Was bisher geschah: Wenn man das jetzt nicht durcheinander gebracht hat, ging es in der ersten Woche darum, dass zwei griechische Götter namens Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou von einem Motorrad gefallen sind, ohne Motorrad gefahren zu sein. Ansonsten hat Michael Phelps sehr viel gewonnen, Franziska van Almsick dafür weniger. Vielleicht lag das alles an diesem gemeinen Meltemi-Wind, der blöderweise viele deutsche Medaillen hinweggeweht hat, unter anderem jene im Vielseitigkeitsreiten, das künftig wohl nicht mehr Military heißt, sondern Meltemitary. Herangetragen hat der Wind dagegen 1 400 Ampullen und sie unfairerweise in die Lagerhalle eines unbescholtenen Griechenbürgers namens Christos Tsekos hineingeweht. Das Motorrad dagegen fehlt weiter. Es fliegt wahrscheinlich irgendwo über der Stadt.SONNABEND, 21. August: Der Deutsche Ralf Schumann versucht mit seiner Schnellfeuerpistole als Erster, das Motorrad vom Himmel zu schießen. Obwohl er ein so guter Schütze ist, dass er am Ende Gold dafür bekommt, gelingt es ihm nicht. Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler hauen sogar bis morgens um halb drei Aufschläge durch die Luft, treffen aber auch nicht. Immerhin kriegen sie dafür den inoffiziellen Preis für die herrlichste Niederlage der Spiele. Die siegreichen Chilenen Massu und Gonzales haben an diesem Tag etwa 28 Stunden Tennis gespielt und müssten eigentlich mit einem Motorrad vom Platz gefahren werden. Es fehlt aber weiter. Zu Fuß geht auch Leichtathletin Sina Schielke, ihren 100 Meter langen Spaziergang bewältigt sie in 11,46 Sekunden und ist damit immerhin drei Hundertstel schneller als eine Sprinterin aus Bahrain mit Kopftuch und Umhang. Sie könne morgens nicht, sagt Sina, und meint das Laufen.SONNTAG, 22. August: Jetzt versucht es ein US-Schütze. Aber er trifft nur die Nachbarscheibe und macht damit einen Chinesen zum Olympiasieger. Über 100 Meter siegt Justin Gatlin und sagt, er sei sauber. Die Deutschen nehmen auch noch teil. Innenminister Otto Schily dankt den deutschen Athleten für ihre "grandiosen Leistungen", und Leistungssportchef Ulrich Feldhoff findet, dass die Disziplinen, "in denen die Stärken der deutschen Mannschaft zur Durchführung kommen", erst noch anstehen. Ringen kann er nicht gemeint haben. Zwar dürfen da erstmals Frauen mitmachen, das hilft Deutschland aber nicht. MONTAG, 23. August: Bei den Frauen startet eine Griechin namens Fani Halkia, im Halbfinale über 400 Meter Hürden. Sie ist, wenn man das richtig verstanden hat, eine eher neue Gottheit. Das Motorrad hat sie auch nicht, aber möglicherweise eine Art unsichtbaren Ersatzmotor, mit dem man urplötzlich vier Sekunden schneller fahren kann. Und sie hat gute Bremsen: Unmittelbar vor dem Zielstrich macht sie eine Vollbremsung und kommt rechtzeitig vor dem Weltrekord zum Stillstand. Die griechische Post stoppt auch, und zwar die Produktion von Briefmarken mit dem Konterfei von Leonidas Sampanis, dem gedopten Gewichtheber. Die Fußball-Frauen verlieren im Halbfinale gegen die USA. Wenigstens sagen sie hinterher nicht, dass sie morgens nicht kicken können, was aber vermutlich daran liegt, dass es ein Abendspiel ist. Der Chinese dagegen kann immer und gewinnt im Tischtennis alles, außer dem Männereinzel.DIENSTAG, 24. August: Olympiasieger im Immer-Können wird eindeutig Ungarns Diskuswerfer Robert Fazekas. Er kann nicht nur immer, er kann sogar mit Fremdurin. Leider kommt er ausgerechnet an diesem Tag nicht zu Potte. Er wird beim Pippitausch erwischt und muss Gold abgeben. Handballer und Hockeyspielerinnen kommen nach Siebenmeter-Krimis weiter. Es fließen Freudentränen, und nass werden nicht nur die Gesichter. Franziska van Almsick wird auf der Tribüne dabei erwischt, wie sie Fremdfreudentränen abgibt. Sie hat nämlich gar nicht selbst gewonnen, ebenso wenig wie der Diskuswerfer Lars Riedel, der, wenn man seinen Trainer richtig verstanden hat, "mit Müsli gegen Atomwaffen" kämpft. Fazekas beklagt "Gestapo-Methoden" der Dopingfahnder und fährt zurück nach Ungarn. Ohne Motorrad.MITTWOCH, 25. August: Ein Zeuge sagt, er habe den Motorradunfall von Kenteris und Thanou beobachtet. Muss gute Augen haben, der Mann, kurzfristig wird erwogen, ihn fürs Schießen nachzumelden. Er wird dann aber doch nur wegen Irreführung der