Herr Ungerer, Sie schildern in Ihrem Erinnerungsbuch "Die Gedanken sind frei" eine nahezu babylonische Sprachverwirrung. Sie waren neun, als die Deutschen 1940 das Elsass okkupierten, und Sie schreiben dazu: Ich sprach zu Hause Französisch, ich sprach mit meinen Freunden Elsässisch, ich sprach fortan Deutsch in der Schule. Fiel es Ihnen eigentlich leicht, ständig zwischen drei Sprachen hin und her springen zu müssen?Natürlich, ein Kind lernt eine Sprache in wenigen Monaten. Und als die Deutschen kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Wir hatten drei Monate Zeit, nachher durfte man kein Wort Französisch mehr reden, für ein "Merci" oder "Bonjour" wurde man verhaftet. Also habe ich die Sprache gelernt, das war einfach so. Und das ist für mich heute mein größter Luxus im Leben, dass ich in drei Sprachen schreiben kann und in allen drei Sprachen in meinem Stil. Dass ich als Elsässer jetzt einen Aphorismen-Band in der Serie der französischen Philosophen veröffentlichen konnte, das ist doch phänomenal! Aber diese Aphorismen sind nicht zu übersetzen, die sind französisch. Und wenn ich in Deutsch einen bayerischen Typ beschreibe und sage zu ihm einfach: Eintopfgesicht, dann kann man das auch nicht übertragen. Genauso wenig wie "Ein Fass, ein Elsass". Ich mag Schlagwörter; "Expect the Unexpected", mein Werbespruch für die Zeitschrift "Village Voice", ist in die englische Sprache eingegangen. Man hat mich auch mal gefragt, ob ich eine Kampagne gegen das Rauchen machen könnte. Ich bin dagegen, weil ich weiß, dass ich süchtig bin. Deshalb habe ich einen Totenkopf gezeichnet mit zwei Zigaretten anstelle der gekreuzten Knochen und dazu habe ich geschrieben: Rauchen ist nicht verboten, sagen viele Toten. Sie haben es nicht genommen, sie dachten, es wäre zu brutal. Aber so einen Satz, den kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Und das ist ein bisschen meine Stärke - es in drei Sprachen sagen zu können.Sie mussten als Erwachsener weiterhin zwischen den Sprachen wechseln, 1956 sind Sie nach Amerika übergesiedelt.Ich habe damals gesagt: Das Elsass ist wie eine Toilette, ständig besetzt - mal von den Deutschen, mal von den Franzosen. Der französische Zentralismus war kriminell, sie haben systematisch versucht, unsere elsässische Kultur zu erledigen. In den Kindergärten war es noch vor acht Jahren verboten, Deutsch zu unterrichten, dabei ist es das Wichtigste in der Erziehung, Sprachen zu lehren. Die Nazis, Entschuldigung, hatten ein tolles Schulsystem, unter ihnen konnte ich Englisch lernen nach der Berlitz-Methode. Ich habe nach dem Krieg sogar als Dolmetscher gearbeitet für die französischen Offiziere, sie haben mich in ihren Jeeps mitgenommen zu den amerikanischen Truppen.Sie haben ja in "Die Gedanken sind frei" auch etwas beschrieben, was viele nicht gern zugeben - die Faszination, die die Nationalsozialisten auf ein Kind ausübten.Das ist die Wahrheit. Sie hatten die beste Propagandamaschine, besser als Coca-Cola und McDonald s sie je hatten. Ich habe immer gegen den Faschismus und allen Extremismus gekämpft - und dafür alle faschistischen Tricks benutzt, die es gibt. Dass ich so gut mit Schlagwörtern bin, das habe ich beim Herrn Goebbels gelernt. Ich sage also: Ich hasse Hass. So kriegt man was. So kommt man durch. Wir im Elsass haben siebenmal mehr Menschen verloren als die Franzosen im Zweiten Weltkrieg, aber wir machen uns darüber lustig. Irischer Humor, jüdischer Humor, elsässischer Humor - das ist dasselbe. Und wenn wir auf der Autobahn unterwegs sind, singen wir Nazilieder, wir finden das ganz ulkig und lustig. Wir haben nichts getan.Stimmt es, dass Sie in einer Rede kurz vor der