BERLIN. Die Angriffe kommen von ganz oben: Zuletzt war es der ehemalige Grüne Oswald Metzger, der Arbeitslosen vorwarf, ihr Lebenssinn sei es "Kohlenhydrate und Alkohol in sich hineinzustopfen". Auch SPD-Chef Kurt Beck forderte vor Jahresfrist einen Hartz-IV-Empfänger auf, sich nur ordentlich zu waschen und zu rasieren, dann klappe es auch mit der Jobsuche.Die Bemerkungen der Spitzenpolitiker waren meist schnell vergessen. Die Gedanken aber setzen sich fest. Das belegt jetzt eine Langzeitstudie: Arbeitslose und Arme sind in Deutschland demnach eine der Minderheiten, die am meisten von Diskriminierung und Abwertung betroffen sind. "Vor allem Langzeitarbeitslose sind ein neues Element in der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die wir untersuchen", erklärte der Wilhelm Heitmeiyer von der Universität Bielefeld gestern bei der Vorstellung der Untersuchung in Berlin.Dosenbier als Hartz-IV-StützeSozialwissenschaftler Heitmeyer ist Autor der Studie "Deutsche Zustände". Seit 2002 erforschen er und sein Team mit repräsentativen Befragungen die Haltung der Deutschen gegenüber Minderheiten im Land. In den vergangenen Jahren sahen sich vor allem Ausländer, Homosexuelle und Muslime Diskriminierung oder gar gewaltbereitem Hass ausgesetzt. Jetzt ist mit den Dauerarbeitslosen eine weitere stigmatisierte Gruppe hinzugekommen. Der Studie zufolge haben 56 Prozent der Deutschen eine abwertende oder gar feindselige Einstellung gegenüber Hartz-IV-Empfängern. Das schlägt sich auch in der Sprache nieder. Dosenbier etwa wird von Jugendlichen gern auch "Hartz-IV-Stütze" genannt.Die Ursache für die ablehnende Haltung gegenüber Arbeitslosen sieht Heitmeyer auch "in der zunehmenden Ökonomisierung des sozialen Lebens". Der steigende wirtschaftliche Druck auf den Einzelnen führe zu einer wachsenden Aggressivität gegenüber schwachen gesellschaftlichen Gruppen. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen ökonomistischem Denken und Gewaltbereitschaf", sagte Heitmeyer.Die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg führt auch zu einer zunehmenden Abgrenzung gegenüber Arbeitslosen. Heitmeyer: "Das geht quer durch alle Schichten. Aber vor allem diejenigen, die selbst vom Abstieg bedroht sind, reagieren mit Abgrenzung und Abwertung." Auch der wirtschaftliche Aufschwung habe diesen Trend noch nicht umkehren können. Die Angst vieler Menschen vor dem Jobverlust und die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse sei unvermindert hoch, heißt es in der Studie .In der Gesellschaft des neuen ökonomischen Denkens ist für sozial Schwache kein Platz. So stimmt mehr als ein Drittel der Befragten den Aussagen zu, "die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3 Prozent) und menschliche Fehler nicht (mehr) leisten" (34,8 Prozent). Etwa 40 Prozent sind der Ansicht, in der Gesellschaft werde "zu viel Rücksicht auf Versager genommen". Knapp 26 Prozent gaben an, moralisches Verhalten sei "ein Luxus".Die Ausgrenzung trifft indes auch andere wie etwa Obdachlose. Sie erfahren eine unverändert hohe Ablehnung. Antisemitismus, Rassismus und die Ablehnung von Behinderten sind auf ihrem jeweiligen Niveau stabil oder haben sich nur unauffällig verändert.Bundesminister Wolfgang Tiefensee (SPD) nannte Heitmeyers Befund "bestürzend". Die Abwertung der Schwachen sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vor allem in Ostdeutschland sei die "Angst vor denen da oben der Sorge gewichen, zu denen da unten zu gehören", sagte Tiefensee. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) forderte die Politik auf, die Ergebnisse der Studie ernst zu nehmen. "Die positive wirtschaftliche Entwicklung muss bei den Menschen ankommen und zu einer Veränderung der menschenfeindlichen Einstellung führen", sagte Thierse.------------------------------Grafik (2): Entwicklung der Angst vor Arbeitslosigkeit bei Erwerbstätigen (2002-2007); Stigmatisierungsindex. Arbeitslose zählen zur stigmatisiertesten sozialen Gruppe in Deutschland.------------------------------Foto: Draußen vor der Tür: ein Laden für gebrauchte Möbel in Erfurt. "Die Angst vor denen da oben ist der Sorge gewichen, zu denen da unten zu gehören", sagt Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) zur Untersuchung "Deutsche Zustände". Die Studie belegt eine neue Feindlichkeit gegenüber sozial Schwachen im Land.