BERLIN, 20. April. Der Tag eins des Pontifikats von Benedikt XVI. begann mit Jubelfeiern in Rom, aber auch mit einem sportpolitischen Rückschlag für die katholische Sportbewegung in Berlin. Im Hotel Interconti tagte am Mittwoch die Generalversammlung der Sport-Weltverbände (GAISF) und hatte sich unter anderem mit der leidigen Frage ausstehender Beitragszahlungen zu befassen. Größter Sünder im Rahmen der GAISF war eine Organisation namens FICEP (Fédération Internationale Catholique d'Education Physique et sportive). Die FICEP hat nicht nur zwölf Mitgliedsnationen, darunter Deutschland, sie hat auch zwölf Jahre keinen Beitrag an die GAISF bezahlt. Und so machten, Papstwahl hin oder her, die Sportkameraden kurzen Prozess mit den katholischen Brüdern. GAISF-Chef Hein Verbruggen aus Holland hatte kein Erbarmen mit den Kirchensportlern. Ruckzuck war die FICEP ausgeschlossen, ohne Widerspruch.Der Katholik Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), würde eine Menge dafür geben, wenn es ihm so leicht gemacht würde bei der Neuordnung des Olympischen Programms. Einfach jene Weltverbände rausschmeißen, die keine Steuern zahlen? So einfach ist es schon deshalb nicht, weil kein Verband einen Beitrag für die Teilnahme an den Spielen entrichten muss. Ganz im Gegenteil, im Schnitt verteilt das IOC zehn Millionen Dollar an die 28 olympischen Sommersportverbände. Die meisten Föderationen könnten ohne die IOC-Alimente nicht existieren. Und genau das ist das fundamentale Problem, dem sich Rogge ausgesetzt sieht.Pferde wechseln?Zum letzten Mal musste sich nach den Spielen 1936 eine Sportart verabschieden (Polo). Seitdem wurde das Programm nur erweitert. Rogge kann die Zahlen herbeten: "Siebzehn Sportarten 1948 in London mit 150 Entscheidungen und 4 500 Athleten. 2004 waren es in Athen 28 Sportarten, 301 Entscheidungen und 10 500 Athleten." Das ist die Grenze. Mehr geht nicht, darüber sind sich alle einig. Nur will niemand weichen, weshalb die Sportverbände zusammenhalten wie Pech und Schwefel. "Die wollen sich selber schützen, indem sie alle schützen", sagt der altgediente IOC-Fahrensmann Walther Tröger. "Es hat aber keinen Sinn, dass sich eine der drei Säulen der Olympischen Bewegung so massiert, dass die anderen auf der Strecke bleiben."Schon einmal, im Herbst 2002, war Rogge mit seinem Vorhaben gescheitert, das Programm zu reformieren. In Mexiko-City schmetterte die IOC-Session die Vorschläge ab. Seither hat sich die Lage kaum entspannt, wie die Diskussionen beim Weltsportgipfel in Berlin bewiesen. "Wir sind sicherlich offen, Veränderungen zu diskutieren", sagt etwa Klaus Schormann, Präsident des Weltverbandes der Modernen Fünfkämpfer, der seit Jahren erfolgreich gegen den Olympia-Ausschluss kämpft und dabei seine kleine Sportart ebenso erfolgreich modernisiert hat. Doch Schormann sagt auch: "Die Olympischen Spiele sind deshalb stark, weil sich die Sportarten exzellent präsentieren. Man will doch nicht mitten im Wettkampf die erfolgreichen Pferde wechseln?"Am Dienstagabend haben die Verbandschefs Briefe vom Exekutivkomitee erhalten, in denen das Procedere für die bevorstehende Session in Singapur und die Wahl der Olympiasportarten 2012 erläutert wird. Für Schormann aber bleiben viele Fragen offen. "Wie sollen wir langfristige Marketingverträge abschließen, wenn wir uns alle vier Jahre einer olympischen Wiederwahl stellen müssen? Welche Sicherheiten können wir unseren Sponsoren und TV-Partnern bieten?" Im Interconti formierte sich eine kleine Runde mit Schormann, dem Kanu-Boss Ullrich Feldhoff und den Chefs der Gewichtheber, Turner, Hockeyspieler und Ringer. Fast alle sind akut gefährdet. "Was wir machen, ist kein Aufbegehren", sagt Schormann abwiegelnd. "Wir verlangen nur mehr Klarheit. Am besten bis Anfang