Man kann Euripides' "Medea" als Selbstporträt eines Künstlers lesen, der einen erbitterten, auf beiden Seiten verlustreichen Kampf mit den Konventionen führt: 1.) Wie Medea geht der Dramatiker gegen seine Wurzeln vor, wenn auch nicht ganz so rabiat: Medea verriet ihren Vater, ihre Heimat, und sie zerstückelte ihren Bruder. Euripides fuhrwerkte in den Überlieferungen und Traditionen herum, änderte nach seinem Gusto die Handlung der göttlichen Mythen und verletzte die Regeln des Tragödie. 2.) Beide begannen ein Techtelmechtel mit Zivilisation und Vernunft: Die Barbarin Medea ehelichte den Griechen Jason - der es an Schönheit mit den Göttern Ares und Apoll aufnehmen konnte. Euripides schuf dem Bürger eine Bühne, stattete die Götter und Helden charakterlich derart aus, dass sich der Athener Durchschittsdemokratieteilnehmer problemlos identifizieren konnte. Schließlich 3.) Beide zerfetzen die Früchte, die aus dem unsittlichen Bruch mit der Tradition erwachsen sind: Medea schlachtet ihre und Jasons Söhne, Euripides seine Dramaturgie. Nachdem er Medea mit dem aus der Luft gegriffenen Kindermord derart in die Ecke manövriert hatte, konnte ihm und ihr nur noch ein Deus ex Machina aus der Bredouille helfen: ein von Medeas Großvater, dem Sonnengott Helios, geborgter flugtauglicher Drachenwagen, dargestellt mit Hilfe damals modernster Bühnen-Hebetechnik im Dionysostheater. Das anspruchsvolle Athener Publikum war beim Theaterwettstreit im Jahre 431 v. Chr. von den Neuerungen nicht angetan. Euripides - ist er der Erfinder des Regietheaters? - wurde Letzter.Die Regisseurin Barbara Frey, die am Mittwoch Euripides' "Medea" im Deutschen Theater zur Premiere brachte, bekam einen zörgerlich einsetzenden, dann aber starken Applaus für ihre werktreue Inszenierung. Wobei werktreu sich nicht so sehr auf das Original als auf die uraufgeführte lakonische, leicht verständliche, umgangssprachliche Übersetzung von Hubert Ortkemper bezieht: Hierbei handelt es sich um leicht verwahrloste Nutzprosa.Medea - gespielt von Nina Hoss - haust in einer ärmlichen Küchenzelle, die in der Mitte der DT-Bühne hängt. Wasserflecken, abgenutzte Hängeschrankgriffe; in die Pfanne und die Kaffeetöpfe, die herumstehen, möchte man lieber nicht hineinsehen. Zehn Jahre sind Jason und Medea schon in Korinth. Da stellen sich gleich zwei Fragen. Wie haben die beiden es hingekriegt, diese Küche derart runterzuwohnen? Und: Wie haben es die beiden so lange miteinander ausgehalten?Nina Hoss ist als drogenabhängige Heilpraktikerin verkleidet worden: schwarzer Kittel, die Haare hängen in fettigen, teilweise grauen Strähnen um das vom entwürdigenden Alltag, aber vor allem von Hysterie und Trübsal zerknirschte Gesicht. Gleich zu Beginn wird deutlich, dass Medea nervlich und körperlich kurz vor dem Abwracken steht. Stöhnend, zitternd und sehr schwer leidend unterweist sie eine staunende Korintherin (Meike Droste), die in ihrem mintgrünen Puppenkleid aussieht wie eine Stewardess aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts, in Fragen der Männergesellschaft und Frauensolidarität. Während Jason - gespielt von Michael Neuenschwander aus München - im ordentlichen Anzug auftritt und recht positiv in den Tag sieht, schließlich heiratet er bald Glauke, die Tochter des Korintherkönigs Kreon. Er faselt zwar auch was von Verantwortung und Zukunft für die Söhne, aber so wie er seine blonden Haare hinter die Ohren streicht, glauben ihm weder Medea, noch die Regisseurin, noch das Publikum auch nur ein Wort. Der will doch nur mit der jungen hübschen reichen Prinzessin schlafen.Im weiteren Verlaufe des Geschehens (Medea stellt sich versöhnt, sie schickt Jasons Neuer ein vergiftetes Festkleid, das Glauke und ihrem Vater einen schmerzvollen Tod bringt, und schlachtet schließlich ihre Söhne mit dem Küchenmesser) dreht sich der Befund um: Am Ende kraucht Jason virtuos brüllend und leidend über die Bretter, während Medea kühl und scheinbar emotionslos ihre Worte setzt. Das größte Problem des Abends ist, dass Barbara Frey über diesen inszenatorischen Grundeinfall hinaus, den Schauspielern nicht mit handhabbaren Situationen geholfen hat. Abgesehen davon, dass das sonstige Personal nichts anderes zu tun bekommt als aufzutreten, schön deutlich Text zu sprechen, auf dem Absatz Kehrt zu machen und abzugehen, gibt es für die beiden Hauptpersonen, die sich in der engen, schlecht auszuleuchtenden Küchenkiste herumdrücken und recht zivilisiert anbrüllen, nichts zu spielen - also für den Zuschauer auch nichts zu glauben. Stattdessen - Beschäftigungstherapie zwischen heftig markierten Ausbrüchen: Mal wird der Fernseher an-, dann wieder ausgemacht, mal ein Glas Wein eingegossen, mal mit Papiergeld geraschelt. Einmal legt man sich gar für einen Beischlaf aufeinander, was nicht über die Offensichtlichkeit hinwegtäuscht, dass es zwischen diesen beiden selbstbezogenen Eheleuten einfach nie auch nur gefunkt haben kann.Medea und auf seine Art auch Euripides sind Helden der ewigen und einzigen bürgerlichen und deshalb aktuellen Tragödie des unverwirklichten Subjekts. Es geht um Menschen, die sich von ihrer kulturellen Bestimmtheit losreißen, um ihre Individualität auszuleben. Die sich - auf der Suche nach sich selbst - verlieren. Im Deutschen Theater ist ein Küchenstück über innereheliche Ungerechtigkeit zu sehen.------------------------------Krach in der KücheMedea von Euripides, deutsch von Hubert OrtkemperRegie Barbara Frey, Bühne Bettina Meyer, Kostüme Geisne VöllmMit Christine Schorn, Gabor Biedermann, Meike Droste, Nina Hoss, Christian Grashof, Michael Neuenschwander, Horst Lebinsky, Matthias BundschuhTermine 2., 3., 12., 15., 29. Dez., 19.30 Uhr im DT, T.: 28 44 12 25------------------------------Foto: Der König von Athen (Horst Lebinsky) ist ganz auf der Seite der unterdrückten Hausfrau Medea (Nina Hoss, im Kasten).