Deutsches Flüchtlingsschicksal: Die Mädchen aus Insterburg

Manchmal träumt Carola Maschke vom Wasser. „Hinter mir ist eine Riesenwelle, und ich weiß: Wenn du jetzt nicht läufst, dann schlägt das Wasser über dir zusammen und du bist weg.“ Manchmal träumt sie auch vom Schnee. „Dann sehe ich den Schnee vor mir, und dahinter kommen die Russen.“ Seit einigen Jahren sind die Alpträume seltener geworden. Doch gefeit ist Carola Maschke aus Insterburg in Ostpreußen bis heute nicht gegen die Erinnerungen an eine Flucht, die 70 Jahre zurückliegt.

Die 85-Jährige, die seit vielen Jahren in Köln wohnt, gehört zu dem Tross derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, in Pommern, in Schlesien oder im tschechischen Sudetenland verlassen mussten: Zwischen zwölf und 14 Millionen Deutsche flüchteten zwischen 1945 und dem Beginn der 50er Jahre von Ost nach West, sie kamen in ein kriegszerstörtes, zutiefst zerrüttetes Land, in dem die Flüchtlinge alles andere als willkommen waren.

Wenn man heute sieht, vor welche Probleme eine weitaus geringere Zahl von Flüchtlingen ein wirtschaftlich prosperierendes Deutschland stellt, kann man sich kaum vorstellen, wie es damals gelang, die vielen Flüchtlinge aufzunehmen

Carola Maschkes Flucht aus Ostpreußen beginnt in einer kalten Januarnacht. Die damals 14-Jährige lebt mit der Mutter und der sieben Jahre älteren Schwester auf einem 80 Morgen großen Hof in der Nähe von Insterburg. Der Vater, ein Förster, ist zum Volkssturm einberufen. Die Mutter kümmert sich seitdem allein um den landwirtschaftlichen Betrieb, unterstützt von zwei jungen Zwangsarbeitern aus Polen und Frankreich.

Seit den letzten Sommermonaten 1944 ist der Krieg auch in Ostpreußen näher gerückt. Zu Beginn des Winters sind die ersten Flüchtlinge mit ihren beladenen Planwagen und den Viehherden durch das Dorf gezogen. Nachts ist der Himmel blutrot vom Feuerschein der nur noch 60 Kilometer entfernten Front. „Man durfte nicht fliehen“, erinnert sich Carola Maschke. Ihrer Stimme ist noch heute die Fassungslosigkeit über diesen „von oben“ verordneten Irrsinn anzuhören. „Wer fliehen wollte, der wurde sofort an die Wand gestellt und erschossen.“

Dann kommt der 13. Januar 1945 – ein Samstag, der Carola Maschkes Leben unwiderruflich verändern soll: „Wir wachten auf, und unser Haus zitterte. Alles zitterte“. Einen Tag zuvor hat die Rote Armee mit der Eroberung Ostpreußens begonnen. Inzwischen stehen die Sowjet-Truppen kurz vor Insterburg. Im Dorf hört man bereits das Jaulen der Stalinorgeln. Zwei Wochen später ist Ostpreußen vom übrigen Reich abgeschnitten.

Familiensilber in der Wäsche versteckt

„Uns war immer klar: Wenn der Russe kommt, müssen wir sofort weg“, erinnert sich Carola Maschke. Dennoch harrt die Familie eine weitere Woche aus. Dann, endlich, gibt die Mutter die Order zum Aufbruch. Insterburg ist gefallen, die Heimat verloren.

Noch in dieser Nacht beladen sie zwei Planwagen mit allem, was sie tragen können: Lebensmittel, Kleidung, warme Decken. Futter für die Pferde. Die Mutter steckt schnell noch ein paar Familienfotos ein, versteckt Teile des Familiensilbers zwischen Wäschestücken, Taschen und Koffern.

„Keine Ahnung, wie sie es geschafft hat, die auch noch mitzunehmen.“ Carola Maschke schüttelt bis heute den Kopf über das Husarenstück der Mutter. Sie selber stopft in jener Nacht ihre letzte Geschichtsarbeit „mit all den roten Anmerkungen“ in einen Koffer. Dann brechen sie auf ins Ungewisse. Sieben Wochen dauert die Reise von Ostpreußen nach Hahnenklee im Harz, wo Verwandte der Mutter leben.

Schon in der ersten Nacht scheint die Flucht nach wenigen Stunden zu Ende. „Wir kamen bis zur Pregel, dann ging nichts mehr“, erzählt Carola Maschke. „Alles war hoffnungslos verstopft mit Flüchtlingen, Soldaten, Panzern. Ein einziges Chaos. Und alle wollten auf die andere Seite des Flusses.“ Schließlich nimmt sich die Mutter ein Herz und beschwört einen deutschen Offizier, die Planwagen mit den jungen Mädchen passieren zu lassen. „Damit die Mädels nicht in die Hände der Russen fallen“.

Hunderttausende Menschen sind in diesen Januartagen auf der Flucht vor der unaufhaltsam näher rückenden Roten Arme. Zu Fuß oder mit Pferd und Wagen versuchen sie, die Ostsee zu erreichen, um über das Meer zu entkommen. Auch Carola und ihre Familie wollen zunächst zur Küste, nach Frauenburg. Dann wird man weitersehen. „Wir sind von einem Kessel in den nächsten geraten“, erinnert sich die 85-Jährige mit Grauen an jene vier Wochen, die zu den schlimmsten ihres Lebens gehören. „Die Russen kamen näher. Es herrschten 20 Grad minus. Alles, was auf den Wagen transportiert wurde, war gefroren. Unsere Hände, Füße und die Nase waren dunkelblau von den Erfrierungen. “

24 Stunden stehen sie mit ihren Planwagen auf der zugefrorenen Frischen Haff, einer schmalen, durch einen Landstreifen abgeteilten Bucht der Ostsee. „Alle 30 Minuten mussten die Wagen bewegt werden, weil sich das Eis senkte und wir Angst hatten, dass wir untergehen.“ Geblieben von diesen 24 Stunden ist Carola Maschke „eine wahnsinnige Angst vor Wasser. Ich kann keine volle Wanne sehen“.

Es sollen weitere drei Wochen vergehen, ehe sie mit Mutter und Schwester den rettenden Harz erreicht. Die beiden Planwagen und das gesamte Gepäck ist an der Ostsee zurückgeblieben. „Wir hatten nur noch unsere Köfferchen“, sagt Carola Maschke. Die Schwester hat sich auf der Flucht eine schwere Halsentzündung eingefangen, die Mutter erkrankt wenig später an Typhus.