nächster Woche."Auf der Vollversammlung im Juli in Singapur sollen 117 IOC-Mitglieder über das Schicksal von 28 Verbänden abstimmen. Es ist ein kompliziertes Procedere (siehe nebenstehende Meldung). "Das klingt alles sehr bürokratisch", sagt IOC-Chef Rogge. "Aber es geht nicht anders. Es gibt keine Alternative. Und es gibt keine Garantie für irgendeine Sportart."Wen wird es also im Juli in Singapur erwischen bei einer der spannendsten Abstimmungen der letzten Jahrzehnte? Fliegt überhaupt jemand aus dem Programm? So wie die katholische Sportvereinigung FICEP am Mittwoch in Berlin aus der GAISF? Als Jacques Rogge diese Nachricht hörte, musste er lachen. Dann sagte er, ganz Diplomat: "Vielleicht kann der neue Papst da noch was ausrichten."------------------------------Programmfragen // Sommerspiele 2012: Nachdem die Programmkommission ihre Analyse vorgelegt und das IOC-Exekutivkomitee in dieser Woche in Berlin darüber diskutiert hat, geht es nun in vier Phasen weiter.Phase 1: Am 8. Juli 2005 wird die IOC-Vollversammlung in Singapur über jede der 28 Sportarten einzeln abstimmen. Wer mindestens 51 Prozent der Stimmen erhält, ist im Olympia-Programm 2012. Wer keine Mehrheit bekommt, wird gestrichen, behält aber seinen Status als olympische Sportart und könnte für 2016 erneut wieder ins Programm aufgenommen werden.Phase 2: Sollte mindestens eine Sportart herausgewählt werden, wird das Exekutivkomitee aus dem Kreis der fünf Anwärter einen oder mehrere Kandidaten auswählen und der Vollversammlung für den 9. Juli zur Wahl vorschlagen.Phase 3: Im ersten Wahlgang der Session benötigt der Anwärter eine Zweidrittel-Mehrheit, um olympische Sportart zu werden. Im zweiten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit, um in das Programm für 2012 aufgenommen zu werden.Phase 4: Im Herbst 2005 entscheidet das Exekutivkomitee über die Disziplinen und Wettbewerbe und über die Teilnahme-Quoten. Mit 301 Wettbewerben und 10 500 Sportlern sind durch die Olympische Charta Grenzen gesetzt.Sportarten: Stand Athen 2004: Leichtathletik (46 Entscheidungen), Schwimmen (44), Radsport (18), Ringen (18), Turnen (18), Schießen (17), Kanu (16), Gewichtheben (15), Judo (14), Rudern (14), Boxen (11), Segeln (11), Fechten (10), Taekwondo (8), Reiten (6), Badminton (5), Bogenschießen (4), Tennis (4), Tischtennis (4), Volleyball (4), Basketball (2), Fußball (2), Handball (2), Hockey (2), Moderner Fünfkampf (2), Triathlon (2), Baseball (1), Softball (1). Anwärter aufs Olympia-Programm: Golf, Rugby, Squash, Karate, Inline-Skating.Kongress: 2009 soll ein Olympischer Kongress abgehalten werden - in Verbindung mit einer Session, auf der das Thema einer Verlängerung von Rogges Präsidentschaft auf der Agenda steht.Reiten 2008: Das IOC wird bis Mitte des Jahres über eine mögliche Verlegung der Reiterwettbewerbe 2008 von Peking nach Hongkong entscheiden. Das Organisationskomitee von Peking (Bocog) hatte am Dienstag den offiziellen Antrag auf Standortänderung gestellt. Begründet wird dies mit der Gefahr von Pferdeseuchen in Peking. Der Plan wird vom Reiter-Weltverband FEI abgelehnt, weil man nicht zum Randereignis der Spiele werden will. Rogge sagte, das IOC sei erstmals im Juni 2004 mit dem Problem konfrontiert worden. Man habe inzwischen eine Expertenkommission für Pferdeseuchen nach China geschickt, die notwendige Gegenmaßnahmen aufgelistet habe.------------------------------"Es gibt keine Alternativen. Und es gibt keine Garantie für irgendeine Sportart." IOC-Präsident Jacques Rogge------------------------------Foto: Brüllen für Olympia: Neuseelands Rugbyspieler (hier beim Haka, dem traditionellen Tanz vor dem Spiel) könnten eine Bereicherung sein. Rugby gehört wie Golf, Squash, Karate und Inline-Skating zu den Anwärtern aufs Olympiaprogramm.