Denkt man wie Inge Lohmark, ist das sogar eine richtig optimistiche Zukunftsvision: Unsere Häuser wie alle Zeichen der Zivilisation verfallen, weil es keine Menschen mehr gibt, die sie pflegen. Dafür überwuchern Pflanzen die Erde: der robuste Wurmfarn, die genügsame Brennnessel und die lianenhafte Waldrebe, Flechten, Moose, Pilze.

Die Zukunft der Erde ist grün und menschenlos. Wobei man sagen muss, dass die Biologielehrerin Inge, die so hellsieht und die Judith Schalansky 2011 als Protagonistin ihres Anti-Bildungsromans „Der Hals der Giraffe“ erfand, sich faktisch noch auf einem eher vorbewussten Niveau bewegt − was die Klimaentwicklung betrifft. Heute würde eine misanthropische Biologin wie Inge die Zukunft eher staubtrocken und wüstengelb ausmalen.

Nutzlos in der Schrumpfregion

Mit diesem Faktenstreit sind wir aber auch schon mittendrin in der nur scheinbar wissensfundierten Weltsicht dieser seltsamen Frau, deren fanatischer Biologismus – oder was sie sich damit zusammenreimt – als Interpretationsschablone für alles dient.

Tatsächlich ist Inge Lohmark eine tieftraurige, einsame Mitfünfzigerin, die sich wie viele in ihrer schrumpfenden vorpommer’schen Kleinstadt wie ein nutzlos gewordenes Relikt vorkommt, über das die Menschheitsgeschichte seit 1989 achtlos hinwegrollt. Das Gymnasium − früher natürlich Erweiterte Oberschule − an dem sie seit Jahrzehnten Biologie und Sport unterrichtet, wird in Kürze geschlossen, weil es keine Schüler mehr gibt. Und Inge sowie die ganze enzyklopädische Fülle ihres Wissens wird weder Platz noch Bedeutung haben. Glaubt jedenfalls Inge, weshalb ihre Autorin Schalansky sie auch wie zum trotz in seitenlange evolutionsbiologische Vorträge verstrickt.

Unverbesserliche Rechthaberin

Dass sich nicht nur die Wissenschaft selbst, sondern auch die pädagogische Vermittlung über die Jahre verändern könnte − Systemwechsel hin oder her − akzeptiert sie keine Sekunde, und so darf man Inge Lohmark bei allem Verständnis für ihre Wut über den aufgestülpten Niedergang ihrer Region auch als unverbesserliche Rechthaberin bezeichnen.

Es soll sicher als als kritischer Beitrag zum bevorstehenden Mauerfalljubiläum begriffen werden, dass der junge Regisseur Philipp Arnold mit den drei hochkarätigen DT-Schauspielern Judith Hofmann, Bernd Moss und Linn Reusse diesen ironisch gemeinten, aber doch vor allem ein Bild der Erstarrung und Verbitterung zeichnenden Nachwenderoman in die Box bringt. Wirklich kritische Kraft aber entwickelt er nicht.

Zu vernarrt ins Tierlexikon ist die Weltsicht dieser Frau. Und zu oberflächlich und kostümverliebt inszeniert Arnold das tierisch verkorkste Denken. Malerisch bewegen sich seine drei Inges dabei mit weiten Renaissance-Halskrausen, einer Seekuh- und einer Fledermausmaske vor einem hölzernen Straußenverschlag: Aussterbende ihrer Art. Arnold baut ihnen eine goldene Artenschutzvitrine drumrum.

Der Hals der Giraffe 24., 27.9., 20 Uhr im Deutschen Theater (Box), Tel.: 28 44 12 21 oder: www.deutschestheater.de