Der Bundeswehr-Fliegerhorst Wunstorf bei Hannover hat schon Geschichte mitgemacht. Die Nazis richteten ihn 1934 für Görings Luftwaffe ein. Die Alliierten nutzten den Platz 1948, um das blockierte Berlin zu versorgen. Heute starten und landen hier wieder Rosinenbomber: "Transall"-Transporter für Sarajevo.Die Wunstorfer Besatzungen haben die Gefahren der bosnischen Luftbrücke zu spüren bekommen. Einer von ihnen, der Hauptfeldwebel Wilhelm Wiegel, ist auf dem Flug in die eingekesselte Hauptstadt über Zagreb von serbischen Geschossen schwer verletzt worden. Den ersten Verwundeten des deutschen Blauhelm-Engagements hat das nicht abgeschreckt. Demnächst fliegt der 45jährige wieder Richtung Balkan. Denn sein Verband unterstützt mit 12 Maschinen die Eingreiftruppe der Briten und Franzosen. Etwas genervt "Ich mache den Job als Soldat seit 20 Jahren. Egal, was für ein Einsatz kommt. Ich geh "da hin". Dabei haben die Transall-Crews, die für den neuen Auftrag schon "Sarajevo-Landungen" mit vierfach steilerem Einflugwinkel trainieren, diesmal Kollegen, die noch gefährdeter sein werden: "Tornado"-Piloten aus Jagel an der dänischen Grenze, die in 30 Meter Höhe über bosnischem Gebiet aufklären und Fotos machen werden. Und vor allem die aus dem bayerischen Lechfeld, deren Job es ist, mit acht elektronisch hochgerüsteten ECR-Jets und ihrer Harm-Rakete unter der Tragfläche serbische Luftabwehrstellungen auszuschalten.Schon vor dem Marschbefehl wirken die Piloten aus Jagel und aus Lechfeld etwas genervt. Sie haben zwar reichlich gelassen Seminare zu den Themen "Gefangenschaft und Tod" und zum Überleben nach dem Abschuß hinter sich gebracht. Die Familien sind in zig Gesprächen überzeugt oder zumindest beruhigt worden. Doch jetzt fallen zahllose Journalisten mit Mikrofonen und Kameras und Notizblöcken über sie her und rühren alles wieder auf. Keine Namen "Wir wollen keine Namen in der Zeitung sehen", schärft der Offizier den anreisenden Medienvertretern ein, "und auch keine Home-Stories". Die eingeschränkte Berichterstattung hat gute Gründe: Es gab Bombendrohungen, und "das Päckchen eines Chaoten im Vorgarten der Piloten ist wirklich das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können". Vielleicht gibt die Sicherheit, anonym zu bleiben, auch die Chance ehrlicherer Antworten. "Der Tod", sagt einer, der einen drei Monate alten Sohn hat, "ist für den Piloten immer ein Begleiter. Ich schlafe sehr ruhig. Und meine Frau beneidet mich darum."Ja, sagt ein anderer, wenn er denn die Harm-Rakete in ein serbisches Ziel abschießen müsse, dann sei dies "sicher was anderes als im Übungsbetrieb". Aber "man denkt mit Sicherheit erst hinterher stärker emotional drüber nach. Im Cockpit gibt es in diesem Moment nur eine Automatik.""Schmerz", wie die Amerikaner den knapp drei Meter langen, abflußrohrdünnen Lenkflugkörper genannt haben, gibt den Bundeswehr-Piloten allein nicht die Sicherheit, die sie gern hätten. Das tun erst die "Rules of Engagement". Das sind die Vorschriften, die festlegen, wo und wann sie fliegen und wann sie auf den Knopf drücken dürfen.Dürfen sie das schon, wenn ein Suchradar der Serben sie oder ein zu beschützendes Flugzeug erfaßt? Oder erst, wenn die Serben das konkrete Ziel erfaßt haben und und per Zielradar schießen wollen? Hier kommt - vierzehn Tage vor dem für den 21. Juli angesetzten Termin der Einsatzfähigkeit - eine politisch bedingte und zwischen Bonn und der UNO zu klärende, sehr große Portion Unsicherheit ins Spiel: Natürlich, versichert Verteidigungsminister Volker Rühe, der sich viel Mühe gibt, mit den