Manche Bücher entfalten ihre ganze Pracht erst durch den Skandal, den sie auslösen: Die öffentliche Empörung beweist, daß sie einen wunden Punkt getroffen haben. Mag das skandalöse Kunstwerk zunächst auch etwas seicht wirken - wenn erst die von Hysterie nicht freie Debatte tobt, ist ihm unsere Aufmerksamkeit sicher.So erging es Panizzas Drama "Liebeskonzil" und Schnitzlers weit gelungenerem "Reigen", Herbert Achternbuschs "Gespenst" und Rainer Werner Faßbinders "Die Stadt, der Müll und der Tod". So erlebten es jetzt auch die beiden nicht unbedingt zart besaiteten Satiriker Gerhard Henschel und Wiglaf Droste mit ihrem sarkastisch-grellen Deutschland-Roman "Der Barbier von Bebra" - eine grobschlächtige Abrechnung mit dem Zeitgeist. Die Autoren erlauben sich hier einen gut gezielten Verstoß gegen die Spielregeln der politischen Korrektheit, wir besichtigen den Untergang des wiedervereinigten Vaterlandes. Am Ende marschieren empörte Ostdeutsche unter Führung von Bärbel Bohley gegen Bonn, das Land versinkt im Bürgerkrieg und ist wenige Romanseiten später unbewohnbar.Zuvor massakriert ein mysteriöser Killer prominente DDR-Bürgerrechtler, nachdem er seinen Opfern ihre Markenzeichen - den Dissidenten-Bart - abgeschoren hat: Wolfgang Thierse erstickt an einer Klarinette, Jürgen Fuchs ertrinkt in einem Faß Shampoo und Rainer Eppelmann wird auf Mafia-Art gemeuchelt: Mit einer Betonplatte an den Füßen in der Tiefe des Sees.Die Mordlust der Autoren ist überparteilich: Auch Gregor Gysi, der Verleger der "titanic", Lothar Matthäus, und Derricks Assistent Harry müssen dran glauben. Jede Subtilität, jede Regung von Mitleid oder gutem Geschmack vermeiden Droste und Henschel sorgfältig: Deutschland - einig Narrenhaus. Sympatischen Zeitgenossen begegnet man selten in diesem aberwitzigen Parforce-Ritt durch die Landschaften des blühenden Blödsinns: Überall entdecken Droste und Henschel nur leicht debile, lächerlich eitle und kümmerlich beschränkte Figuren.Ob Lutz Rathenow (der Süßstoff für seinen Whisky will) oder der "konkret"-Herausgeber Gremliza, ob Bärbel Bohley (hier in "Borbel Bähley" umgetauft), der konservative Publizist Johannes Gross oder der Chefredakteur des Neuen Deutschlands - niemand ist vor dem Hohn des Autorenduos sicher. Nur dem trinkfreudigen Harry Rowohlt, der herben Kommissarin und logischerweise dem Dissidenten-Killer können die beiden Dichter ihre Zuneigung nicht versagen.Trifft ihre Misanthropie gleichermaßen liebe Mitbürgern aus Ost und West, so waren es vor allem frühere DDR-Dissidenten, die sich fast reflexartig über die Attacke empörten - und so die öffentliche Debatte um die Zeitgroteske erst so richtig in Schwung brachten: Auf einen Vorabdruck des Romanes auf der Satire-Seite der "taz" reagierten Konrad Weiß und die grüne Bundestagsabgeorndete Vera Lengsfeld mit einer Demonstration deutscher Humorlosigkeit. "Täterhumor" und die Sprache der "Nazis" bescheinigte Vera Lengsfeld den Satirikern. Und weil die "taz" diese Prosa zweier "Geistesstützen deutscher Diktatoren" (O-Ton Lengsfeld) publizierte, rief die Bundestagsabgeordnete flugs zum Boykott der wirtschaftlich kränkelnden links-alternativen "taz" auf - eine deutsche Groteske. Hier wurde mit Kanonen auf Spatzen geschossen, als wollte Vera Lengsfeld allen Hohn, den Droste und Henschel über das Milieu der DDR-Dissidenten ausgießen, durch ihre aufgeregte Reaktion bestätigen. Wollte man bei der Lektüre des grellen Romanes die eine oder andere Romanfigur noch vor den rüden Scherzen des Autorenduos in Schutz nehmen, stellte sich spätestens angesichts der Reaktion der grünen Bundestagsabgeordneten der leise Verdacht ein, Droste und Henschel hätten gar keine schräg-geschmacklose Groteske geschrieben, sondern eine hellsichtige Analyse der deutschen Mentalität. Wiglaf Droste, Gerhard Henschel: Der Barbier von Bebra. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 1996. 125 Seiten, 19,80 Mark. +++