BERLIN. Das ist doch mal eine gute Nachricht für den Sport: Anwar Chowdhry (83) ist gestürzt. Der Weltverband der Amateurboxer (AIBA) hat einen neuen Präsidenten. 20 Jahre lang hat der Pakistani Chowdhry die AIBA mit vorsintflutlichen Methoden geführt, auf dem Kongress in Santo Domingo verlor er die Abstimmung gegen den 60 Jahre alten Taiwanesen Ching-Kuo Wu mit 79:83 Stimmen bei einer Enthaltung. Eine so knappe Entscheidung hat es in der olympischen Welt bisher kaum gegeben.Für das Amateurboxen ging es um Leben oder Tod. Zwar hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC), zu dessen Mitgliedern Ching-Kuo Wu seit 1988 zählt, auf seiner Session im Juli 2005 in Singapur dem Sport noch einmal bis 2012 den Olympiastatus verpasst, eine Zahlung aus den Fernsehgeldern in Höhe von 9,15 Millionen US-Dollar war jedoch eingefroren worden. Das Problem der AIBA heißt seit zwei Jahrzehnten Anwar Chowdhry. Es ist selten nachvollziehbar, auf welchen Konten in diesem Verband Geld verschwindet. Von der Opposition war moniert worden, dass über Ausgaben von 670 000 Dollar keine Belege existieren. Verantwortlich dafür: Chowdhry und sein Generalsekretär Caner Doganelli (Türkei).Im Visier von EuropolChowdhry hatte noch in Santo Domingo getönt, nur er allein könne die AIBA führen. "Wu hat keine Ahnung, der weiß nichts über Boxen", sagte er. Nun wurde Chowdhry davon gejagt. Doganelli allerdings, der ebenfalls einen katastrophalen Ruf genießt und dem Nähe zur organisierten Kriminalität nachgesagt wird, darf bleiben. Wegen des Umsturzes nun aber von einer Revolution zu sprechen, wäre verfrüht. Sicher, Sportkamerad Wu hat einen guten Leumund; allerdings darf man nicht vergessen, dass sein Weg ins Präsidentenamt vor allem durch die zurückgezogene Kandidatur eines mutmaßlichen Drogendealers namens Gafour Rachimow möglich wurde. Der Usbeke, der im Visier von Europol, FBI und anderen Ganovenjägern steht, hatte selbst Präsident werden wollen. Zuletzt empfahl er dem AIBA-Völkchen - und hier besonders den afrikanischen Delegierten -, Ching-Kuo Wu zu wählen. Er dürfte seine freundliche Empfehlung unterlegt haben mit diversen Gaben, anders läuft es in diesem Verband kaum.Das Problem der AIBA ist also noch lange nicht gelöst. Korruption, ob nun in Form von Unterschlagung, Kampfrichterbetrug oder Erpressung, dominiert nach wie vor den klinisch toten Verband. Herr Dr. Wu, ein ehemaliger Basketballer und Architekt, steht eine titanische Aufgabe bevor. Es wird interessant sein, welche Skandale er ans Tageslicht befördert und wie er sich zu Doganelli und Rachimow verhält.Die Nähe zum IOC ist schon mal gegeben. Durch Ching-Kuo Wu persönlich und durch den Umstand, dass die AIBA in der Schweiz ihre Geschäftsstelle hat. Eines hat sogar Rachimow begriffen, wie er den nationalen Boxverbänden kürzlich schriftlich mitteilte: "Eine der perspektivischen Aufgaben der AIBA besteht meiner Ansicht nach darin, in einen konstruktiven Dialog mit dem IOC zu treten und bedingungslos alle Empfehlungen des IOC zu akzeptieren." Nun dann.------------------------------Foto: Endlich am Ziel: Dem Taiwanesen Wu ist der Umsturz gelungen.