieser Tage in Kopenhagen passiert, lohnt sich ein Blick zurück. Etwa auf den olympischen Kongress 1994 in Paris. Was war in dessen Vorfeld getönt worden über die Revolutionierung des olympischen Programms, über Athletenpässe und den Medical Code, der zum ersten Mal Doping-Regularien zusammenfassen sollte. Doch der Kongress wurde zur Farce. Hunderte Redner beteten lang vorbereitete und abgesprochene Wortmeldungen herunter, das Ganze ähnelte einem Parteitag nordkoreanischer Kommunisten. Den Führer der so genannten olympischen Bewegung hat s gefreut. Juan Antonio Samaranch war glücklich und zufrieden.Vier Jahre später das Chaos bei der Tour de France. Die Polizei machte Doper und ihre Hintermänner dingfest; es offenbarte sich ein kriminelles Milieu. Doch Samaranch, der IOC-Präsident, greinte öffentlich. Man müsse endlich die Dopingliste etwas lockerer gestalten, forderte er. So fügte sich eine Katastrophe an die andere. Als dann noch der olympische Bestechungsskandal ausbrach, hatte das IOC unter dem Druck einer weltweiten Öffentlichkeit schon zur ersten Anti-Doping-Weltkonferenz nach Lausanne laden müssen.Irrtum des SonnengottsUnd was geschah dort? Der damalige, inzwischen verstorbene, IOC-Medizinchef Alexandre de Merode konnte die Kritik der versammelten Politiker nicht verwinden. Unmittelbar nach dem deutschen Innenminister Otto Schily stieg der Edelmann in die Bütt und verlor die Contenance. Er erging sich in Lobhudeleien über die vermeintlichen Leistungen seines Gremiums - und er forderte allen Ernstes, dass nicht nur Sportler, sondern auch "Künstler, Lastwagenfahrer und Minister nach langen Kabinettsitzungen" zu Dopingtests gebeten werden. Schließlich Samaranch. Der Sonnengott verkündete: "Ich werde Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur sein. Prinz Alexandre de Merode wird mein Stellvertreter." Es ist nicht ganz so gekommen.Richard Pound, der amtierende Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), erinnert sich gut an jene Zeit. "Als damals in Lausanne die Politiker eine unabhängige Agentur und 50 Prozent der Vorstandssitze forderten, kam Samaranch zu mir und sagte: Um Himmels willen, es ist vorbei. Es ist aus! Er hat nicht begriffen, dass das ein Anfang war." Das konnte Samaranch wirklich nicht begreifen, weil es nicht in sein Weltbild gepasst hat.Vier Jahre später arbeitet die Wada sehr respektabel und kann spektakuläre Erfolge vorweisen - wie etwa den kombinierten Blut-Urin-Test auf das Blutdopingmittel Epo und die Enttarnung des dopenden Skilangläufers Johann Mühlegg. "Wir leben in einer anderen Zeit", sagt Pound. "Gegenüber 1998, der Zeit des Tour-Skandals, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht", sagt Klaus Müller, Leiter des Dopingkontroll-Labors in Kreischa. Und IOC-Präsident Jacques Rogge teilte am Montag zu Beginn der zweiten Anti-Doping-Weltkonferenz verbale Ohrfeigen an seinen Vorgänger Samaranch aus. Dreißig Jahre haben das IOC und die Regierungen im Dopingbereich unkoordiniert und ineffektiv dahergewerkelt, sagte Rogge. Ein Satz, der ein großes Maß an Selbstkritik enthielt. Viel härter hätte ein IOC-Präsident das kollektive Versagen wohl kaum formulieren können.Samaranch ist nicht in Kopenhagen. "Ich habe ihn nicht eingeladen", sagt Pound. "Was soll er auch hier? Er müsste sich doch sonst nur die Vorwürfe anhören. Die Leute hätten ihn gefragt, warum man eigentlich nicht viel früher gegen Doping vorgegangen ist."Nun wird es also den ersten weltweit gültigen Anti-Doping-Code geben. Alle internationalen Sportverbände, wohl auch sämtliche Nationalen Olympischen Komitees (NOK) werden am Mittwoch im Bella Center der Version 3.0 des Codes zustimmen. Bis zu den nächsten Olympischen Spielen müssen sie ihn in ihre Statuten implementieren. Die Regierungen werden ihrerseits eine Deklaration von Kopenhagen verabschieden, die der dänische Sportminister Brian Mikkelsen so schnell wie möglich in eine Anti-Doping-Konvention der Unesco einfließen lassen will. "Es sieht sehr, sehr gut aus", sagt Mikkelsen, wenngleich es noch eine Reihe von Widerständen zu überwinden gilt. Aus welchen Gründen auch immer - ob aus tiefster Überzeugung, unter politischen Druck oder aus Opportunismus -, diese Konferenz wird den Weltsport nachhaltig beeinflussen. "Es ist ein großer Moment", sagt Roland Baar, der deutsche Athletenvertreter im IOC, "auch wenn man