deutsch-deutschen Vereinigung "Kraft durch Freude" als Ihr Motto angegeben haben?Ja, ja. In Ost-Berlin damals. Mein Gott, da sind sie alle gelb geworden. Aber man kann doch kaum etwas Besseres sagen.Kann man sich einen Slogan der Nationalsozialisten aneignen und ihn so entlasten?Das ist der Elsässer Luxus, er gibt mir den Breitwinkel wie bei einer Kamera und auch den Makrowinkel für die Details. Ich war mal beim deutschen Fernsehen eingeladen und ich fahre kein Auto, deshalb habe ich gesagt: Seit dem Dritten Reich habe ich keinen Führerschein mehr. Dann hat einer gelacht und dann haben die anderen auch gewagt zu lachen. Wissen Sie, ich bin ein direkter Typ, ich sage die Sachen, die die anderen nicht zu sagen wagen. Ich war jetzt gerade in Griechenland, bei einem Mittelmeertreffen zum Thema Kriminalität und meinte da: Wir reden von den schlimmen Folgen der Arbeitslosigkeit, aber wenn die Frauen zu Hause blieben, würden sie ihren Söhnen nicht die Jobs wegnehmen.Hm .Sie haben alle gelacht, sie haben verstanden. Aber die Araber haben es ernst genommen. Jetzt bin ich in Jordanien, in Libyen, in Ägypten, in Marokko eingeladen.Um dort das Loblied der züchtigen Frauen zu Hause zu singen?Wir organisieren im Europarat ein Riesentreffen für die Frauenrechte da. Ich habe ein phänomenales Logo gemacht, mit einem Stoppschild. Aber mehr verrate ich Ihnen jetzt nicht, sonst ist es keine Überraschung mehr.Das ist ja früher sehr schwer genommen worden, wenn Sie derlei geäußert haben. Seit dem Erscheinen von "Fornicon" (1969) wurden Sie fortlaufend als sexistisch angeklagt.Ja, in der alten Zeit. Die Feministinnen wie die Schwarzer haben sich so ernst genommen, die waren ohne jeden Humor. Dabei ist mein "Fornicon" wirklich ein Geschenk für die Frauen. Es zeigt den Tyrannismus der Sexualität, das ist doch wie ein Buch von Dante. Aber das sind nur die Nachwehen von eingezwängten Generationen gewesen. Ich sehe es heute bei uns, meine Kinder sind jung, sie sind total befreit. Meine Jungs in Irland haben mit ihren Freunden Geld gesammelt, damit sie sich den Erotikkanal im Fernsehen angucken können. Sie lachen sich tot darüber! Schau mal, dieser Idiot, wie er aussieht. Schau mal, diese Frau, ist das nicht blöd. Das ist Entertainment. Und wie viele Eltern sind zu mir gekommen und haben erzählt: Wissen Sie, Herr Ungerer, unser 15-Jähriger, dessen Lieblingsbuch ist Ihr "Kamasutra der Frösche". Wir kommen jetzt in eine andere Zeit. Ich habe mein Leben lang gelitten unter dem Puritanismus in meiner Jugend. Aber ich habe mich befreit, ich habe dieses und jenes probiert, und als in New York ein Mädchen zu mir kam und sagte, sie möchte meine Sklavin sein und von mir gefesselt werden - da habe ich es getan. Warum nicht? Ich habe viel Spaß daran gehabt. Aber es ist für mich auch keine Obsession.Ist es das früher gewesen?Was?Eine Obsession. Ihr Erotizismus galt Ihnen doch als Ventil, um sich von einer strengen Erziehung frei machen zu können?Was mich interessiert an einer Frau, das sind ihre Fantasien. Mein Orgasmus hat nichts damit zu tun. Was mich interessiert, ist die andere Person. Wenn man diesen Respekt hat, dann kann man unglaubliche Abenteuer haben - auch dann, wenn man miterlebt, wie manche Menschen in ihren Hintergedanken feststecken. Es kam einmal bei einer Frau heraus, dass es ihre Fantasie war, von ihrem Vater genommen zu werden. Und sie sagte zu mir: Daddy, fuck me. Also, mir war es ein bisschen unbequem, denn ich habe auch eine Tochter - aber ich habe doch die Rolle gespielt.Die Gedanken sind frei.Ja, die Gedanken sind frei. Und ich würde sagen, sicher hat sie es dann damit für sich abgeschafft. Und diese Stiefelfrauen, diese