Der jüngste Erpressungsversuch hat es deutlich gemacht, Produkte aus dem Hause Nestlé stehen auf fast jedem Tisch. Ob Thomysenf oder Maggisuppe, Bärenmarke oder Nesquick, Alete oder Sarotti ­ hinter all diesen Traditionsmarken verbirgt sich der Hersteller Nestlé.Daß gerade diese Allgegenwärtigkeit den weltgrößten Lebensmittelkonzern immer wieder zur Zielscheibe von Erpressungsversuchen macht, räumt Hans-Jörg Renk, Pressesprecher im Schweizer Mutterhaus, ein. Zahlen will er aber nicht nennen. Nestlé in Deutschland sei aber am häufigsten betroffen. Erklären könne er das nicht.Von zehn bis zwölf Drohungen im Jahr hatte Albrecht Koch, Sprecher von Nestlé Deutschland, berichet, als im Frühjahr dieses Jahres erstmals ein Erpresser seine Ankündigung wahrmachte und Thomy-Produkte vergiftete.Deutschland ist nach den USA und Frankreich der drittwichtigste Markt im weltumspannenden Nestlé-Imperium. Den Grundstein dafür legte im Jahr 1867 Henri Nestlé im Schweizer Veve mit der Produktion von "Kindermehl" als Ersatz für Muttermilch. Schon im Jahr 1900 wurde die erste Fabrik in den USA eröffnet. Das Unternehmen wuchs, indem es Konkurrenten mit gut eingeführten Marken aufkaufte. Zu den spektakulärsten Übernahmen gehörte die von Maggi (1947) und die des französischen Getränkeherstellers Perrier (1992). 1996 setzte Nestlé weltweit Produkte im Wert von 74 Milliarden Mark um und erzielte einen Gewinn von vier Milliarden Dollar. Der Konzern beschäftigt weit über 221 000 Menschen. Die Größe des Konzern ist auch der Grund für die weitverbreitete Ansicht, daß das Unternehmen die jetzige Affäre unbeschadet überstehen wird. "Bisher ist uns noch keine Marke kaputt gegangen", sagt Renk.Noch verkauft der Konzern 80 Prozent seiner Produkte in den Industrieländern. Derzeit ist er dabei, die Märkte in Osteuropa und Asien zu erschließen ­ mit Schwerpunkt China, wo Nestlé jedes Jahr eine Fabrik eröffnet.Steuermann mit harter Hand war 15 Jahre lang der heute 69jährige Helmut Maucher, der immer wieder für Schlagzeilen sorgte. Erst im Juni dieses Jahres gab er den Vorststandsvorsitz ab, bleibt aber Nestlé-Präsident.Groß war die Empörung insbesondere in Deutschland als der Nestlé-Chef im vergangenen Jahr ankündigte, Nestlé werde künftig verstärkt auf die Gentechnik setzten. Aufgrund des öffentlichen Aufschreis lenkte zumindest das deutsche Tochterunternehmen ein und versicherte, keine genmanipulierten Stoffe einzusetzen ­ zumindest vorläufig. Maucher erklärte jedoch, daß er über die Haltung der deutschen Tochter nicht glücklich sei. Nestlé werde nicht auf Gentechnologie verzichten, "auch in Deutschland nicht ­ darauf können sie sich verlassen", kündigte er in einem Interview an.In Vergessenheit geraten ist auch der Milchpulver-Skandal der 70er Jahre. Damals hatte Nestlé in Entwicklungsländern aggressiv für Milchpulver an Stelle von Muttermilch geworben. Die Kritiker warfen damals dem Konzern vor, daß in den Entwicklungsländern viele Kinder sterben, weil zur Zubereitung der Trockenmilch verunreinigtes Wasser benutzt wird. Zudem würden die Menschen in den Entwicklungsländern nicht über Vor- und Nachteile von Muttermilch und künstlich hergestellter Milch aufgeklärt.Ein Gericht verurteilte eine Gruppe von Entwicklungshelfern, die mit dem Titel "Nestlé tötet Babys" den Konzern attackierten, wegen übler Nachrede. Dem Konzern empfahl das Gericht, seine Verkaufsmethoden zu revidieren.Geschadet haben die großen und kleinen Skandale dem Schweizer Konzern offensichtlich nicht. Allein in Deutschland konnte Nestlé in dem für die Lebensmittelbranche schlechten Jahr 1996 seinen Umsatz weiter von 7,2 auf 7,4 Milliarden Mark steigern.