Die magische Adresse Unter den Linden 1 ist vergeben. Bertelsmann hat den Zuschlag zum Wiederaufbau der ehemaligen Kommandantur gegenüber dem Zeughaus erhalten, etwa an der Stelle, an die das Denkmal des Freiherrn vom Stein beim Bau des inzwischen abgebrochenen Außenministeriums der DDR versetzt worden ist. Das Zutrauen der öffentlichen Hand zu diesem Investor ist groß, selbst wenn hinter vorgehaltener Hand enttäuscht geraunt wird, in der wieder aufgebauten Kommandantur würden doch bloß Preisträger gelobt, dabei Champagner ausgeschenkt und Medienpräsentation nach neuestem technischen Stand betrieben. Das ist sicherlich eine Bereicherung, aber noch kein richtiger Zugewinn für die Hauptstadt. Und wahrscheinlich kommt es wieder zu dem leidigen Auseinanderbrechen zwischen rekonstruierter Außenhaut und funktionalistischem Innenausbau.Die Kommandantur wirft neben ihrem eigenen Wiederaufbau die Frage nach dem nach 1945 nahezu gänzlich abgeräumten alten Stadtteil des Friedrichwerder auf, der einst die Fläche zwischen dem Spittelmarkt im Süden und der Straße Hinter dem Gießhaus im Norden sowie dem Kupfergraben und dem Straßenzug Oberwall-/Niederwallstraße einnahm und der zwischen dem Zeughaus und der Kommandantur von Berlins berühmtestem Straßenzug, den Linden, durchquert wird. Über den Friedrichwerder zielt die jetzt mit der Kommandantur eingeleitete Entwicklung letztlich auf die Frage nach dem Stadtschloss. Aber unweigerlich muss sich zunächst die Frage stellen, wie man es mit dem Wiederaufbau dieses Quartiers halten will, der in bestimmten Grundzügen durch das "Planwerk Innenstadt" bereits vorgedacht, aber noch nicht ausformuliert worden ist.Vor dem Hintergrund des Wiederaufbaus der Kommandantur darf man gespannt sein, wie für die Bauakademie Schinkels als viel bedeutsamerem Bauwerk die Grundlagen für Finanzierung, Wiederaufbau und Nutzung bereitet werden zumal die Bauakademie ihrerseits neben der Friedrichwerderschen Kirche das absolute Pionierbauwerk für den Friedrichwerder ist. Denn die Bauakademie kann ihrerseits ihre Besonderheit wiederum nur im Zusammenwirken mit ihrem Umfeld eben dem Friedrichwerder entfalten, nicht aber nur als Appendix überbordender öffentlicher oder renditeträchtiger Großbaukörper, die irgendwie an der Westseite des Auswärtigen Amtes in Richtung Wallstraße entstehen könnten. Die Bauakademie besitzt ihren Rang schließlich auch als eine Art "Krone" für ihre Umgebung, in die sich Alt- und Neubau des Auswärtigen Amtes schon recht gravitätisch und fast despektierlich hineinschieben.Was der Friedrichwerder einmal gewesen ist, das ist heute der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Und es wissen wohl nicht einmal diejenigen, die über das künftige Schicksal dieses Areals befinden, obgleich sie über ein Gebiet zu entscheiden haben, auf dem nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Städtegründung des Großen Kurfürsten Gestalt angenommen hatte. Selbst wenn sich diese gegenwärtig im Zustand eines berlinischen Pompeji befindet, darf der hämische Verweis, da stehe ja nichts mehr, nicht zur Abqualifizierung dieses Areals einfach so hingenommen werden, obwohl alle Erfahrung zeigt, dass der erzielbare Preis pro Quadratmeter Grundstücksfläche und folglich das Maß der baulichen Ausnutzung allemal höher geschätzt werden wird als der lebendige Zugewinn und die gestalterische Qualität für die historische Mitte der Stadt, zu der der Friedrichwerder gehört. Der Friedrichwerder wird damit zu