BERLIN, 1. Oktober. Die Einschlafquote dürfte hoch gewesen sein. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, um 1.05 Uhr, sendete der SFB einen Zusammenschnitt der Regionalliga-Partie 1. FC Union gegen Babelsberg 03. Eine Stunde lang. Wohl dem, der vor der Flimmerkiste dösen und in den richtigen Momenten die Augenlider heben kann. Denn bei Unions 3:0-Sieg waren allein die Tore aus der zweiten Halbzeit von Tom Persich (per Kopf), Harun Isa (per Lupfer) und nochmals Isa in der 89. Minute sehenswert.Konkurrenz für AlvesVor allem Treffer drei war sein Geld wert, erzielte ihn der Albaner doch von der Mittellinie - gegen einen zu weit vor dem Tor stehenden Hüter Alexander Kunze. Ein Schuss, der - das steht bereits fest - in die Auswahl zum Tor des Monats bei der ARD-Sportschau kommen wird. Fast zeitgleich schoss der Brasilianer Alex Alves im Olympiastadion seinen spektakulären Treffer, ebenfalls vom Mittelkreis aus, im Bundesligaspiel der Hertha gegen Köln. Der Treffer von Isa jedenfalls war ein Tor, das alle Unioner hätte versöhnen können. Dies gelang jedoch nur teilweise. Als die ersten Profis auf dem Weg zur obligatorischen Jubelarie in den Fanblock waren, da hielt sie der stellvertretende Kapitän Tom Persich zurück, erinnerte an eine interne Absprache: Nach dem Liebesentzug durch die Anhänger in den letzten Wochen, dem Pfeifkonzert auch zur Halbzeit gegen Babelsberg, wollte das Ensemble nicht verzeihen. "Wir gehen nicht zu den Fans", sagte Persich; doch er hatte die Rechnung ohne den freudentrunkenen Isa gemacht. Im Glücksgefühl über sein Tor zog er seine Kameraden mit in die Verzeiht-uns-Show. Isa sagte später: "Die Fans waren zu Recht böse nach drei Spielen ohne Sieg. Aber man muss auch vergessen können." Nicht jedoch, ohne ein paar ernste Worte zu sprechen, so wie es Torhüter Sven Beuckert tat: "Für uns ist es wichtig, dass uns die Fans auch in schlechten Zeiten unterstützen. Wenn wir 3:0 führen, brauchen wir die Anfeuerung nicht so." Vor allem Steffen Menze kann ein Lied singen über die Wendehälse im Fanblock. Der am Sonnabend glücklos spielende Kapitän wurde zum Sündenbock abgestempelt. Der einstige Publikumsliebling, stets ein Kämpfer par excellence, musste sich "Menze raus!"-Rufe gefallen lassen. Zu allem Pech wurde er später auch noch mit ausgekugelter Schulter vom Platz getragen.Insgesamt war der Unmut der exakt 4 010 Kartenkäufer jedoch verständlich. Auch Peggy und Dirk Schmeck, die ihre erst zwei Monate alte Tochter Alexia im rot-weißen Strampelanzug ins Stadion mitgenommen hatten und am Mittelkreis knipsen ließen, sahen sich der Gefahr einer Rüge durch das Jugendamt ausgesetzt. Denn das Spiel beider Teams war eine Pein für Augen und Nerven aller Zuschauer. Ruppig ging es zu, auf peinlichem Niveau, system- und ideenlos. "Wir waren weder körperlich noch vom Kopf her gut drauf", sagt Persich: "Die letzte Zeit waren wir sowieso nur ein Schatten unserer selbst." Der aufrichtige Verteidiger sprach von einem glücklichen Sieg gegen biedere Babelsberger, die seit 27 Jahren nicht mehr gegen Union gewinnen konnten. Aber Schwamm drüber. "Das war mal wieder was für das Selbstvertrauen", so Persich.Manager Oskar Kosche sprach sogar von einem "lebenswichtigen Erfolg". Worauf diese Aussage abzielte, wollte Kosche nicht vertiefen. Doch es mag als Sinnbild gelten, dass Präsident Heiner Bertram nach der Partie demonstrativ nahe an Trainer Georgi Wassilev heranrückte und sagte: "Das mag schon den einen oder anderen irritieren, dass sich in diesem Verein alle einig sind, vom Zeugwart bis zum Präsidenten." Doch wie sehr Wassilev in den letzten Wochen, auch unter der Kritik aus den eigenen Reihen gelitten hat, zeigte, dass auch der Bulgare entgegen sonstiger Gewohnheiten in die Fankurve lief. Er sei sehr erleichtert gewesen, sagt er hinterher, "wir hatten eine schlechte Zeit - Druck und Unruhe". Nun habe seine Mannschaft "mit großer Motivation und Kampf gespielt - das macht Freude", sagte er: "Deshalb wollte ich mit den Fans feiern."CONTRAST PHOTOAGENTUR Wer ist wer? Unions Tredup (hinten), ein Babelsberger und der Ball.

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