Am Neujahrstag legte Mike Duggan seinen Amtseid ab. Das dauerte ungefähr zehn Sekunden. Nach ein paar Worten des Dankes machte sich der neue Bürgermeister von Detroit dann schon an die Arbeit. Er wollte resolut wirken. Wenig später saß er auf dem Beifahrersitz eines Schneepflugs und sah sich an, ob wenigstens der Räumdienst in einer Stadt funktioniert, in der nicht mehr viel funktioniert.

Es war eine bescheidene Zeremonie im Rathaus, die zu den bescheidenen Zukunftsaussichten Detroits passte. Aber was soll man machen? Feiern? Nein, sagte Stadträtin Sheila Cockrel: „Wir sind mittellos. Es gibt kein Geld. Die Straßenlaternen brennen immer noch nicht. Die Polizei kommt nicht rechtzeitig.“ Zur Bescheidenheit der Zeremonie passte ganz gut, dass der derzeit wichtigste Mann der Stadt nicht gekommen war – Kevyn Orr, vom Gouverneur des Bundesstaates Michigan eingesetzter Notverwalter der Stadt.

Es ist ein bemerkenswertes Duo, das sich anschickt, das einstige Symbol für die Leistungsfähigkeit Amerikas aus der Pleite zu holen und wieder zu einer funktionsfähigen Stadt zu machen. Duggan, der erste weiße Bürgermeister seit vier Jahrzehnten, ist vom Volk gewählt, darf aber kaum etwas entscheiden. Orr, der afro-amerikanische Insolvenzrechtler aus Washington, ist nicht gewählt, hat aber alle Kompetenzen. Beide sind 55 Jahre alt und nicht die dicksten Freunde. Wie das mit der Zusammenarbeit zum Wohle der Stadt gehen soll, fragen sich die meisten Detroiter.

Irgendwie wird es wohl gehen müssen. Denn ohne Duggan und Orr wird die Stadt nicht mehr auf die Beine kommen. Zwei Männer mittleren Alters sind die letzte Chance, die Detroit noch hat. Die Stadt stand symbolisch für den amerikanischen Traum. Es ging nur aufwärts. Henry Ford begann hier vor 100 Jahren mit der Fließbandproduktion des Model-T. Mit dem 1927 eröffneten Cadillac Tower im neogotischen Stil hatte Detroit eines der höchsten Hochhäuser Amerikas. Die „Big Three“ – General Motors, Ford und Chrysler – zogen Arbeitskräfte an und brachten der Stadt an der Grenze zu Kanada und ihrem Umland Wohlstand. 1950 lebten 1,8 Millionen Menschen in Detroit, Motor City war quicklebendig.

Wer es sich leisten kann zieht weg

Heute sind es nicht einmal mehr 700.000 Einwohner. Fast 80.000 Häuser in Detroit stehen leer. 40 Prozent der Straßenlaternen leuchten nicht mehr. Auf den Straßen häuft sich der Abfall, weil die Müllabfuhr ihn – wenn überhaupt – nur noch sporadisch abholt. Die Feuerwehr würde kommen, wenn ihre Fahrzeuge nicht so oft kaputt wären. Detroits Industrie- und Wohnruinen haben Kultstatus bei Besuchern aus aller Welt. Die Kriminalitätsrate ist eine der höchsten der USA, ebenso die Arbeitslosigkeit. Auf einhundert Einwohner kommen 27 Jobs. Wer es sich leisten kann, zieht vor die Stadt, nach Livonia etwa, wo 97 Prozent der Einwohner Weiße sind. Wer es sich nicht leisten kann, muss bleiben. Detroits Einwohnerschaft besteht zu 84 Prozent aus Afro-Amerikanern. Der niederländische Schriftsteller Geert Mak nennt Detroit das „postmoderne Tschernobyl der USA“. In der Stadt ist es dunkel, nur im Januar leuchtet die Autoshow, als sei Detroit noch ein Symbol für die Mobilität der Welt.

