Bis die Integration behinderter junger Menschen in die deutschen Regelschulen als erfolgreich bezeichnet werden kann, ist es noch ein weiter Weg. Die Inklusion – die von einer UN-Konvention geforderte gemeinsame Bildung von Schülern mit und ohne Behinderung – bleibt eine Mammutaufgabe. „Es gibt sehr viele noch offene Fragen“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Freitag in Berlin, als sie gemeinsam mit Bildungsministern der Länder den Nationalen Bildungsbericht 2014 vorstellte. „Da ist an vielen Stellen Handlungsbedarf.“

300 Seiten stark ist der Bericht, der die Lage des deutschen Bildungssystems analysiert und sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit der Inklusion beschäftigt. Die Studie stellt fest, dass sich die Bildungseinrichtungen gegenwärtig in einer Phase des Übergangs befinden. Von rund acht Millionen Schülern in Deutschland haben etwa 491 000 sonderpädagogischen Förderbedarf, doch nur knapp 137 000 von ihnen besuchen integrative Schulen. Die meisten lernen noch immer isoliert an den häufig kritisierten Förderschulen.

„Wir brauchen mehr Wissen“

Den Untersuchungen zufolge besuchen zwar immer mehr Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen gemeinsam Kindergärten und Schulen. Doch: Je älter die Menschen mit Behinderung sind, desto schlechter stehen ihre Chancen, zusammen mit Gleichaltrigen Nicht-Behinderten zu lernen. Während in Kindertagesstätten noch mehr als zwei Drittel der behinderten Kinder gemeinsam mit Kindern betreut werden, die ohne Behinderung zur Welt gekommen sind, sind es in Grundschulen nur noch weniger als die Hälfte. Und in weiterführenden Schulen lernt noch ein Viertel der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit Kindern, die diesen Bedarf nicht haben.

Der Bericht weist aus, dass lediglich ein Drittel der rund 71 000 Lehrer an Förderschulen über einen sonderpädagogischen Abschluss verfügt. Über die Qualifikation des Personals an integrativen Schulen herrscht eher Unklarheit. Erkennbar ist immerhin, dass insgesamt zu wenig Lehrkräfte an Weiterbildungen teilnehmen, in denen sie sich mit dem Umgang mit behinderten Schülern beschäftigen könnten. In Hochschulen ist Inklusion dem Bericht zufolge nur ein Randthema.

„Wir brauchen mehr solides Wissen, unter welchen Bedingungen Inklusion in der Praxis erfolgreich ist“, sagte Johanna Wanka. Marcus Hasselhorn, Sprecher der Autoren des Berichts, pflichtete ihr bei: Um in diesem Bereich künftig erfolgreich arbeiten zu können, „müssen wir erst einmal wissen, wo welche Schüler inkludiert sind“.

Für falsch hielten es die Autoren, Förderschulen komplett abzuschaffen. Man müsse schauen, für welche Schüler man die Sondereinrichtungen brauche und für welche nicht, sagte Hasselhorn. Johanna Wanka erklärte, es sei in jedem Fall wichtig, alle Pädagogen durch Weiterbildungen „auf die große Aufgabe inklusiver Bildung vorzubereiten.“ Groß ist diese Aufgabe nach wie vor: „Die bestmögliche Integration ist eine Herausforderung für alle Bildungsbereiche.“

Neue Standards für Lehrerbildung

Deswegen sei auch klar, dass nichts von heute auf morgen umgesetzt werden könne. „Inklusion funktioniert nicht auf Knopfdruck. Die Länder haben sich der Herausforderung angenommen. Wir müssen weiter daran arbeiten“, sagte Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Sie pochte noch einmal darauf, dass es auch gute Entwicklungen zu verzeichnen gebe: „Das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Behinderungen wird immer mehr zur gelebten Normalität.“ Die Bildungsminister der Länder legten mit neuen Standards für die wissenschaftliche Lehrerbildung die Grundlage für die weitere Professionalisierung im Arbeitsbereich Inklusion. „Alle angehenden Lehrer werden Basismodule Inklusion belegen und damit sorgfältig auf das gemeinsame Lernen vorbereitet“, kündigte Löhrmann an.

Neben dem Schwerpunkt Inklusion macht der Bericht weitere Herausforderungen in anderen Bereichen des Bildungssystems sichtbar. So geht aus dem Papier hervor, dass jeder zehnte Schüler eines Gymnasiums vor Erreichen des Abiturs die Schule verlassen muss. Während das Gymnasium im Laufe der Jahrgangsstufen 5 und 9 durch Abbrüche oder Wechsel auf andere Schulen insgesamt zehn Prozent seiner Schüler verliert, nehmen gleichzeitig die Schülerzahlen an anderen weiterführenden Schulen zu. Menschen mit Migrationshintergrund haben es dem Bericht zufolge weiterhin schwer – ein Drittel von ihnen hat keinen beruflichen Abschluss.

Der vom Bundesforschungsministerium und der Kultusministerkonferenz geförderte Bericht wird alle zwei Jahre veröffentlicht. Verfasst wird die Studie federführend von Autoren des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung.