Zum "Heiner"-Mythos gehört auch das Appendix "Lieblings-". Wer Heiner Müller einmal die Hand geschüttelt hat oder wer jemanden kennt, der Heiner Müller einmal die Hand geschüttelt hat, weiß nicht nur mindestens drei "Heiner"-Anekdoten, er kann auch mindestens hersagen, was dessen Lieblingszigarre, Lieblingswhisky, Lieblingswitz gewesen sei. Müller, der am Sonnabend seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte, hatte demnach mindestens 777 Lieblingswitze. Aus berufenerer Hand ist jetzt Müllers Lieblingsgeschichte überreicht worden. Martin Wuttke, der "Arturo Ui" in Müllers letzter Inszenierung, und der Dramaturg Carl Hegemann hatten es ein halbes Jahr vor Müllers Tod aus ihm herausbekommen: Friedrich von Gagerns Novelle "Der Marterpfahl" von 1925. Die Spur hatte Müller selber durch ein Interview gelegt, mit dem Titel: "Deutscher sein, heißt Indianer sein". Von Gagern, habe Müller gesagt, sei der Schriftsteller, der ihn am tiefsten geprägt habe, sozusagen sein Lieblingsvorbild. Dessen Texte seien ein Schlüssel zu der von ihm gebrauchten Sprache, seine Themen bei von Gagern alle enthalten. Ganze Passagen aus dem "Marterpfahl" konnte Müller auswendig vortragen, obwohl er den Text seit seiner Kindheit nicht mehr in der Hand gehabt hatte. (Auf Seite III des Magazins drucken wir Auszüge.)Es ist die bestimmt wahre Geschichte von Ludwig Wetzel, die hier erzählt wird, dem "wilden Deutschen", der schon, als er zu Zeiten des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges durch die Wälder von Virginia streifte, mehr Gerücht gewesen sei als Wirklichkeit, wie von Gagern schreibt; ein Mensch, den selbst die furchtlosen Ansiedler, bemalten Indianer und Geister des Urwaldes mit dunkler Scheu betrachteten. Welcher erzgebirgische Junge wollte nicht ein solcher wilder Deutscher sein, "bekannt, verrufen, gemieden und gefürchtet"? Welchen Abenteuern würde man als wilder Deutscher nicht ausgesetzt sein, vorzuziehen sogar noch jenen als tapferer Indianer! Man würde am Marterpfahl alle Prüfungen bestehen, und wenn man endlich heimkehrt, den Mann vernichten, der einem die Frau genommen hat! Und doch kann, wie es im Nachwort der Reclam-Originalausgabe heißt, "jede Frau herausfühlen, daß nicht der Körper, sondern die Seele des Ludwig Wetzel bis in alle Ewigkeit am Marterpfahl steht"; und es kann "jeder Mann erschüttert beachten, daß Ludwig Wetzel zeit seines Lebens der falschen Fährte gefolgt ist."Im Juli 1995 schenkte Hegemann Müller einen eigens angefertigten Sonderdruck der Novelle, und Wuttke versprach, sie an Müllers Geburtstag vorzutragen. Er wird das am heutigen 9. Januar um 23 Uhr im Roten Salon der Volksbühne zu Berlin nachholen.Müller hatte seine Lieblingserzählung wieder gelesen und war wohl etwas enttäuscht. Die Textstellen, die er im Kopf hatte, waren im Original ganz anders. Seine Varianten waren viel poetischer gewesen. Das ist die Tragik des wilden Deutschen: daß die Wirklichkeit immer halb so wild ist.