Rationalisierungsfachleute hätten Borussia Dortmunds 1:0-Sieg im Ruhrpott-Derby gegen Schalke 04 an diesem schönen Maientag auf präzise eine Spielminute begrenzt - und anschließend hitzefrei gegeben. Die Wahl der 60 Sekunden wäre leicht gefallen: Ohne die 84. Minute nämlich wäre jenes Duell in sonniger Belanglosigkeit gestrandet, in dem die beiden Erzrivalen sich zum ersten und vermutlich einzigen Male in ihrer Geschichte als aktuelle Europapokal-Finalisten gegenüberstanden. Die Essenz des Ganzen, die 84. Minute, ereignete sich freilich, wie 84. Minuten das oft so an sich haben, nach 83 vorangegangenen Minuten kämpferischer Langeweile. Erst dann trat Michael Zorc auf den Plan.75 Minuten hatte Dortmunds Trainer Ottmar Hitzfeld das Dortmunder Denkmal Zorc auf die Reservebank gesetzt. Das ist Zorc mittlerweile gewöhnt - nicht aber, wenn Hitzfeld zehn Verletzte (darunter Sammer, Reuter, Möller, Sousa, Freund und Cesar) beklagt, die meisten im Mittelfeld. Statt seinen in die Jahre gekommenen Dauer-Torjäger aufzustellen, ließ Hitzfeld den 19jährigen Vladimir But und den 18jährigen A-Jugend-Nationalspieler Christian Timm auflaufen. Zorc war noch eine Stunde nach dem Spiel emotional völlig entgleist: "Das hat weh getan. Es hat auch keine Begründung durch den Trainer gegeben. Es hätte dafür auch keine Begründung geben können. Ich akzeptiere, wenn mir ein absoluter Klassemann wie Paulo Sousa vorgezogen wird. Aber in so einer personellen Situation akzeptiere ich eine Nichtaufstellung nicht mehr."Die 84. Minute: Vladimir But, 19jähriger Russe, seit zweieinhalb Jahren in Dortmunds Jugend- und Amateurmannschaft spielend, läuft in den Schalker Strafraum, flankt lang. Es folgt Konfusion: Tretschok köpft, Riedle schießt, Tretschok schießt, Schalkes Torwart Lehmann faustet zu kurz, Zorc fliegt der Ball schließlich vor die Füße - und er drischt ihn volley ins Schalker Tor. Am liebsten wäre Zorc, der sich "gedemütigt" fühlte, gleich Richtung Trainerbank und hätte irgendwelche Worte der Rage vor Hitzfeld ausgespuckt. Aber die Mannschaftskollegen hatten den "treuen Micha", wie sie ihn in Dortmund wegen seiner Besonnenheit nennen, längst zur Gratulationskür eingekeilt und von Dummheiten zurückgehalten. "Das war wohl die größte Genugtuung, die ich in meiner Fußballer-Laufbahn bisher hatte", sagte Zorc und versuchte nach dem Spiel zumindest noch Reste von Diplomatie zu retten. "Das Tor widme ich allen, die noch Vertrauen in mich haben." Danach verschwand Zorc mit den Worten: "Ich möchte jetzt nichts weiter sagen" - und einem Boulevard-Journalisten im Schlepptau.Für Dortmunds Fans war Zorcs siebter Saisontreffer mehr als der Triumph im Prestigederby. Der Rivalität mit Schalke werden gerade die letzten Spitzen gebrochen - gemeinsam skandiert man "Ruhrpott, Ruhrpott" und applaudiert sich gegenseitig dafür. Schließlich sind beide im fußballerischen Establishment angelangt. Für den BVB-Anhang war Zorcs "goldener Schuß", wie es Dortmunds semischweizerischer Trainer Hitzfeld im Tell-Idiom bezeichnete, vielmehr der Strohhalm im Kampf um einen der beiden Bundesliga-Ränge, die für die Champions-League qualifizieren. Denn so ausdauernd beide Fanlager auch das "Fi-na-le" zur Melodie des Italien-Schlagers "Cantare" hinausposaunten: Daß sie die Finales auch gewinnen und sich darüber erneut für ihre Euro-Wettbewerbe qualifizieren könnten, darauf mag sich keiner so recht verlassen.Ottmar Hitzfeld lag unterdessen die 84. Minute unverdaulich im Magen. Es sei eine "verdammt schwierige Entscheidung" gewesen, Michael Zorc nicht spielen zu lassen. Aber es sei auch um seine Glaubwürdigkeit als Trainer gegangen. "Michaels Leistung war in den vergangenen Wochen, wo er oft sogar von Anfang an gespielt hat, fast immer sehr schlecht. Ich muß in so einem Fall dann auch mal die Gesetzmäßigkeit durchbrechen, daß Zorc immer spielt, wenn der Mann vor ihm verletzt ist, egal wie Zorc dann spielt."Sollte heißen: Zorc hatte es sich in einer Mischung aus Resignation und Formkrise eingerichtet. Wenn Sousa fit war, hatte er keine Chance, wenn Sousa ausfiel, war er sowieso dabei. Diese Haltung hat Hitzfeld analytisch brillant erkannt und ein "Exempel setzen wollen". Man wird ihn nun zu gegebener Zeit daran erinnern, ob er mit ähnlicher Konsequenz künftig auch seine richtigen Stars behandeln wird. Stürmer Stephane Chapuisats zweite Halbzeit etwa las sich, zum wiederholten Male, wie die Bitte um baldige Versetzung auf die Bank. Konsequenzen hat das bei den prominenten Spielern bislang nicht.Spiele, die sich auf ihre 84. Minute begrenzen ließen, wären ein Fortschritt für die Menschheit. Die Rationalisierungs-Branche arbeitet sicher schon daran. Schalke hat die Kräfte 83 Minuten dosiert, um am Mittwoch gegen Inter Mailand die volle Distanz durchzustehen. Stürmer Martin Max feierte ein Kurz-Comeback. Olaf Thon ist optimistisch. +++

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