Gründe für den beispiellosen Niedergang gibt es viele. Jahrzehntelang prasste die Stadtverwaltung. Gehälter im öffentlichen Dienst wurden hier gerne an die vergleichsweise hohen Löhne angepasst, die Ford, GM und Chrysler zahlten. Darauf legten auch die mächtigen Metallergewerkschaften Wert. Doch die zyklisch wiederkehrenden Krisen der Autobauer zogen ein unregelmäßiges Steueraufkommen nach sich. Die Belastungen durch die Rentenfonds des öffentlichen Dienstes stiegen dagegen. Misswirtschaft und Korruption gehörten zu Detroit wie die erfolgreichen Musiklabel. Als Michigans konservativer Gouverneur Rick Snyder im Juli die Pleite der Stadt verkündete, sagte er: „Das hat sich über 60 Jahre angebahnt.“

Washington wird nicht helfen

Seit Dezember ist amtlich bestätigt: Motor City liegt auf den Tod. Ein Gericht hat der ersten US-Großstadt ein geordnetes Insolvenzverfahren erlaubt. Detroit darf nun versuchen, seine Schulden von mehr als 18 Milliarden US-Dollar abzubauen. Ob das gelingt, liegt entscheidend an Mike Duggan, dem Bürgermeister, und an Kevyn Orr, dem Notverwalter. Große Hilfe aus Washington ist nicht zu erwarten, die USA können sich das nicht mehr leisten. In den 70er-Jahren war das anders. Präsident Gerald Ford gab damals dem hoch verschuldeten New York viel Geld, um aus der Krise zu kommen.

Duggan ist ein kleiner Mann mit Bäuchlein, der als Bürgermeisterkandidat kein Hehl daraus gemacht hat, dass er Orr am liebsten zurück nach Washington schicken würde. Orr, Jahresgehalt 275.000 Dollar, sei vielleicht ein guter Insolvenzrechtler. Wie man eine Stadt mit 10.000 Angestellten leite, davon habe der Mann aus Washingtons feinem Vorort Chevy Chase aber keine Ahnung.

Orr, ein schlanker, stets perfekt gekleideter Mann, hatte seinen Kritikern manche Vorlage geliefert. In einem Interview sagte er: „Lange Zeit war die Stadt dumm, faul, glücklich und reich.“ Die Detroiter hießen Orr danach einen Diktator.

Mittlerweile ist der Ton besonnener. Duggan und Orr sind zwar noch immer keine Freunde, doch haben sie sich zumindest einigen können, wer sich um worum kümmert. Der Notverwalter hat weiter das letzte Wort, Orr behält die Hoheit über die Stadtfinanzen und muss sich um den Schuldenabbau kümmern. Das wird ihn in Detroit wahrscheinlich noch unbeliebter machen.

Denn ohne Kürzung der Renten für städtische Bedienstete und Pensionäre wird sein Plan kaum aufgehen. Vielleicht auch nicht ohne den Verkauf von Kunstwerken aus einem der bekanntesten Museen der USA. Bis zu eine Milliarde Dollar könnte erlöst werden, wenn sich Detroit von einigen seiner Schätze aus dem Institute of Arts trennen würde, so Experten. Doch allein der Gedanke, dass etwa Vincent Van Goghs Selbstporträt verscherbelt werden könnte, hat Entrüstung ausgelöst.

Duggan hat es dagegen einfacher. Er muss zusehen, dass wieder mehr Laternen leuchten, der Rettungsdienst schneller anrückt, der Schnee geräumt und der Müll abgefahren wird. Gelingt ihm das, hat er schnell viele neue Freunde in Detroit. Duggan sagt, er wolle, dass in spätestens fünf Jahren die Einwohnerzahl wieder steigt.

Man muss Optimist sein, um daran zu glauben, oder aber Bürgermeister einer Stadt, der das Schlimmste schon geschehen ist. Der Detroiter Autor Charlie LeDuff schreibt, Detroit erinnere ihn an Pompeji. Nur sei nicht alles mit Asche bedeckt.