einem Fieberthermometer, wie wir es mit der Verbindlichkeit von Geschichte halten, zu der sich die Sonntagsreden bekennen und die zurückzuholen der Wiederaufbau der Kommandantur ja anstrebt.Der Argwohn vieler Menschen gegenüber der modernen Architektur tendiert ohnehin zu einer traditionellen, sich am Formenapparat der Vergangenheit ausrichtenden Architektur, die in gewollter Untertreibung derzeit gern als "un-zeitgemäß" dargestellt wird. Damit der Friedrichwerder nicht in ein riesiges "Adlon" verwandelt wird, müssen aber Fragen nach Gebäudetypen, Maßstäblichkeiten und nicht zuletzt von Stadtbaukunst im Detail gestellt werden, damit das historische Beziehungsgeflecht des Friedrichwerder in eine neue Entwicklung gebracht werden kann.Der Friedrichwerder entpuppt sich unter solchen Voraussetzungen als eine Art Gesamtkunstwerk, das nicht in einzelne Portionen zerlegt und vermarktet werden darf. Vermutlich werden sich jedoch die Entscheidungsträger von solchen Erwägungen über ein zusammenhängendes Ensemble nicht beeinflussen lassen, wenn solche Qualitätsnormen erzielbare Grundstückspreise in Gefahr bringen. Es sei denn, es gäbe wieder eine Art von neuem "Großen Kurfürsten" als umfassenden Grundeigentümer, der sich neben der Rendite auch dem Schicksal des Ortes verpflichtet weiß. Ein neuer "Großer Kurfürst" wäre gegen alle Gepflogenheiten von öffentlicher Grundstücksausschreibung deshalb wünschenswert, weil nur er in der Lage wäre, einen wirtschaftlichen Ausgleich zwischen einzelnen Bauvorhaben herzustellen, während eine Summe von Einzeleigentümern immer nur ihr Einzelinteresse verfolgen. Denn so entsteht schlicht die Gefahr, dass der Wiederaufbau der Bauakademie nicht finanzierbar ist, zumal wenn die öffentliche Hand sich weiterhin auf absehbare Zeit solchen Bauaufgaben entziehen muss.Ohne Bauakademie bliebe der Friedrichwerder aber ein Torso. Und vielleicht spricht auch für einen neuen Großen Kurfürsten, eine architektonische Grundstimmung des neuen Friedrichwerder zu erreichen und sich unabhängig von den Hausarchitekten der Investoren wie auch von Ergebnissen zu lösen, die bei öffentlichen Wettbewerben durch Vorauswahlen die Folge sind.Das gehobene Berliner Bürgertum redet über Geschichte und räsoniert über den verkehrten Lauf der Welt, vor allem über die Provinzialität Berlins. Diese Leute wohnen in Dahlem, aber sie denken nicht darüber nach, wie vielleicht auf dem Friedrichwerder ein Neu-Dahlem entstehen könnte. Niemand stellt die Frage, wie hier mitten im Herzen der Stadt nicht nur im Wortsinne abgehobene Penthäuser oberhalb von vier Gewerbestockwerken entstehen, sondern wie in neuen Bürgerhäusern ein alter Gebäudetypus wieder belebt werden kann, damit sich hier ein neuer "Städter" (eben nicht bloß ein Urbanit) niederlässt, der hier wohnt und arbeitet und sich über diesen Ort im Herzen der Stadt mit deren Schicksal in bürgerschaftlicher, nicht in spekulativer Verbundenheit identifiziert.Der Friedrichwerder entstand nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und den Überschuldungen infolge der den Bürgern der beiden mittelalterlichen Altstädte von Berlin und Cölln auferlegten Kriegskontributionen seit den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts als obrigkeitlich geplanter Neuanfang in Berlin. Nur der Kurfürst war in der Lage, aus seinem eigenen Grundbesitz lastenfreie Grundstücke zu vergeben und die Bedingungen ihrer Vergabe individuell zu bestimmen. Wegen der unmittelbaren Nähe zum Herrschaftszentrum im Stadtschloss spiegelte der Werder im Laufe seiner Geschichte nur zum Teil die scheinbare Idylle einer kleinen Bürgerstadt.Der Spittelmarkt war immer den Problemen des ost-westlichen Durchgangsverkehrs durch die Stadt im Zuge Mühlendamm Leipziger Straße ausgesetzt. Unter den Linden setzte der kleine Königsbezirk mit Kronprinzenpalais und Neuer Wache im Kastanienwäldchen seit den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts kontinuierlich bis in die Spätzeit des 19. Jahrhunderts einen besonderen hoheitlichen Schwerpunkt. Einzelne Standorte auf dem Friedrichwerder wie beispielsweise die von Friedrich dem Großen im alten Jägerhof eingerichtete preußische Staatsbank oder das erste Kaufhaus der Stadt an der Ecke Kurstraße/Werderstraße leiteten jeweils besondere Entwicklungen ein, die über die Stadt des Großen Kurfürsten hinausgreifen sollten die Staatsbank an der Jägerstraße wurde neben der preußischen Seehandlung während des 19. Jahrhunderts zur Keimzelle des sich bis zur Wilhelmstraße schließlich erstreckenden Bankenviertels, das Kaufhaus Gerson zum Ausgangspunkt einer Konzentration von Kauf- und Warenhäusern zwischen Alexanderplatz und Leipziger Platz im Zuge der Leipziger Straße, wie sie besonders in der Zeit um 1900 entstand. In den Läden der Bauakademie lag die Keimzelle für das, was später am Spittelmarkt als Zentrum der Berliner Konfektionsbranche heranwuchs.Zu den Besonderheiten des Friedrichwerder gehörte als Grundlage die homogene Mischung staatlicher Einrichtungen, gewerblicher Unternehmungen und eines hohen Anteils an Wohnbevölkerung unterschiedlicher sozialer Stände in den räumlichen Schwerpunkten Unter den Linden, Werderscher Markt/Jägerstraße, Alte Leipziger Straße, Spittelmarkt. Und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war es die Regel, dass der Betriebsinhaber über seinem in den unteren Stockwerken untergebrachten Gewerbebetrieb auch wohnte. Zu den Besonderheiten des Friedrichwerder gehörte schließlich, dass neben den Standbildern Unter den Linden auf dem Schinkelplatz mit den Standbildern von Schinkel, Beuth und Thaer drei um den Staat verdiente bürgerliche Männer als Vertreter von Kunst, Gewerbefleiß und Landwirtschaft geehrt wurden.Der Friedrichwerder war Wohnort bedeutender Persönlichkeiten der brandenburgisch-preußischen Geschichte: Der Erste Bürgermeister des Friedrichwerder, der kurfürstliche Festungsbaumeister und Ingenieur Johann Gregor Memhardt, der zusammen mit dem nach dem Dreißigjährigen Krieg um Berlin herum angelegten Festungsgürtel auch den Grundriss des Friedrichwerder entwarf, erhielt 1653 auf der Stelle der späteren Kommandantur Unter den Linden "erb- und eigenthümlich" ein Grundstück und baute mit kurfürstlicher Unterstützung auf ihm sein Wohnhaus. Ende des 17. Jahrhunderts entstand in der Kurstraße heute durch den Ergänzungsbau des Auswärtigen Amtes überlagert das Stadtpalais des brandenburgisch-preußischen Staatsministers Eberhardt Christoph Balthasar von Danckelmann, unter König Friedrich I. 1695 Premierminister und Oberpräsident aller Landeskollegien. Antoine Pesne, der Hofmaler Friedrichs des Großen, erhielt auf dem Friedrichwerder ein Grundstück angewiesen. Ewald Graf Hertzberg, der für Friedrich II. den Hubertusburger Frieden ausgehandelt hatte, bewohnte bereits seit den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts auf der Stelle des abgebrochenen Leipziger Tores in der Niederwallstraße sein Stadtpalais, während das noch erhaltene Gut Britz nicht nur seine Sommerresidenz war, sondern auch zu einer Art Mustergut reformierter Landwirtschaft ausgebaut wurde. Das Weydingerhaus Unterwasserstraße 5, beim Neubau der Reichsbank 1933 untergegangen, wurde im Gefolge der Schinkelschen Formenwelt zum Beispiel eines sehr noblen Bürgerhauses.Nicht nur Schinkel, der mit der Friedrichwerderschen Kirche sowie seiner Bauakademie heute die Erinnerung bestimmt, sondern nahezu alle bedeutenden Staatsarchitekten des 17. und 18. Jahrhunderts haben auf dem Friedrichwerder gebaut. Neben Memhardt stehen Johann Arnold Nering mit den ersten Entwürfen für das Zeughaus und dem Bau des Danckelmannschen Hauses, Andreas Schlüter mit dem Umbau der Münze hinter dem Zeughaus, Friedrich Wilhelm Diterichs mit dem Palais für den Markgrafen von Brandenburg-Schwedt in der Oberwallstraße, Philipp Gerlach mit dem Kronprinzenpalais Unter den Linden, Friedrich Wilhelm Konrad Titel mit der Kommandantur und Heinrich Gentz mit der Neuen Münze am Werderschen Markt. Dazu kamen dann die Privatarchitekten des 19. Jahrhunderts, die mit dem Entwurf von Staatsbauten beauftragt wurden, wie Friedrich Hitzig, der hier die neue Reichsbank entwarf und das Zeughaus umbaute, oder die wie Alfred Messel mit Geschäftshäusern zu Wort kamen. Mit seinen so genannten "Werder-Häusern" erreichte Messel immerhin die Vorstufe der Moderne in der jüngeren Baukunst, die mit dem Kaufhaus Wertheim in der Leipziger Straße dann etwa zehn Jahre später ihren endgültigen Durchbruch erzielen sollte.Dieses geschichtliche Erbe liegt tatsächlich unter der Oberfläche des Friedrichwerder. Und was zählt nun? Das Planwerk Innenstadt hat unter schmerzhaften Kompromissen die Struktur der historischen Topografie nur annähernd nachgezeichnet, ohne die der Bedeutung des Gebietes angemessene Detaillierung zu erreichen. Aber was wird auf diesen ersten stadtstrukturellen Entwurf folgen? Doch nur Gewinnmaximierung? Doch nur moderne Architektur im Großmaßstab wie der bis an die Werderstraße vorgeschobene Ergänzungsbau des Auswärtigen Amtes, der selber ohne Rücksicht auf die sensible historische Topografie des alten Friedrichwerderschen Marktes nach gängiger Architektur als Klotz entstanden ist und trotz aller positiven Würdigung der Entwurfsqualität drastisch die Gefahren aufzeigt, die dem Friedrichwerder schon allein durch Maßstabsverschiebungen drohen.Wahrscheinlich sollte man sich die Umstände in die Erinnerung rufen, unter denen die Bauakademie Schinkels entstanden war. In einer Zeit der Reaktion, nach den politischen Unruhen der so genannten Schneider-Revolte und nach der Schreckenszeit der Pest in Berlin wurde die Bauakademie auf der Grundlage einer Reform des an ihr betriebenen Studiums zum Ausdruck einer Reform, eines Neuanfangs auch in der Architektur ins Werk gesetzt modern und gleichzeitig als Ausdruck vaterländischer Bautradition durch Aufgreifen der Ziegelbauweise. Aus der Wiederaufnahme solcher Kontinuitäten ergäbe sich von allein das angemessene Mischungsverhältnis von Geschichte und Innovation.Der Autor ist Landeskonservator von Berlin."Der Ergänzungsbau des Auswärtigen Amtes zeigt drastisch die Gefahren auf, die dem Friedrichwerder drohen. ""Über den Friedrichwerder zielt die mit der Kommandantur eingeleitete Entwicklung auf die Frage nach dem Stadtschloss. " Der Friedrichwerder mit dem Außenministerium. Das Gebiet erstreckte sich einst zwischen Spittelmarkt und Kupfergraben und wurde am Zeughaus von den Linden durchquert.