Die Bahn AG hat die gesamte vierköpfige Geschäftsführung der Berliner S-Bahn GmbH ihrer Ämter enthoben. Grund sind die anhaltenden Probleme bei der S-Bahn. Den Beschluss fasste der Aufsichtsrat des Unternehmens, einer hundertprozentigen Bahntochter, gestern Nachmittag in einer außerordentlichen Sitzung. Als neuer Sprecher der Geschäftsführung wurde mit sofortiger Wirkung der bisherige Regionalbereichsleiter Nordost der DB Regio AG, Peter Buchner, berufen. Unterstützt wird er von drei weiteren Managern der Deutschen Bahn, Christian Kayser (Finanzen), Maik Dreser (Produktion) und Christoph Wachendorf (Personal). Die abberufenen Geschäftsführer werden nicht entlassen, sondern bleiben Angestellte, bis die Schuldfrage geklärt ist.Wann die S-Bahn in Berlin wieder normal fahren werde, sei unklar, erklärte DB-Personalvorstand Ulrich Homburg. Den Fahrgästen sowie dem Auftraggeber, dem Berliner Senat, versprach die Bahn "angemessene Kompensation" für die entstandenen Unannehmlichkeiten. Über das Wie und Was müsse noch entschieden werden. Homburg betonte die Bedeutung einer lückenlosen Aufklärung der Misere. "Es gibt keine Entschuldigung für die Sicherheitsmängel", sagte Homburg. Der Aufsichtsrat habe in seiner Sitzung eine umfangreiche Analyse der Probleme angeordnet und dazu auch Extrakräfte aus anderen Teilen des Landes gerufen. Dabei soll die Unternehmensführung nicht nur in den vergangenen Monaten, sondern auch in den vergangenen Jahren untersucht werden.Wie es dazu kommen konnte, dass die S-Bahn die Auflagen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) ignoriert hat, konnte in der Sitzung des Aufsichtsrates offenbar nicht geklärt werden. Das EBA hatte 190 Viertel-Züge aus dem Betrieb genommen, weil die S-Bahn Fristen für die Sicherheitsüberprüfung nicht eingehalten hatte.DB-Vorstand Homburg wies den Vorwurf, dass das Chaos bei der S-Bahn dem Spardruck geschuldet sei, zurück. Die Situation habe nichts damit zu tun, sagte er. Für die S-Bahn seien Fahrzeuge im Wert von 1,2 Milliarden Euro gekauft worden. Er machte vielmehr den Hersteller Bombardier für die Probleme verantwortlich. Im Mai war einer der Züge aus der modernsten Baureihe 481 nach einem Radbruch entgleist.Reiner Bieck, Chef der Gewerkschaft Transnet, forderte eine neue Unternehmenskultur bei der Deutschen Bahn: "Der überzogene Personalabbau in der Vergangenheit und ein falsches Betriebs- und Instandhaltungskonzept sind mitverantwortlich für die jetzige Situation." Die Gewerkschaft erwartet möglichst schnell Aufklärung darüber, wer für die Pannen verantwortlich ist. Es reiche nicht, die Spitze auszuwechseln. Ähnlich äußerte sich der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Geschäftsführer Hans-Werner Franz sagte, damit die Leistung wieder stimme, müsse die Qualität in den Vordergrund rücken.Unterdessen bekundeten die BVG und die Hamburger Hochbahn AG grundsätzliches Interesse, den S-Bahn-Verkehr in Berlin ab 2017 zu übernehmen. Dann endet der Vertrag mit der S-Bahn GmbH. Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hatte sich gestern für eine Ausschreibung für mehrere Anbieter ausgesprochen. "Wenn Berlin die S-Bahn ausschreibt, werden sich viele Bahnunternehmen europaweit bewerben. Wir auch", sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Es sei für viele Verkehrsunternehmen "hoch attraktiv", die S-Bahn zu betreiben.Die Hamburger Hochbahn, die mit 10 000 Beschäftigten neben der Hamburger U-Bahn über Tochtergesellschaften mehrere Regionalbahnen in Deutschland betreibt, hat zwar keine konkreten Pläne für Berlin, "aber wir schauen uns jede Ausschreibung für Bahnverkehr genau an", sagte Sprecher Kreienbaum. Die technische Einzigartigkeit der Berliner Bahn sei ein Problem, aber "wer in Hamburg U-Bahn fahren kann, kann auch S-Bahn fahren in Berlin".------------------------------Wechsel über NachtTobias Heinemann, der gestern seinen Job verlor, hatte den Posten als S-Bahn-Chef im Mai 2007 übernommen. Unter seiner Leitung führte die S-Bahn GmbH im Jahr 2008 rund 56 Millionen Euro als Gewinn an den Mutterkonzern ab. Doch die S-Bahn verärgerte das Publikum zunehmend durch Pannen und Ausfälle. Das Eisenbahnbundesamt entzog ihm schließlich das Vertrauen.Peter Buchner ist vorgestern Nacht kurzfristig vom Bahnaufsichtsrat als Interims-Nachfolger eingesetzt worden. Er war bis dahin für den Betrieb der Regionalbahnen rund um Berlin verantwortlich. Aus dieser Tätigkeit ist er vertraut mit der S-Bahn-GmbH sowie dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg.------------------------------Foto: Fahrgäste in Warteposition: Auch gestern mussten sie auf S-Bahnhöfen wieder viel Geduld haben, bis ein Zug eintraf.Foto: Abgefahren: Tobias Heinemann ist den Job als S-Bahn-Chef los.Foto: Eingefahren: Peter Buchner soll die S-Bahn auf Kurs bringen.