nicht zu euphorisch sein sollte. Aber immerhin: Dieser Code ist ein lebendiges Objekt, das etwas hergibt und an dem man weiter arbeiten kann."Es wäre absurd zu behaupten, dieser Code könne alle Probleme lösen. Doch gibt er Handlungsanweisungen und setzt all jene unter Druck, die sich ihm unterwerfen. Wie auch jene, die das Treiben in Kopenhagen noch mit hochgezogenen Augenbrauen beobachten, etwa die großen nordamerikanischen Profiligen. Russlands Sportminister Wjatscheslaw Fetisow, selbst lange Jahre Eishockeyspieler in der NHL, forderte die Profiligen in blumigen Worten auf, "endlich der Weltsportfamilie beizutreten". Überzeugender wäre seine Argumentation, würde Russland der Wada die ausstehenden Jahresbeiträge für 2002 und 2003 überweisen. Laut Wada-Schatzmeister Craig Reedie hatten bis zum Montag für 2002 Russland, Italien und die USA noch nicht gezahlt, um nur große Sportnationen zu erwähnen. Im Etat für 2002 sind von den avisierten 8,5 Millionen Dollar, für die Regierungen aufkommen müssen, erst 5,6 Millionen auf Wada-Konten eingegangen. Reedie erwartet nicht mehr als insgesamt 7,8 Millionen Dollar. Für 2003 haben bisher nur Ozeanien und die Niederlande bezahlt. Alle anderen Nationen, darunter auch Deutschland, haben ihre Rechnungen erhalten, teilte Reedie mit. Um die Zahlungsmoral ist es nicht zum Besten bestellt.Offener DiskursZu den Problemfällen zählt auch Griechenland, das sich partout nicht dem Welt-Sportgerichtshof Cas unterwerfen will. Ausgerechnet die Griechen, Olympiaausrichter 2004 und traditionell von zahlreichen Dopingfällen und Gerüchten belastet. Zu den größten Gefahrenherden einer weltweit einheitlichen Dopingbekämpfung gehören weiterhin die Amerikaner. Der schwedische Dopingforscher Bengt Saltin, dem maßgeblich die Enttarnung des Dopers Mühlegg zu verdanken ist, äußerte sich gegenüber Journalisten ausführlich zu den vielen Merkwürdigkeiten des amerikanischen Systems. "Die Welt hat nur ansatzweise gesehen, wie groß der Dopingskandal in Amerika ist", bilanzierte Saltin: "Die USA sind keinen Deut besser, als es die DDR und die Sowjetunion waren."Pound äußerte sich schon am zweiten Tag der Konferenz hochzufrieden. "Im Laufe der Zeit kann sich niemand dem Code entziehen", hofft er. Potenzielle Fragesteller konterte er mit den Worten: "Wie hat es ihnen gefallen? Das war doch wohl eine offene Aussprache, oder?" Nie zuvor hatte es so etwas gegeben: Am Dienstag sprachen zunächst die Regierungsvertreter, danach die Mitglieder der IOC-Athletenkommission, die Fragen aus dem Auditorium beantworteten, und am Nachmittag konnten und mussten sich sämtliche olympischen Weltverbände präsentieren. Sie alle hatten in den vergangenen Monaten schon schriftlich ihre Meinungen eingebracht. Am Ende akzeptierten auch die bislang zurückhaltenden Föderationen der Fußballer und Radsportler das Papier. Doch wie hat es IOC-Präsident Jacques Rogge formuliert? Letztlich komme es nicht darauf an, "was hier gesagt, sondern was später getan wird". Eben.Dokumente, Hintergrundinformationen und eine Originalübertragung der Konferenz auf der Internet-Seite der Wada: www.wada-ama.orgWiderstand aufgegeben // Die Weltverbände der Fußballer (Fifa) und Radsportler (UCI) werden dem Anti-Doping-Code und damit einer Regelstrafe von zwei Jahren schon bei erstmaligen Verstößen zustimmen. Dies gaben beide Föderationen einen Tag vor Abschluss der Anti-Doping-Weltkonferenz in Kopenhagen bekannt.Der Anti-Doping-Code wird damit von allen olympischen Sportarten akzeptiert.Der Fußball-Weltverband (Fifa) schloss sich am Dienstag einer gemeinsamen Erklärung der olympischen Mannschaftssportarten an, wonach der Code in vorliegender Fassung unterschrieben werde. Allerdings heißt es in einer Zusatzerklärung, die Regelsperre sei vom Maß der Schuld abhängig zu machen. Damit befinde man sich in Übereinstimmung mit dem Text des Codes, der ausdrücklich die Einzelfall-Prüfung vorsehe, sagte Jiri Dvorak, Leiter der Medizinischen Kommission der Fifa.Der Rad-Weltverband (UCI) will ebenfalls trotz bestehender Bedenken dem Welt-Anti-Doping-Code zustimmen. Die beiden Weltverbands-Präsidenten Joseph Blatter (Fußball) und Hein Verbruggen (Radsport) waren der Anti-Doping-Weltkonferenz in Kopenhagen demonstrativ fern geblieben.AP/JOHN MCCONNICO Spektakuläre Erfolge: Richard Pound, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).