Der Unterricht geht bis halb sechs Uhr abends, viermal die Woche gibt es eine Doppelstunde Sport -und Küssen auf dem Schulgelände ist verboten. Das Leben in einem englischen Internat ist anders als zu Hause in Berlin-Teltow. Charlott Posch hat drei Monate im idyllisch gelegenen Bedstone College im Süden Englands verbracht. Auch wenn ihr einige Sitten seltsam vorkamen, der Aufenthalt hat ihr gutgetan. "Mein Englisch ist viel besser geworden, wir haben viel Sport getrieben: Fußball, Mountainbiking, Rugby oder Cross Country. Außerdem habe ich bei der Produktion eines Musicals mitmachen können", sagt die brünette Gymnasiastin. Als die 15-Jährige zurückkam "war sie viel selbstständiger und erwachsener", sagt ihre Mutter Kristine, genau das, was sie sich für ihre Tochter gewünscht hatte.Immer mehr Eltern interessieren sich für einen Internatsplatz für ihr Kind: "Die Nachfrage ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 33 Prozent gestiegen und liegt damit deutlich über dem Schnitt vorangegangener Quartale", sagt Martina Wieser von der Firma Euro-Internatsberatung Tumulka. Das Unternehmen vermittelt Internatsplätze in Deutschland, der Schweiz, in den USA, Australien und England. Vor allem internationale Einrichtungen seien derzeit gefragt, so Wieser.Haben Eltern kein Vertrauen mehr in das deutsche Schulsystem? Dafür spricht zumindest eine aktuelle Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach. Nach Ansicht der meisten Bundesbürger (61 Prozent) gibt es in den Schulen hierzulande überforderte Lehrer und zu große Klassen. Nicht nur beim Vermitteln von Schulstoff, auch bei der Förderung von Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme sehen viele Defizite. Mit der Verkürzung der Gymnasialzeit haben Bildungspolitiker die Unzufriedenheit noch genährt. "Viele Eltern klagen darüber, dass ihre Kinder zu viel Lehrstoff in zu wenig Zeit aufnehmen müssen", sagt Wieser. Auch das sei ein Grund, warum viele ihre Sprösslinge im angloamerikanischen Bildungsraum besser aufgehoben sehen.Gerade englische Internate haben eine lange Tradition und einen guten Ruf: "Das englische Wort â€öeducation' beinhaltet nicht nur das Vermitteln von Unterrichtsstoff, sondern auch die Entwicklung zur ganzheitlichen Persönlichkeit", sagt Juliane von Bülow, die sich mit ihrer Firma Better School auf die Vermittlung englischer Internatsplätze spezialisiert und auch Familie Posch beraten hat: "In englischen Internaten sind die Klassen kleiner, die Lehrer können intensiver auf Schüler eingehen und sich auch auf die einstellen, die langsamer sind."Das kann Charlott bestätigen: "Wir waren bei Wahlpflichtfächern wie Erdkunde oder Geschichte nur zehn Schüler. Die Lehrer haben sich bemüht, den Stoff anschaulich zu vermitteln -etwa durch Experimente. In Biologie zum Beispiel hat jeder von uns ein Schweineherz bekommen und durfte es untersuchen."Der Mix aus schulischer Vollversorgung und Freizeitangeboten, der Internate so attraktiv macht, ist nicht billig. Die Poschs haben gut 7500 Euro für drei Monate bezahlt, Klavierunterricht und Schuluniform nicht mitgerechnet. Dabei liegt das Bedstone-College eher im unteren Preisniveau. "So eine Ausbildung kostet viel Geld. Aber es ist keineswegs ein Privileg der Elite. Wir beraten Eltern aus allen sozialen Schichten, vom Handwerker bis zum Professor", sagt von Bülow. Für Familie Posch waren mehr als drei Monate -solange dauert ein Term -finanziell nicht drin. Doch Charlott ist darüber nicht nur traurig: "Wir hatten kaum Kontakt zu den Jungs. Das Schulgelände durften wir nur am Wochenende verlassen -wenn wir von Eltern anderer Schüler eingeladen waren."Was Internatsberater als durchorganisierte Tagesstruktur ohne Platz für Langeweile anpreisen, sehen Jugendliche im Extremfall anders. Schon deswegen sollten Eltern gut überlegen, ob ein Aufenthalt im Internat die richtige Entscheidung ist. Peter Giersiepen, Pfarrer und Familientherapeut: "Längere Aufenthalte von einem Jahr können für manche Kinder, die zu Hause oder in der Schule in einer Sackgasse stecken, eine gute Alternative sein. Für andere passt es nicht oder der Zeitpunkt ist falsch." Giersiepen hat selbst jahrelang ein Internat geleitet und berät heute Eltern. Wichtig sei es, auf die Bedürfnisse der Kinder zu achten und nicht nur die Erwartungen der Eltern zu bedienen. Denn: "Fast immer versprechen Internate mehr, als sie halten können", so sein Fazit.------------------------------ZUR SCHULEAbitur auf EnglischWer in England seinen Schulabschluss machen will, muss bis zum Beginn der elften Klasse auf eine englische Schule wechseln. Dort gibt es zwei Abschlüsse: Das A-Level und das International Baccalaureate (IB). "Das IB ist wesentlich anspruchsvoller als das deutsche Abitur, wir empfehlen es nur leistungsstarken Schülern", sagt Juliane von Bülow. Für jüngere Schüler ist ein Aufenthalt in der neunten Klasse optimal.AnbieterInternatsberatung Better School:www.betterschool.deEuro-Internatsberatung Tumulka:www.internatsberatung.com------------------------------Foto: Auf englischen Internaten herrschen andere Sitten als zu Hause: Ein Aufenthalt dort kann, muss aber nicht von Vorteil sein.

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