Der Präsidentschaftswahlkampf in Rußland ist in seine "heiße" Phase getreten. In einer Artikelreihe stellt die Berliner Zeitung bis zum Urnengang am 16. Juni die Kandidaten vor. Heute: Der Chef von Jabloko, der Wirtschaftsreformer Grigori Jawlinski.Von der Konkurrenz umworben wie kein zweiter, vom Wahlvolk aber bestenfalls auf Rang drei eingestuft - Grigori Jawlinski ist so etwas wie die traurige Figur im Gerangel um die Präsidentschaft in Rußland. In einer Stichwahl, so sagen alle Umfragen, würde er - inklusive Jelzin und Sjuganow - jeden anderen Bewerber schlagen. Nur gibt ihm niemand eine ernsthafte Chance, diese Stichwahl zu erreichen. Der liberale Reformer präsentiert sich als einzige echte und demokratische Alternative zu den beiden Favoriten, doch die Mehrheit der Russen scheint diese Alternative nicht zu wollen. Laut Umfragen kann Jawlinski gegenwärtig auf lediglich rund zehn Prozent der Wählerschaft setzen. Selbst im reformfreundlichen St. Petersburg kam der ihm nahestehende Juri Boldyrew jüngst bei den Bürgermeisterschaftswahlen nur auf Platz drei ein. Trotzdem rangeln die Mitbewerber förmlich um seine Gunst und wollen den Ökonomen mit diversen Angeboten auf ihre Seite locken. Boris Jelzin hatte ihn verbal sogar schon vereinnahmt, biß aber bei zwei Gesprächen letztlich auf Granit. Der 43jährige diktierte dem Präsidenten erst unannehmbare Bedingungen - darunter eine umfassende Kabinettsumbildung -, um danach ein klares "Njet" zum angebotenen Posten eines Vizepremiers zu verkünden. Auch KP-Chef Sjuganow, der Jawlinski im stillen sogar das Amt des Premiers versprochen haben soll, konnte den liberalen Politiker nicht auf seine Seite ziehen. Schon gar nicht Ex-Präsident Gorbatschow, für den er einst ein nie realisiertes 500-Tage-Programm für den Übergang in die Marktwirtschaft erstellte. Die angestrebte Troika mit General Lebed und Augenchirurg Fjodorow kam nicht zustande, weil gerade Jawlinski keinen Pflock zurückstecken mochte. Allzu verwunderlich war das allerdings nicht, denn die angestrebte Symbiose mit dem Haudegen und nationalistisch verfärbten Lebed hatte von Anfang an etwas Irreales. Lediglich der Augenchirurg und Vorzeige-Unternehmer Fjodorow schien zu Jawlinski zu passen. Unterordnen wollte freilich auch er sich nicht. Die Chance auf die Bildung einer von vielen erhofften "dritten Kraft", die sich gegenüber Sjuganow und Jelzin würde behaupten können, erfüllte sich nicht.Und Jawlinski, der 1952 im ukrainischen Lwow geborene Vorsitzende der Reformpartei "Jabloko", gilt bei den Russen eher als "Weichei", dem man die nötige Härte für ein erfolgreiches Regieren in Rußland nicht zutraut. Seine politischen Vorstellungen und Ziele unter dem Wahlmotto "Ich wähle die Freiheit" bleiben deutlich hinter der Konkretheit seines Wirtschaftsprogrammes zurück. Zudem gelang es ihm bisher kaum, Letzteres seinen Landsleuten auch nahezubringen. Ein weiteres Handicap für Jawlinski ist seine jüdische Abstammung - im nationalistisch aufgeheizten und traditionell antisemitischen Rußland alles andere denn eine Empfehlung für die Präsidentschaft. Jawlinski, der seinen Berufsweg als einfacher Dreher begann und sich über die Abendschule bis zum renommierten Plechanow- Wirtschaftsinstitut qualifizierte, hatte sich noch in der Gorbatschow-Ära als Ökonom einen Namen gemacht. Der Doktor der Wirtschaftswissenschaften war 1991 zum Chef des Staatskomitees für wirtschaftliche Reformen aufgestiegen und wirkte nach dem Ende der UdSSR kurzzeitig sogar als Berater des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Endgültig in die Politik stieg der Vater zweier Söhne mit der Gründung seiner "Jabloko"-Partei ein, die er vor den Wahlen 1993 ins Leben rief. Seitdem gilt der strenge Kritiker Jelzinscher Wirtschaftsreformen - er lehnte sowohl den Kurs von Ex-Premier Gaidar als auch den von Regierungschef Tschernomyrdin mehrfach ab - als potentieller Kandidat für eine künftige Präsidentschaft in Rußland. Der häufige Vorwurf, er habe mit persönlichen Ambitionen Rußlands Reformerlager gespalten, ist jedoch falsch. Denn während Jawlinski seinen Überzeugungen treu blieb, hat Jelzin seine früheren zaghaften demokratischen Ansätze längst zugunsten autokratischer Machtausübung fallengelassen. Sich von ihm oder Sjuganow in irgendeiner Form vereinnahmen zu lassen, käme für den 43jährigen einem politischen Selbstmord gleich. Der ebenso ehrgeizige wie selbstbewußte Jawlinski wird wohl warten müssen. In fünf Jahren stehen die nächsten Wahlen an - dann garantiert ohne Jelzin. Bisher erschienen: Boris Jelzin (15. Mai 1996), Gennadi Sjuganow (23. Mai). +++