Die Geräte sind nicht sehr groß, armlang vielleicht, aber sie machen einen Heidenlärm: "Airguns" (auf Englisch in etwa: Luftkanonen) werden hinter Schiffen hergezogen und erzeugen einen lauten Knall, dessen Schallwellen dann vom Ozeanboden reflektiert werden. Die Meeresforscher nutzen den Lärm ähnlich wie Erdbebenwellen und errechnen damit Bilder von der Beschaffenheit des Meeresgrunds (siehe Kasten). Die Methode ist umstritten, da Umweltschützer fürchten, dass die Knallerei Wale und Robben schädigt oder sie zumindest in ihrem Sozialverhalten beeinträchtigt. Aus diesem Grund erteilt das Berliner Umweltbundesamt (UBA) dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven solange keine Genehmigung für Airgun-Untersuchungen, bis das Ergebnis einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorliegt. Diese Prüfung kann sich über Jahre hinziehen. Die deutschen Meeresforscher fühlen sich dadurch in ihrer Arbeit behindert und werfen dem UBA eine zu restriktive Auslegung des internationalen Antarktis-Umweltschutzprotokolls vor. Das entsprechende deutsche Ausführungsgesetz, das "AUG", gilt seit Januar 1998.Der Streit zwischen dem Helmholtz-Zentrum AWI und der Umweltbehörde offenbart die große Unzufriedenheit der Wissenschaftler mit dem AUG. Das AWI versuchte in drei Fällen, einstweilige Anordnungen zu erwirken - immer vergeblich. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, warnte bereits im März vor Parlamentariern in Berlin davor, dass die deutschen Meeresforscher demnächst unter anderer Flagge arbeiten könnten. Und mittlerweile gibt es zur Genehmigungspraxis des UBA zwei "Kleine Anfragen" aus dem Bundestag an die Regierung. Darin ist von einem drohenden "großen wissenschaftlichen Schaden" für die deutsche Polarforschung die Rede. Alles nur wegen einiger Tage Knallerei in der Antarktis? Für AWI-Direktor Jörn Thiede ist die zögerliche Haltung des UBA Ausdruck eines Sinneswandels, der vor ein, zwei Jahren eingesetzt habe. Davor habe es nie Probleme mit der Behörde gegeben. Das UBA argumentiere zwar, das Umweltschutzprotokoll sei erst 1998 in nationales Recht umgesetzt worden, weshalb sich bislang gar keine Genehmigungspraxis entwickeln konnte. Doch das lässt Thiede nicht gelten. Denn verabredet worden sei dieses Gesetz bereits fünf Jahre zuvor. Seit dieser Zeit "hätte man doch üben können, da wir unsere Forschungsvorhaben regelmäßig dem UBA angezeigt haben", meint Thiede. "Wenigstens einen Tipp zu eventuellen Problemfeldern hätten wir uns erwartet", so der Wissenschaftler. "Da ist nichts gekommen."Entsprechend scheinen die CDU/CSU-Abgeordneten für ihre Kleine Anfrage präpariert worden zu sein. Sie schreiben an die Bundesregierung, dass das UBA seit 1999 Umweltverträglichkeits- und Erheblichkeitsprüfungen für die Genehmigung von Forschungsprojekten verlange, "die ihrer Art nach jahrelang ohne dieses Erfordernis genehmigt wurden". In ihrer Antwort stellt die Regierung klar, dass das UBA bis zum Januar 1998 gar nichts zu genehmigen hatte, da es vor dem In-Kraft-Treten des AUG "keine formalen Genehmigungsverfahren aufgrund des AUG gab". Die Forscher genehmigten sich ihre Vorhaben mehr oder weniger selbst. In der Antwort auf die Anfrage heißt dies: "In der Phase zwischen 1993 und 1998 wurden vielmehr entsprechend einem Beschluss der Konsultativtagung die Regelungen des Umweltschutzprotokolls auf freiwilliger Basis durch die Forschungsinstitute selbst angewandt." Unter "größtmöglicher Berücksichtigung der Umwelt", betont Thiede und fügt hinzu: "Die erste Priorität aber liegt auf der Forschung." Die Antarktis und das umgebende Meer seien als Forschungsobjekte unverzichtbar: "Wir können den Globus nicht verstehen, wenn wir die Antarktis nicht kennen." Um die Gebiete erforschen zu können, sind Untersuchungen mit Airguns oder der Einsatz anderer akustischer Verfahren nach Ansicht Thiedes unverzichtbar. Das Forschungsschiff "Polarstern" beginne erst mit den Messungen, wenn die meisten