Behörden angezeigt. Im Lager der Gewichtheber ist das Motorrad nicht aufgetaucht. Die hätten es aber gut gebrauchen können, weil, wie der Deutsche Ronny Weller erläutert, die Wege zum Büffet so weit sind. Prompt verletzt er sich im Wettkampf. Die griechischen Sportler sind offenbar schneller am Büffet: "Und wenn ihr uns von oben bis unten aufschneidet, ihr werdet nur Coca-Cola, Souvlaki und Tzatziki finden", sagt Wasserballer Christos Afroudakis. Griechenlands neue Gottheit Fani Halkia fährt mit ihrem unsichtbaren Ersatzmotor auch im Finale am schnellsten über die 400-Meter-Hürden-Strecke. Nach unbestätigten Gerüchten aus der Motorbranche könnte ihr Antrieb aus der gleichen Produktion stammen wie Kenteris' heißer Ofen. In der Pressekonferenz grüßt sie ihren Markengefährten herzlich. Mit dem unbescholtenen Griechenbürger Tsekos hat sie aber, wenn man das richtig verstanden hat, nichts zu tun. Ihr Trainer war sein Schüler, ach so, nichts weiter. Seine neue Trainingsmethodik revolutioniert die Leichtathletik-Welt: Er setzt auf etwas, was sich Stretching nennt. Und vermutlich auf Müsli.DONNERSTAG, 26. August: Der Frauen-Doppelvierer der Ukraine verliert Bronze, weil die Teamärztin einer Ruderin ein falsches Rezept geschrieben hat. Hingegen weigert sich die des Dopings überführte Kugelstoßerin Irina Korschanenko, ihr Gold zurückzugeben. Sie sagt, sie habe die Plakette ihrem Bruder mitgegeben, und der ist schon in Russland. "Ich bin 200 Prozent unschuldig", sagt sie. Am Abend wird erstmals das Motorrad gesichtet, über dem Olympiastadion. Ganz viele Griechen sehen es und freundlicherweise machen sie so laut darauf aufmerksam, dass der Endlauf über 200 Meter nicht gestartet werden kann. Kenteris läuft nicht mit. Es siegen drei Läufer aus Amerika, das ist jenes Land, in welchem das Müsli erfunden wurde.FREITAG, 27. August: Nicolas Massu fliegt zu den US Open und stellt auf dem Flughafen in New York fest, dass er seine Goldmedaillen in Athen vergessen hat. "Ich hatte sie vor dem Einschlafen unter mein Kopfkissen gelegt und beim Packen am nächsten Morgen liegen lassen", sagt er. Vielleicht kriegt er jetzt die von Frau Korschanenkos Bruder, aus Russland. Die Kanutin Birgit Fischer hat diese Sorgen nicht. Sie ist die erste Frau, die mit 192 Jahren ihre dreihundertachtundvierzigste Goldmedaille gewinnt. Der Kanute Andreas Dittmer dagegen wird zum ersten Mal seit 98 Jahren besiegt. Am Abend scheitert Steffi Nerius bei dem Versuch, das Motorrad per Speer vom Himmel zu holen. SONNABEND, 28. August: Die 192-Jährige bringt noch einmal Silber zur Durchführung, und Deutschland freut sich so sehr über seine Stellung als Kanuland Nummer eins, dass Sina Schielke einen Wechsel in den Viererkajak erwägt. Das Problem: Die fahren morgens. Randsportarten wie Fußball und Basketball werden dagegen von Argentinien gewonnen, einer Olympia-Großmacht, die nach 52 Jahren Pause schon wieder zwei Goldmedaillen holt. Beim Volleyball siegt natürlich das Land, das für seine riesengroßen Frauen bekannt ist: China. "Asien ist erwacht", schlussfolgert IOC-Präsident Jacques Rogge, was keine große Kunst ist, weil im Osten ja die Sonne aufgeht. SONNTAG, 29. August: Kurz vor der Schlussfeier schaffen die Spiele ein Jubiläum: Der ungarische Hammerwerfer Annus wird als dritter Sieger disqualifiziert. Die Zahl der ertappten Sünder steigt auf 23, nur das Motorrad fehlt immer noch. Alle 3 500 Pippiproben sollen eingefroren werden, auf Freudentränen wird nicht getestet. Es fließen auch keine mehr: Deutschland verliert das Handballfinale gegen Kroatien. Rogge bedankt sich für die "fantastische Organisation" der Spiele. Nur bei den Motorradfreunden Kenteris und Thanou hält sich die Vorfreude in Grenzen: In China gibt es lediglich Fahrräder.Mitarbeit: Wiebke Hollersen, Jens Weinreich------------------------------Foto (5) :Verzaubert: Eine kleine Chinesin sang nach dem Abschied der Athener ein Begrüßungslied ihrer Heimat. In vier Jahren finden die Spiele in Peking statt, dann ist sie schon so groß.Verhakt: Im Vielseitigkeitsreiten gab es nicht nur Probleme mit Uhren.Verwirrt: Fani Halkia war plötzlich sehr schnell.Verhext: Fast zumindest - Alina Kabajewa tanzt zum Gold in Rhythmischer Sportgymnastik.Verblüfft: Ein Chinese - Liu Xiang - gewann auch die 110 Meter Hürden.