Dominas - die machen das, was kein Doktor oder kein Psychiater täte. Die haben eine Berufung wie die Krankenschwestern.Die Dominas kümmern sich um die Austreibung von Dämonen.Ja, genau. In "Schutzengel in der Hölle" über die Hamburger Herbertstraße erzähle ich beispielsweise von Astrid. Sie ist jetzt über 60 Jahre alt und arbeitet immer noch. Zu ihr kommt alle sechs Monate jemand mit einer Zange, um sich die Fingernägel herausreißen zu lassen. Wenn dieser Typ das nicht täte, würde er vielleicht am Ende aus Frustration ein kleines Mädchen im Walde erwürgen, wer weiß. Eine andere Domina hat einen Kunden, der sie seit 18 Jahren mit einer Ledermaske besucht.Das bedeutet demnach, dass das Spiel sich nie wieder verändert?Es ist ein Ritual, und die Domina muss es am Anfang herausfinden. Das ist überhaupt immer so im Leben. Manchmal fühlt man sofort eine Riesenfreundschaft zu einem Menschen, und dann wächst die Freundschaft auf Grund ihrer Rituale. Meine ganze Wohnung in Straßburg, alles was ich da habe, sind Geschenke von Freunden. Man kalkuliert nicht, was man gibt, aber man hat seine Freundschaftsrituale, Rituale des Respekts. Eine Freundschaft ohne Respekt ist fast unmöglich. In der Ehe gibt es auch Rituale nach den ersten Jahren. Ich rede jetzt nicht vom Geschlechtsleben.Jeder für sich muss also Rituale erschaffen, um Beziehungen, welcher Art auch immer, aufrecht zu erhalten?Wissen Sie, man muss die anderen Menschen respektieren, um die Möglichkeit zu haben, sich selbst zu respektieren. Ich respektiere mich für meine Leistung, dafür, dass ich genau um fünf Uhr aufstehe und meine Arbeit erledige. Das ist der technische Respekt. Aber ich weiß genau, wem ich meine Rolle und auch meine Riesenpopularität verdanke. Mein Erfolg gehört dem Volk. Sehen Sie, schon wieder ein Spruch. Je mehr Erfolg ich habe, desto mehr muss ich etwas für die Gesellschaft tun.Und trotz dieses großen Erfolgs sehen Sie sich Ihre eigenen Zeichnungen nicht gerne an?Nein, nein, und auch meine Bücher nicht. Damals, als ich die Farm in Kanada hatte, da hat mich mal ein Reporter nach meinen Hobbys gefragt. Meine Frau und die Metzgerei, habe ich geantwortet. Ich war stolzer darauf, ein guter Metzger zu sein als ein Zeichner. Aber seit ein oder zwei Jahren hat es sich geändert. Jetzt habe ich mich eigentlich akzeptiert. Mein Gott, wenn Bücher, die ich vor 40 Jahren gemacht habe, sich überall verkaufen auf der Welt, in Japanisch, Koreanisch, Chinesisch und so weiter, da müssen sie doch etwas haben. Ich muss es zugeben.Um wieder in einem Sprichwort zu reden: Der Erfolg gibt Ihnen Recht.Ja, aber ich habe diesen Minderwertigkeitskomplex, das ist ganz phänomenal. Bei jeder Zeichnung renne ich zu meiner Frau und frage: Ist das okay, ist das gut genug?Und was sagt Ihre Frau dann?Dann sagt sie mir ganz genau: Nein, das ist nicht gut genug, das kannst du besser.Und Sie hören auf sie?Sie ist gnadenlos, ja, Gott sei Dank. Ich will doch keine blinden Anhänger haben.Um auf die Rituale zurückzukommen, die Sie in Beziehungen sehen: Wenn man "Fornicon" heute betrachtet, erkennt man Menschen darin, die der zunehmenden Mechanisierung der Sexualität unterworfen zu sein scheinen. Gibt es einen Grund dafür, warum die Empörung über dieses Buch damals in Amerika am größten war?Ein funktionierender Mechanismus ist für die Amerikaner eine Garantie. Die Amerikaner sind rein materialistisch, zuerst gibt es das Geld und dann das Produkt. Das Produkt können auch Bomben sein, aber es muss funktionieren - und es funktioniert. So eine Maschine ist eine Garantie. Eine Frau ist keine Garantie.Deswegen entwickelten sich dort vielleicht diese Dating-Rituale so stark, die Europäern immer ein wenig sonderbar vorkommen.In keinem anderen Land gibt es so viele Bücher darüber, wie man es macht. "The Joy of Sex" und so was, das ist wie ein Kochbuch - als ob man dafür Rezepte brauchte. Wenn man ein bisschen Fantasie hat, braucht man doch nicht zu lesen: Jetzt also dieses Bein hoch, dieses Ding dahin. Deshalb habe ich das "Kamasutra der Frösche" gemacht, das ist eine Satire auf diese Sex-Rezeptbücher - ganz anders als jetzt das "Erotoscope" mit mehr als 400 Seiten, die sind ganz, ganz hart geworden. "Erotoscope" zeigt die Gewalt, es zeigt, wie weit es gehen kann. Ich habe für mich damit aufgehört. Es gab mal eine Frau, die wollte gewürgt und blutig geschlagen werden, das kann ich nicht tun. Das ist mir zu viel, dafür soll die jemand anders finden. Es gibt eine Grenzziehung und, Entschuldigung, meine Frau und meine Ehe sind mir das Wichtigste. Ich habe sehr viele Freiheiten gehabt, aber ehrlich, es ist schon seit fast acht Jahren vorbei damit. Ich habe mein Spektakel hinter mir, ich habe meinen Exorzismus hinter mir.Sind Sie damals nach Amerika gegangen, weil Ihnen Europa in jeder, auch in dieser Hinsicht als zu eng erschien?Ja, das Elsass unter den Franzosen, das konnte ich nicht aushalten. Meine eigene elsässische Kultur und Literatur war verboten und die Elsässer waren auch feige, sie schämten sich ihres deutschen Akzents. Wo war da der Elsässer Stolz?Sie haben einmal die elsässische Mentalität als Escargotisme, als Schneckenhaftigkeit beschrieben.Ja, ja, und das ist auch so. Die Elsässer adaptieren sich, wo sie gehen, wo sie stehen. Überall, wenn sie ins Ausland gehen, sind sie sofort erfolgreich. Wir wissen, wie man sich anpasst. Aber wir haben jetzt die Jugend, überall in Europa, die ich mir immer gewünscht habe. Sie sind alle mehrsprachig, sie gehen von einem Land zum anderen, mit Ausnahme von den armen, arroganten Engländern. Wirklich, das tut mir so Leid für die. Wenn ich einen Engländer treffe, dann frage ich: Are you Irish? Die kippen um! Der Typ ist für die erledigt. Erledigt.Und das macht Ihnen immer noch Spaß?Ja. Ich bin ein alter Provokateur. Die ganze Zeit. Ich habe gerade eine große Rede gehalten vor 500 Menschen im Europarat. Davor habe ich dazu aufgerufen, dass alle Intellektuellen den Saal verlassen sollten.Wer bleibt da noch freiwillig?Sie sind alle geblieben. Wissen Sie, ich war auf keiner Universität, ich habe kein Abitur und nichts und ich habe alles selbst studiert. Ich bin an allem interessiert, lese viel, wirklich, Medizin, Anatomie, Botanik, Mineralogie, alles Mögliche.Warum haben Sie Ihr Zeichenstudium in Straßburg 1954 eigentlich so schnell wieder hingeschmissen, nach nur einem Jahr?Es ging nicht mehr, ich konnte es nicht aushalten.War es deshalb, weil es zu streng reglementiert war?Nein, weil ich Elsässer war. Ich war begeistert von der französischen Literatur. Ich lese fließend Altdeutsch, Altenglisch und Altfranzösisch. Und alles, was der Lehrer zu mir sagte, war: Sie müssen Ihren deutschen Akzent loswerden.Das war Ihr Grund zu gehen?Ich wollte doch studieren. Ich wollte Mineraloge werden und ich bin sogar nach Karlsruhe gegangen. Ich habe gesagt, ich bin Elsässer, würden Sie mich ohne französisches Abitur aufnehmen? Hätten sie Ja gesagt, wäre ich Mineraloge geworden.Kann ich mir gar nicht vorstellen.Wissen Sie, in diesen Wanderjahren habe ich immer einen Hammer dabei gehabt. Und manchmal, auf der Rückfahrt, war mein Rucksack voll mit Steinen. Schöne Magnetiten aus Norwegen und so.Es hat sich also bewahrheitet, was Sie mit zwölf Jahren in Ihr Schulheft geschrieben haben: "Ich werde der Wanderer sein. " Das gibt es doch eigentlich nicht, oder? Ich muss es