Deutsche Erstaufführung: "Cyrano" im Theater des Westens umjubelt: Ein romantischer Seufzer

Ein neuer Musical-Import wird gefeiert. "Aber keiner von der Insel!" ruft Regisseur Helmut Baumann stolz dem Premieren-Publikum zu. "Nicht von der Insel, (der britischen) und schon gar nicht aus Amerika." Aus Dänemark. So. Das gefällt dem Herrn Kultursenator natürlich, weswegen er auch gleich schlimme Arroganz wittert, weil er bisher "so sehr wenig gehört hat von dem Stück". Doch gemach, erst seit Sonntag kann das Musical beguckt und ihm bescheinigt werden: jawohl, vortrefflich gelungen.Nun zählen die Dänen nicht zu den führenden Musical-Nationen der Welt. Pierre Westerdaht, Flemming Evenold (Buch) und Sebastian (Musik) haben 1993 trotzdem einen Zugriff auf das anglo-amerikanische Genre gewagt -- seitdem läuft das Stück daheim ohne Pause. "Cyrano" entstand nach dem Bühnenstück von Edmond Rostands, einemtu~iachtietzen über Liebe. Schmerz und",Herzeleid. Darin ist Cyrano de Bergerac ein vorbildlicher Musketier voller Mut und Tapferkeit, der 100 Straßenräuber furchtlos in die Flucht schlägt. Der Held, der neben seinem Degen auch als Mann der Dichtkunst seine Worte vortrefflich zu setzen weiß, bleibt trotzdem glücklos und einsam. Einziger Grund: seine übergroße Nase, die er der angebeteten Schönen Roxane glaubt, nicht zumuten zu können. So leiht Cyrano Geist und Feder dem tumben Schönling Christian, der Boxane mit Cyranos Briefen erobert.Die theatralische Bühnenfassung wurde für das Singspiel gründlich entrümpelt, Kitsch durch Witz und Ironie gebrochen ("Wie kann ich ihr eine Nase zumuten, die ihre Ankunft eine Viertelstunde vor meinem Erscheinen anmeldet?"), Romantische Seufzer und Rührseligkeit freilich gehen auch in dieser Version noch bis zur Schmerzgrenze. Aber alles ist in sich stimmig und stilsicher, die Inszenierunß hat Schwung, Spannung und elen un glaiil,lichen Schauwert. Es wird diesmal überhaupt nicht getanzt. dafür schmettern die Chöre um so ergebener, die Säbel klingen und die Musketen donnern, daß es nur so kracht. Dazu kommt eine Bühne (Alex Harb) von großer Prach>, eine auffallend geglückte Lichtregie und Kostüme (Mario Braghieri) von klassischer Schönheit.In solcher Umgebung laufen die Darsteller zu großer Form auf. Das Schauspieltalent von Joachim Kernmer muß man nicht preisen, der Mann hatte schon vor 20 Jahren als "Cyrano" Erfolg. Daß der Serienheld zudem eine so starke Singstimme hat, dürfte für manchen neu sein -- Kemmer ist in jeder Hinsicht der Held des Abends. Gewaltigen Applaus verdienten sicft auch Anita Eberwein, die Roxane mit warmem Mezzosopran Liebreiz verleiht, und Michelle Becker in einer süffisant-lasziven Nebenrolle.So ist den Dänen für dieses kontinental-europaische Musical zu danken. Und auf den fernen Tag zu hoffen, da auch ein richtiges inländisches Musical in Export-Qualität entstehen wird ....