Als sich der ugandische Diktator Idi Amin vom libyschen Staatschef Ghaddafi zum Islam bekehren ließ, erkundigte er sich nach den Riten dieses Glaubens:"Was unternimmt ein neuer Muslim als erstes?""Der Muslim muss sich zu allererst beschneiden lassen," lautete die Antwort."Und wenn man aus dem Islam austritt?""Dann heißt das Kopf ab," konstatierte der Revolutionsführer Ghaddafi.Amin war über diese Aussage etwas brüskiert:"Was ist denn das für ein schrecklicher Glaube?" rief er. "Wenn man eintritt: Schwanz ab. Wenn man austritt: Kopf ab!"Dennoch lohnte sich die Konvertierung für Idi Amin: Nach seinem Sturz fand er immerhin Zuflucht in Saudi-Arabien. Dort bezog er bis zu seinem Tod eine ordentliche Rente vom saudischen König, anstatt wie manche andere entthronte Diktatoren Afrikas auf die Sozialhilfe der westlichen Staaten angewiesen zu sein.Den Islam fürchten lernen: das sollen derzeit einige in Deutschland lebende ehemalige Muslime, die in Köln im Januar 2007 den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet haben. Die Exil-Iranerin Mina Ahadi, eines der Gründungsmitglieder, steht inzwischen nach mehreren Todesdrohungen unter Polizeischutz. Sie und ihre Vereinsfreunde wollten mit der Gründung des Zentralrats zum Ausdruck bringen, wie viele Menschen aus den stereotyp "islamisch" genannten Ländern kommen, die gar keine religiöse Bindung besitzen. Sie wollen dem vorherrschenden Eindruck widersprechen, es seien ausschließlich die islamischen Vereine, die die Immigranten aus muslimischen Ländern repräsentieren. Damit setzen sie sich erheblichen Gefahren aus.Im islamischen Klerus herrscht Übereinstimmung darüber, dass der Abtrünnige mit dem Tod bestraft werden muss. Der ägyptische Religionsgelehrte Muhammad al-Gazali, auf dessen Betreiben hin Nagib Mahfuz' Roman "Kinder unseres Viertels" verboten wurde, lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass "das Urteil Gottes von niemandem in Frage gestellt werden darf. Wenn der Abtrünnige keine Reue zeigt, so muss er getötet werden."Fällt ein vordem Gläubiger vom "wahren Glauben" ab, so fühlt sich jeder eifrige "Muslim" dazu berufen, das Urteil Gottes zu vollstrecken. Dabei bedarf es nicht einmal unbedingt einer persönlichen negativen Äußerung über den Islam und seine Symbole, um für abtrünnig erklärt zu werden. Vielmehr kann dieser Tatbestand beliebig interpretiert oder einem gar in den Mund gelegt werden, wie die Fälle Abu Zaids oder Salman Rushdies zeigten. Auch die ernstgemeinten Beteuerungen der Betroffenen, missverstanden worden zu sein, helfen nicht im geringsten. Im Gegenteil, schon die Furcht ihrer Opfer erfüllt die selbsternannten Gesetzeshüter bereits mit Genugtuung. Denn die Mordanschläge richten sich in der Regel nur gegen schutzlose, eingeschüchterte Menschen. Das dient strategisch in erster Linie zur Abschreckung. Man sagt im Arabischen: "Schlage das angebundene Kamel, und du bekommst die Freilaufenden."In früheren Zeiten nahm man sich dieser Sache nicht ganz so ernsthaft an. Im arabischen Mittelalter, der Blütezeit des Islams, schwammen die islamischen Herrscher förmlich in allen "Sünden" wie Musik und Tanz. Die Kalifen veranstalteten Dichterlesungen. In den Palästen wurden Weinbäder für die "Fürsten der Gläubigen" aufgestellt. Zahlreiche Lustdienerinnen standen für diese bereit. Ein Kalif nahm sogar auf seine Pilgerfahrt nach Mekka einen Hund und Weinkrüge mit. Dort wollte er sich am Grab des Propheten voll berauschen. Bedeutsame Gelehrtenkreise bildeten sich damals um den berühmten, erklärtermaßen atheistischen Philosophen Abu alhussain ibn Arrawandi (gestorben 910).Auch im vorigen Jahrhundert gab es zahlreiche atheistische Gruppen in Ägypten, im Irak, in der Türkei. In seinem Traktat "Warum ich Atheist bin" erwähnt Ismael Adham, dass er den "Verein zur Verbreitung des Atheismus" in Istanbul um 1927 gegründet und mehrere Publikationen über die Lehren Sigmund Freuds, das Wesen der Religion und die Entwicklung der Gottesidee herausgegeben habe. Der Verein zählte damals etwa tausend Mitglieder.Auch im Islam hängt die Verbindlichkeit religiöser Regeln oft von der sozialen und materiellen Stellung eines Menschen ab. Dem argentinischen Präsidenten Carlos Menem wurde von höchsten religiösen Stellen seines ursprünglichen Heimatlandes Syrien die Konvertierung zum Katholizismus erlaubt - weil er ein christliches Land regierte, so die dürftige Erklärung. Demgegenüber wurde dem armen Afghanen Abdulrahman, der sich zum Christentum bekannte, kurzerhand der Prozess gemacht.Nur im Vergleich hierzu scheint der Zentralrat der Ex-Muslime noch recht gut weggekommen zu sein. Der Rat der Abtrünnigen will provozieren, zunächst aber hielt sich der Aufruhr unter Muslimen in Grenzen. Allerdings wurden von Beginn an Mitglieder des Rates mit Morddrohungen belegt. Die offiziellen Räte der Muslime schweigen bislang über diese; sie nehmen eine passive Haltung ein, die genauso verheerend ist wie die Grundhaltung islamischer Institutionen gegenüber islamistischen Terroristen. Kein einziger Terrorist wurde für ungläubig erklärt, nicht einmal Bin Laden oder Zawahiri oder Zarqawi.Das Wagnis der Ex-Muslime, mit dem selbst gewählten Etikett der "Ausgetretenen" leben zu wollen und zu müssen, schreckt naturgemäß ihre unmittelbare oder gar auch ihre vertraute Umgebung ab. Nachdem etwa Abu Zaid bei den Islamisten in Ungnade fiel, wurde er nicht einmal von seinen eigenen Professorenkollegen der Kairoer Universität mehr eingeladen. Rushdies Frau ließ sich von ihm scheiden.Auch die deutsche Politik sieht wahrscheinlich in der Offensive der Ex-Muslime eine unnötige Provokation der Extremisten. Doch der Gesellschaft fällt eine entscheidende Rolle zu: Sie muss sich mit den Motiven dieser mutigen, gefährdeten Menschen auseinandersetzen und ihnen Schutz gewähren.Hussain Al-Mozany, geboren 1954 in Amarah im Irak, lebt seit 1980 in Deutschland als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Sein neuer Roman "Das Geständnis des Fleischhauers" erscheint in diesem Monat im Hans Schiler Verlag, Berlin.------------------------------"Wenn der Abtrünnige keine Reue zeigt, so muss er getötet werden." al-Gazali------------------------------Foto: Der aus dem Irak geflohene Ex-Muslim Nur Gabbari (l) und die ehemalige Muslimin Mina Ahadi aus dem Iran stehen in Köln an einem Streifenwagen. Die beiden Mitglieder des Zentralrats der Ex-Muslime erhalten Morddrohungen und können ohne Polizeischutz kaum noch einen Schritt in der Öffentlichkeit unternehmen.

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