gewusst haben. Ich bin der Wanderer geworden, und das ist jetzt meine große Frustration. Meine Beine sind fertig, ich kann nicht mehr als einen Kilometer gehen, ich kann nicht mehr in einem Buchladen schlendern, das ist alles vorbei. Und deshalb tue ich jetzt auch viel mehr in der Kulturpolitik und in der europäischen Politik als vorher. Das ist alles, was mir bleibt. Ich habe meinen Rücken auf dem Bauernhof total fertig gemacht mit der Arbeit. Ich will hier in Straßburg noch ein Institut der Deportation gründen, ich habe eine der größten Sammlungen über die Nazizeit. Die wollte ich dem Holocaust Museum in Washington schenken, aber sie waren daran nicht interessiert. Ich stehe auf vielen schwarzen Listen. Die Wahrheit ist nicht allen willkommen.Und wegen dieses Wunsches, die Wahrheit kund zu tun, vor allem wegen Ihrer scharfen Kommentare zum Vietnam-Krieg hatten Sie eine Zeit lang Einreiseverbot in Amerika?Nein, nein, meine Frau ist Amerikanerin, aber ich musste Sondervisa beantragen. Noch vor sieben Jahren war ich auf der schwarzen Liste, ich wurde vom FBI beobachtet, das ganze Drum und Dran. Ich drehe jetzt einen Film über Chester Himes, den schwarzen Schriftsteller. Er wurde fast nie in den USA veröffentlicht. Nur in Schottland gibt es einen kleinen Verlag, der endlich seinen "Harlem Cycle" in drei Bänden herausgebracht hat. Er war auch auf der schwarzen Liste. Im Wortsinn. Niggerblack.Wie war es, der Freiheit wegen nach Amerika zu gehen - und stattdessen etwa die strikte Rassentrennung damals mitzuerleben?New York war zehn Jahre ein Riesenlicht, dann hat es gedämmert, und heute ist davon nichts geblieben. Ich war in New York. New York war nicht Amerika. Und alle, die es in den McCarthy-Jahren nicht mehr aushalten konnten, kamen nach New York. Das war und ist einmalig in der Kunstgeschichte. Man konnte alles tun, alles, alles. Dann ist das alles langsam zurückgegangen. Und dann kamen auch die harten Drogen.Und dann kam Aids in den 80er-Jahren.Nichts bleibt übrig. Alles weg. Aber ich habe diese Jahre gehabt, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.Sie haben Amerika 1971 den Rücken gekehrt, um in Kanada auf einer Farm zu leben. Wollten Sie damit noch einmal ganz von vorn beginnen?Das Leben in Amerika ist so schnell. Auch wenn sich Bücher gut verkaufen, werden sie nicht weiter gedruckt. Die Verleger warten da immer nur auf das nächste Buch. Der Diogenes Verlag in Zürich hingegen - der ist wie meine zweite Familie. In Amerika ist alles nur für den Moment. Als ich weg war, hat sich kaum ein Freund bemüht, noch mit mir Kontakt zu halten. Es ist auch meine Schuld, ich wollte es ausprobieren - werden sich diese Menschen nach einem Jahr oder zwei Jahren noch melden? Nein, es war vorbei. Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei.Aus den Augen, aus dem Sinn.Freundschaft ist doch was Solides! Wissen Sie, hier im Elsass ist die Freundschaft ein Heiligtum. Wenn 1 500 Menschen zu meinen Vernissagen kommen, dann geschieht das aus Freundschaft. In Amerika heißt es: First the money. Wenn du Geld machst, bist du in Ordnung. Und dabei steht auf jeder ihrer Münzen "In God We Trust". Ist das nicht lächerlich! Sie haben nur Respekt vor dem schnellen Geld. Die Amerikaner sind die Einzigen, die Folterinstrumente exportieren, sie engagieren sich als Einzige nicht gegen Landminen. Man denkt nicht darüber nach, was morgen sein wird. Jetzt haben sie es erlebt in New York. Im Straßburger Fernsehen habe ich gerade gesagt: Das Münster hat nur einen Turm, der zweite wurde nie gebaut. Wir sollten also gleich ein Minarett auf der anderen Seite errichten, sonst kommt noch ein Flugzeug.Warum sind Sie so spät zu