Seit Ende der 1950er wurden Jugendliche verhaltensauffällig: Sie zertrümmerten das Mobiliar von Konzertsälen, lieferten sich Straßenschlachten oder "gammelten" nur so herum. Nachdem ihre Eltern den zivilisatorischen Einbruch in der Zeit zwischen 1933 und 1945 erfolgreich verdrängt hatten, schien sich die Jugend von der gerade etablierten Bürgerlichkeit zu verabschieden. Sie erlag zwar nicht den Verführungen des Nationalsozialismus oder des Kommunismus, dafür aber den Manipulationen der modernen Konsumindustrie.Für die Kulturkritik war das nicht weniger schlimm. Horkheimer und Adorno brachten es auf einfache Formeln wie "Vergnügtsein heißt Einverstandensein" oder "Fun ist ein Stahlbad" - dass sie damit Werbeslogans der Konsumkritik geliefert haben, gehört zur Ironie der Frankfurter Schule.An diesem Punkt setzt die Studie "Time Is on My Side" von Detlef Siegfried an. Sie untersucht den "Strukturbruch der Moderne" aus der Perspektive einer Kulturgeschichte der Jugend. Konsum und Widerstand verbinden sich etwa in der Revolution des Tanzverhaltens durch den "Twist", der zuerst die Paarbindung aufhob und durch "Lautstärken von kommunikationsverhindernden Ausmaßen" sowie den "Fortfall des Lächelzwangs" eine beängstigende Horde von Autisten auf die Tanzflächen jagte. Politisch hingegen war der Twist versöhnlich eingestellt. So reagierte er auf die Spiegel-Affäre gelassen: "Komm tanz mit mir den Spiegel-Twist, / auch wenn Du von der Kripo bist", lautete ein Hit.Gammeln als BankrottWie wichtig Freizeitverhalten und Konsum für die Politik sind, zeigt sich aktuell in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit mehr denn je. Das Problem stellte sich erstmals in den 50er-Jahren - in ganz anderer wirtschaftlicher Lage. Ein zeitgenössischer "Freizeitführer für junge Leute" tadelte: "Fortwährendes Trödeln, Gammeln, Gelangweilt-aus-dem-Fenster-Gucken ist keine Freizeitgestaltung - es ist die Bankrotterklärung dessen, der mit dem ihm übergebenen Vermögen 'Freizeit' nicht zu wirtschaften versteht". Gegen dieses düstere Bild von der "Bankrotterklärung" des Konsumenten setzt Siegfried das positive Bild des mündigen Staatsbürgers in Analogie zum mündigen Verbraucher: Die freie Wahl zwischen Gütern unterstütze ein konfliktfähiges, abwägendes Verhalten gegenüber der Pluralität von Angeboten.Die alltagshistorische Verbindung von Revolution und Konsum löst Widersprüche auf, mit denen die kulturkritische Entgegensetzung von Politik und Konsum in den 60er-Jahren zu leben hatte: So vermissten Politiker an ihren konsumfreudigen Nachwuchswählern gesellschaftliches Engagement - und erhielten die Rechnung in Form von Demonstrationen und anderen Protestaktionen der "68er". Die konsumkritischen 68er wiederum nutzten das Provokationspotenzial der jugendlichen Popkultur. Sie verkauften sich nicht allein als politische Alternative, sondern auch als innovativen Lifestyle. Damit handelten sie sich das Problem eines neuen Subjektivismus ein, der individuellen Lustgewinn allen anderen Werten vorzog. Schon 1967 empfiehlt ein Artikel in der "Zeit", Rudi Dutschke solle "sich entspannen und ein paar Wochen nach London oder San Francisco fahren oder wenigstens zusammen mit den Beatles einen Meditationskursus beim Maharashi Mahesh Yogi belegen".Klar wird: Die 68er haben die Gesellschaft nicht revolutioniert, sondern sind selbst Effekt einer länger andauernden Veränderung. Und klar wird zum anderen: Die Vergangenheit unserer Gegenwart beginnt nach 1945. Dass der "Konsum" Sinngebung als popkulturelles Erlebnis über den Markt vermittelt und seine eigenen politischen Qualitäten hat, prägt unsere Gesellschaft bis heute. Irritierend oft findet sich das Aktuelle im Vergangenen wieder, von der Mobilisierung des Musikgenusses durch Transistorradios und Kassettenrekorder bis hin zum Streit um die "Unterschichtenkultur": "Der Plattenteller", eine vom Evangelischen Presseverband für Bayern herausgegebene Zeitschrift, schreibt 1964: "Der Aufstieg der Liverpooler Musiker markiert, wer der Gewinner des 20. Jahrhunderts ist - der vierte Stand".Das Ideal des jugendlichen Konsumenten ist die Leitfigur des "leistungsstarken und gleichwohl genussorientierten Menschen", dem die Gesellschaft mittlerweile unabhängig von faktischen Altersklassen nachstrebt. Der Jugend-Kult verleitet auch die Politik dazu, den Staatsbürger als Konsumenten zu begreifen, dem man mit Slogans und Selbstmarketing beikommt. Was aber, wenn der Wähler solchen Konsum generell verweigert? Und wenn die Verwandlung von Politik in ein populäres Konsumgut wirtschaftlich vorgebildete Akteure voraussetzt - was passiert dann mit den vom Markt abgekoppelten Kunden der Politik, den neuen Armen?------------------------------Foto: Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er- Jahre. Wallstein, Göttingen 2006. 840 S., 449 Euro.