LONDON, 2. August. Der Freispruch für Derek Bentley, 45 Jahre nach dessen Verurteilung, habe ihm durchaus Unwohlsein bereitet, hat der oberste Richter des Vereinigten Königreiches, der Chief Lord Justice Bingham, in die Gerichtsakten geschrieben. Nur mit "tiefempfundenem Zögern", so Bingham, möge er Kritik an einem Vorgänger im Amte üben, der "als einer der herausragenden Strafrichter dieses Jahrhunderts anerkannt" sei. Der oberste Richter Lord Rayner Goddard habe Bentley 1952 ein faires Verfahren verweigert. Das Urteil sei ein Justizirrtum. Für die britische Rechtsgeschichte ist das Eingeständnis von großer Bedeutung, für Derek Bentley kommt es zu spät.Der damals 19jährige ist am 28. Januar 1953 am Galgen gestorben; zum Tode verurteilt wegen des Mordes an Polizeikommissar Sidney Miles. Die rauchende Pistole hatte damals allerdings sein Kumpan in der Hand gehalten, der damals 14jährige Christopher Craig, der mit Bentley in ein Warenlager in Croydon eingedrungen war. Als der tödliche Schuß fiel, war Bentley schon 15 Minuten verhaftet gewesen. Es sei ein gemeinschaftlicher Mord, legte Richter Goddard trotzdem den Geschworenen nahe. Bentley, eine fast sanfte Gestalt mit "dem Verstand eines Elfjährigen", hatte zu sterben, während der nicht strafmündige Craig mit einer zehnjährigen Haftstrafe davonkam.Seit 1952 hat Bentleys Familie um eine Revision gekämpft, erfolglos wie die 200 Unterhausabgeordneten, die noch am Tag vor der Urteilsvollstreckung in einer Resolution eine Begnadigung durch den Innenminister eingefordert hatten. Schwebende VerfahrenFür Bentley gab es Demonstrationen und Proteste, später Zeitschriftentitel, schließlich Bücher und einen Film. Iris Bentley, die Schwester des Verurteilten, bedrängte die wechselnden Regierungen und die Justiz, den Fall wieder aufzurollen. Doch das britische Establishment lehnte eine Wiederaufnahme des Verfahrens ab. Zuletzt war es der damalige konservative Innenminister Kenneth Clarke, der trotz neuer Beweismittel die Wiederaufnahme des Verfahrens verweigerte.Ihren Erfolg verdankt die Familie nun einer Justiz-Initiative, nach der eine ganze Reihe "schwebender" oder umstrittener Wiederaufnahmeverfahren noch einmal geprüft werden. Der Bentley-Fall gilt als ihr vorläufiger Höhepunkt. Weil es sich um ein Todesurteil handelt. Iris Bentley hat die Erfüllung ihres Lebenswerkes nicht mehr erlebt, im vergangenen Jahr starb sie an einem Krebsleiden.Es war ihrer Tochter Maria Dingwall-Bentley überlassen, das Eingeständnis höchstrichterlicher Fehlbarkeit entgegenzunehmen. Zum "Triumph der Gerechtigkeit" öffnete sie eine Flasche Sekt, die schon ihr Großvater hoffnungsvoll zu diesem Anlaß eingekauft hatte. Das war beim ersten Revisionsversuch. 1958.