Ihren elsässischen Wurzeln zurückgekehrt - erst in den frühen 70ern, als Sie mit dem "Großen Liederbuch" begonnen hatten?Die Stimmung änderte sich - und es fing mit meinem Liederbuch an, darauf bin ich sehr stolz. Die Deutschen wagten ihre Volkslieder nicht mehr zu singen, die waren von den Nazis besetzt. Und dieses Buch hat uns auch die deutschen Romantiker zurückgebracht; Caspar David Friedrich, Ludwig Richter und Philipp Otto Runge waren plötzlich wieder anerkannt. Also, mit einem Buch kann man schon was tun.Ich kann mich erinnern, dass ich die Zeichnungen daraus in der Grundschule glückselig abgemalt habe. Wann ist es erschienen? 1975?Keine Ahnung. In meinem Wohnzimmer habe ich eine Uhr ohne Zeiger. Das ist meine Zeit. Eine gute Sekunde ist Stunden wert.Das Gespräch führte Carmen Böker.Tomi Ungerer // GEBOREN AM 28. NOVEMBER 1931 in Straßburg, entstammt einer Uhrmacherdynastie. Sein Vater starb an einer Blutvergiftung, als Tomi (eigtl. Jean Thomas) drei war. Die Überfürsorge der Mutter verarbeitet er später in "Kein Kuss für Mutter" (1973).DURCHS ABITUR GEFALLEN, tritt Ungerer 1952 nach ausgiebigen Reisen bis ans Nordkap in die französische Armee ein. Nach acht Monaten in Algerien wird er wegen einer schweren Rippenfellentzündung entlassen.1956 SCHLIESST Tomi Ungerer eine Scheinehe mit einer Amerikanerin und geht nach New York. Als Werbezeichner kreiert er Kampagnen u. a. für die "New York Times" und arbeitet für Magazine wie "The New Yorker", "Esquire" oder "Life".IN DEN 60ERN WANDELT sich der erfolgreiche Kinderbuchautor ("The Mellops Go Flying", "Die drei Räuber") zum Zyniker: Er stellt in "The Party" (1966) die Schickeria bloß, er kommentiert in politischen Arbeiten Vietnam-Krieg wie Rassismus, er karikiert mit der pornografischen Satire "Fornicon" Potenzwahn und Sexismus. Zusammengenommen eine Bandbreite von Busch bis Bosch.1971 GEHT ER nach Nova Scotia/Kanada, um Farmer zu werden und mit seiner zweiten Frau Yvonne eine Familie zu gründen. Sie haben drei Kinder.ERST IN DEN FRÜHEN 70ERN BESUCHT er wieder seine Heimat, das Elsass. 1975 erscheint nach fünfjähriger Recherche das (millionenfach verkaufte) "Große Liederbuch" mit Zeichnungen im Biedermeierstil.1976 ÜBERSIEDELT er mit seiner Familie nach Cork/Irland.1990 GRÜNDET UNGERER mit Jack Lang die Vereinigung "Kulturbank", die sich für eine zweisprachige Erziehung im Elsass einsetzt. 2000 wird er als "Botschafter für Kindheit und Jugend" Mitglied des Europarats.RUND 150 BUCHAUSGABEN UND 40 000 ZEICHNUNGEN umfasst das Gesamtwerk. 8 000 Blätter sind dem Musée d Art Moderne et Contemporain in Straßburg vermacht, das bis 13. Januar die Retrospektive "Tomi Ungerer et New York" zeigt. Ungerer erscheint auf Deutsch bei Diogenes, der Taschen Verlag veröffentlichte soeben die Werkschau "Erotoscope" (400 Seiten, 69,69 Mark).Ich habe einen phänomenalen Minderwertigkeitskomplex. Bei jeder Zeichnung renne ich zu meiner Frau und frage: Ist das okay, ist das gut genug?TASCHEN GMBH Die Frau als männerfressendes Ungeheuer mit gezückter Bratengabel: Auf Zeichnungen wie "Ladies House" stellte Tomi Ungerer in den 60er-Jahren die Schickeria New Yorks als sexsüchtig und konsumgeil dar. Amerika dankte es ihm mit Buchverboten."FORNICON", 1970 BY DIOGENES VERLAG AG ZÜRICH Die obszöne Handlung als lustloser, mechanisierter Vorgang (aus "Fornicon", 1969)."DIE DREI RÄUBER", 1967 BY DIOGENES VERLAG AG ZÜRICH "Die drei Räuber" (1963), ein damals unüblich unsüßliches Kinderbuch."THE POSTER ART OF TOMI UNGERER", 1972 BY DIOGENES VERLAG AG ZÜRICH Über Amerikas Rolle in der Weltpolitik: "Kiss For Peace" (1967), damit kam Ungerer auf die schwarze Liste der US-Einwanderungsbehörden.