Berlin - Irgendwann müsse man Abschied nehmen, sagt Dietmar Schwarz auf die Frage, wie lange Götz Friedrichs Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ noch gezeigt werden würde. Neu bauen lassen werde er die Kulissen jedenfalls nicht. Auch wenn der berühmte, 28 Jahre alte Tunnel schon lange nicht mehr ganz stabil wirkt – die Ausstrahlung dieser Inszenierung übertrifft alles, was die Deutsche Oper sonst hervorgebracht hat, sie steht für das, was dem Publikum an der Ära Götz Friedrich wert und teuer ist.

Intendant für 19 Jahre

Götz Friedrichs Amtszeit als Intendant und Regisseur in der Bismarckstraße übertrifft noch die Kanzlerschaft des gleichaltrigen Helmut Kohl: 1981 trat er an, 2000 starb er im Amt – schwer demontiert. Die große Zeit des Regisseurs war vorbei, der neue Generalmusikdirektor Christian Thielemann verfolgte gegen ihn ein anderes Konzept von Oper, der Kultursenator verlangte drastische Sparmaßnahmen.

Betrachtet man indes Bühnenfotos aus den letzten Jahren des West-Berliner Idylls, sieht man sich in die bislang letzte bedeutende Epoche Berliner Operngeschichte versetzt. Friedrich eröffnete seine Intendanz mit der Gefängnisoper „Aus einem Totenhaus“ und erzielte mit dem spröden, um ein Eisenbahngleis arrangierten Stück nicht nur einen großen Erfolg, sondern legte auch den Grundstein für eine viel beachtete Janacek-Tradition an diesem Haus.

Nach einer schwarz-rot glühenden „Lulu“ und der aufwühlenden szenischen Adaption von Berlioz’ „Fausts Verdammnis“ zeigte Friedrich in seiner sechsten „Così fan tutte“, dass seine Bühne auch über zarte und transparente Register verfügte. Im „Ring“ schließlich schuf er eine Welt aus Mythologie und Moderne, die nur acht Jahre nach dem bewunderten sozialkritischen Bayreuther „Ring“ von Patrice Chérau eine postmoderne Sicht auf Wagners Hauptwerk eröffnete.

Arbeit als Provokation

Ihren Kern hatten Friedrichs Inszenierungen nicht im „Konzept“, als dessen Erfinder er zuweilen bezeichnet wird, sondern immer in der Darstellung des singenden Menschen und seines ganz eigenen Verhaltens. Deswegen konnte Friedrich mit „realistischen“ als auch abstrahierenden Ausstattern zusammenarbeiten. Friedrich war in dritter Ehe mit der Sängerin Karan Armstrong verheiratet und erfuhr aus intimer Anschauung, wie weit man Sänger bringen kann. Seine Arbeit bestand zum großen Teil aus Provokation: „Viele Mitarbeiter sind zu den Proben gekommen, um uns streiten zu sehen“, sagt Karan Armstrong.

Streiten war dem Juristen-Sohn Friedrich in die Wiege gelegt. Manchmal gleichen seine Inszenierungen Verteidigungen: Den geprüften Frauen in „Così fan tutte“ gilt sein ganzes Verständnis. Der Siegfried im „Ring“ ist keine blonde Bestie, sondern ein Kind, das mit seinen seltsamen Erfahrungen in der Welt zurechtzukommen versucht. Seine Arbeiten gewährten neue Einblicke und waren zugleich in der Auffächerung des menschlichen Dramas im besten Sinne traditionell. Dass Friedrich in der ruppigen Konkurrenz mit den Opernhäusern nach dem Mauerfall seine differenzierten Fähigkeiten abhanden kamen, bedeutete für das deutsche Musiktheater ein unschätzbaren Verlust.