Besatzungen persönlich zu sprechen, natürlich seien diese "Rules of Engagement" klar und festgelegt.Die, die es betrifft, wissen aber zumindest nicht alles. Das wird aus den Wünschen der Hauptleute und Majore deutlich. Sie werden in entscheidenden Augenblicken eng eingepackt im Zwei-Mann-Cockpit arbeiten. Ihnen kann die vierfache Schwerkraftbelastung einer scharfen Kurve auch mal das Blut aus dem Gehirn nach unten pumpen und Blackouts bewirken. Sie fordern, "daß wir auch auf das Suchradar schießen können". "Sonst", räumt selbst der Kommandeur ein, "kann es zu spät sein." Da ist noch ein, sehr wunder, Punkt. Erstmals könnten, sollen Bundeswehrsoldaten töten. Soldaten, die bislang eher Nur-Flieger waren mit Spaß an Technik und körperlicher Herausforderung und die im Kalten Krieg allein durch Existenz abschreckten. Jetzt kann es Kampf geben, den Ernstfall. Haben sie Angst, Zivilisten zu treffen?"Nein", glaubt ein Pilot, "unser Sprengkopf ist sehr klein, die Rakete geht nur auf das Radar selber. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendwo fünf Meter um das Radargerät irgendwelche Zivilisten und kleine Kinder gefesselt werden." Ein bißchen Prinzip Hoffnung. Aber andererseits bestärken die Bilder vom Krieg auch den Auftrag: Dann, wenn auf dem Markt von Sarajevo wieder Granaten eingeschlagen sind und in Nahaufnahme das Kind gezeigt wird, das verblutet.Vieles ist - eine Woche nach dem mit großer Mehrheit und vielen Oppositionsstimmen gefaßten Bundestagsbeschluß - noch offen. Die Transportflieger von Wunstorf geben sich uninformiert, ob das Transall-Fahrwerk auf bosnischem Boden aufsetzen darf oder nur auf kroatischem: "Eine hochpolitische Frage", findet einer ihrer Kommandeure, bis Rühe in einer Pressekonferenz klarstellt: "In Bosnien wird nicht gelandet."Tatsächlich weiß der Verteidigungsminister nicht einmal, ob in Norditalien gestartet werden darf. Das italienische Parlament muß dazu erst mal ja sagen, und die römischen Politiker waren reichlich verschnupft, weil der Standort Piacenza am Rhein viel zu früh und viel zu unautorisiert genannt worden war. Kleine Eifersüchteleien unter Partnern, für die Rühe Verständnis hat: "In Italien herrscht inzwischen ein Gedränge wie auf einem Flugzeugträger." So wird für die Deutschen auf dem Stützpunkt kein Bett mehr frei sein. Sie ziehen ins Hotel. Generalstabsmäßig Aber Rom hat auch mitbekommen, daß die deutsche Mobilisierungsmaschine längst läuft. Ein gigantischer Materialfluß muß über die Alpen gebracht werden. 200 Tonnen Material aus Jagel, 300 Tonnen aus Lechfeld, insgesamt mehr als zwei Dutzend Flugzeuge und 500 Luftwaffenleute und später noch das komplette Lazarett nach Split, das via Emden verschifft wird. Das alles wird generalstabsmäßig geplant. 40 "Transall"-Flüge werden nötig sein, um die Ausrüstung des Aufklärungsgeschwaders vor Ort zu schaffen. Der Aufwand wird weiter steigen, wenn sich Bonn zur Entsendung einer "Selbstschutz-Komponente" für das Lazarett entschließen sollte. Die besteht aus Fallschirmjägern, die auch Schützenpanzer mitbringen.Nicht weit von Lechfeld entfernt trainiert die Bundeswehr eine Spezialtruppe. Ihr Auftrag: abgeschossene Piloten zu bergen. So, wie die Amerikaner Scott O'Brady geborgen haben, der sich tagelang vor den Serben versteckt hielt. Aber diese Truppe ist erst 1996 einsatzbereit. Die Tornadoflieger aus Lechfeld und aus Jagel werden sich also auf die Amerikaner verlassen müssen. "Zur Sicherheit", sagt ein deutscher Pilot und klopft auf seine Fliegerkombination, "haben wir jetzt die gleiche Ausstattung wie O'Brady bekommen."