Wale abgewandert seien. Ausschließen könne man eine Störung des Sozialverhaltens von Meeressäugern aber nicht, sagt Thiede - und das ist für ihn der entscheidende Punkt des Gesetzes. Das "Besorgniskonzept" des AUG ist Thiede zufolge zu rigoros. "Das geht an den Nerv unserer Arbeit." Der AWI-Chef klagt: "Deutschland ist unter den Staaten, die in der Antarktis forschen, am restriktivsten." Das UBA weist die Vorwürfe zurück. Auch andere Staaten wie die USA hätten akustische Unterwasser-Versuche in ihren Hoheitsgewässern eingehend prüfen lassen, sagt Wiebke Schwarzbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin am UBA. Darüber hinaus seien die umfangreichen Antragsunterlagen des AWI viel zu kurzfristig eingereicht worden. Schwarzbach, Meeresbiologin mit Antarktis-Erfahrung, sagt dazu: "Die Kontroverse ist in vielen Fällen zeitlich bedingt." Überhaupt, so Schwarzbach, genehmige das UBA die meisten AWI-Projekte problemlos. Nur in wenigen Fällen, wie den Airgun-Versuchen, würde eine UVP verlangt.Nach den juristischen Streitereien und der Mobilisierung von mehr als drei Dutzend Bundestagsabgeordneten aus der Unionsfraktion und der FDP sind alle Beteiligten jetzt um einen Konsens bemüht. AWI-Chef Thiede hat die UBA-Vertreter zu einem Treffen eingeladen. Auch die Meeresschutzbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Anke Hartnagel, hat sich eingeschaltet. "Es geht hierbei nicht um Forschung contra Umweltschutz", sagt Hartnagel. Sie will jetzt alle Beteiligten an einen Tisch bringen. Und aus dem Bundesforschungsministerium teilt Hansvolker Ziegler, der Vertreter des zuständigen Abteilungsleiters, auf Anfrage mit, es habe sich um ein neues Gesetz gehandelt - "da ist es ist doch ganz normal, dass es Schwierigkeiten gegeben hat." Im Übrigen verweist Ziegler auf die Antwort der Regierung an die Unionsabgeordneten. Im Amtsdeutsch heißt es da, man wolle sich bestehender Übergangsprobleme aus der Anwendung des neuen Rechts annehmen und sie einer Lösung zuführen. Ziegler ergänzt: "Das ist auf gutem Wege."Auf eine politische Lösung allein will sich das AWI aber scheinbar nicht verlassen. Eine ebenfalls noch nicht erteilte deutsche Genehmigung für die Errichtung eines Bohrcamps auf dem Eis haben sich die Forscher schon vor Monaten aus Norwegen geholt. Das ging, weil sie die Federführung des Projektes an die Kollegen aus Skandinavien abgaben und also unter anderer Flagge arbeiten. Derweil läuft die Umweltverträglichkeitsprüfung für das eigentliche Bohrvorhaben namens "Epica" weiterhin am UBA. Jörn Thiede sagt, das AWI begegne damit dem Prüfverfahren "auf die Art, die das Gesetz vorsieht".Kanonen statt Bomben // Zur Vermessung des Meeresbodens setzen Wissenschaftler oft akustische Verfahren ein. Das bekannteste ist das Echolot, das sowohl vom Militär als auch von der zivilen Schifffahrt benutzt wird. Dabei werden Schallwellen ausgestrahlt. Die von Mikrofonen aufgefangenen Reflexionen ergeben ein Abbild des Meeresgrunds.Bis in den Ozeanboden hinein dringen Erdbebenwellen. Früher erzeugten Forscher künstlich seismische Wellen, indem sie Sprengladungen zündeten. Als schonender gilt das "Airgun"-Verfahren. Dabei knallen "Luftkanonen" (Airguns) laut. Sie werden hinter dem Forschungsschiff hergezogen.Kritiker fürchten, dass akustische Verfahren, insbesondere die lauten, Meeressäuger wie Wale und Robben stören oder gar deren Gehör schädigen. Manche Experten vermuten, dass Wale deswegen stranden. (jz. )Die Bergung wissenschaftlicher Geräte in schwerer See: Die Aufnahme entstand auf dem deutschen Forschungsschiff "Meteor", als es im Atlantik vor den Kanarischen Inseln unterwegs war.Die "Polarstern" ist das Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung.An einer Art Schlitten werden die zylinderförmigen "Airguns" hinter dem Schiff hergezogen und erzeugen Knalle. Speziell angeordnete Mikrofone zeichnen die Schallwellen und deren Echos auf.

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