Es ist erst ein paar Monate her, da wunderte sich alle Welt: Die Deutschen demonstrierten Patriotismus, und sie taten es friedlich, durch millionenfaches Schwenken von schwarz-rot-goldenen Fahnen. Das war anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Die Jubelstimmung konnte nicht von Dauer sein. Denn wie schon Goethe wusste: "Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökelt auf einige Jahre."Eigentlich war das, was in Deutschland vor einem Dreivierteljahr geschah, ganz normal: Die Deutschen verhielten sich so patriotisch wie andere Nationen auch. Sie zeigten Flagge - ihre Flagge, die schwarz-rot-goldene Fahne der Bundesrepublik. Das hatte es in diesem Ausmaß noch nicht gegeben. Im "Dritten Reich" wäre es den Deutschen schlecht bekommen, wenn sie ihre Häuser und Wohnungen an bestimmten Tagen nicht beflaggt hätten - zum Beispiel am 20. April, Hitlers Geburtstag. In der alten Bundesrepublik war das Flaggezeigen Staatssache. Schwarz-rot-goldene Fahnen an Privathäusern - das gab es praktisch nicht.Schwarz-Rot-Gold waren schon im 19. Jahrhundert die Farben der Demokratie, ein Symbol der deutschen Freiheits- und Einheitsbewegung, des Hambacher Festes von 1832 und der Revolution von 1848. In der ersten deutschen Demokratie, der Republik von Weimar, war Schwarz-Rot-Gold zwar die Reichsflagge, aber von Anfang an umstritten. Die nationalistische Rechte hielt nach 1918 an Schwarz-Weiß-Rot, den Farben des untergegangenen Kaiserreichs, fest und verunglimpfte die Fahne der Republik. Am Ende siegte Schwarz-Weiß-Rot in Gestalt der Hakenkreuzfahne.Deutscher Patriotismus ohne Kenntnis der deutschen Geschichte: das könnte nicht gut gehen. Zu ihr gehören glanzvolle Kapitel und andere, deren sich die Deutschen nur schämen können. Eine solche Geschichte bedarf der kritischen Aneignung. Ein aufgeklärter Patriotismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sich dieser Herausforderung stellt. Wie es Gustav Heinemann, der dritte Bundespräsident 1969 in seiner Antrittsrede sagte: "Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland."Posthume Adenauersche LinkeEs ist nicht nur das Vaterland derer, die als Deutsche in Deutschland geboren sind, sondern auch aller, die auf Grund freier Willensentscheidung nach Erfüllung bestimmter Voraussetzungen Deutsche geworden sind. Eine der Voraussetzungen ist ein Bekenntnis zu den Werten, die ihren Niederschlag im Grundgesetz gefunden haben. Es sind die westlichen Werte, in deren Mittelpunkt die unveräußerlichen Menschenrechte stehen. Die politische Kultur des Westens ist im Verlauf der Jahrzehnte zur Leitkultur der Bundesrepublik geworden. Das Grundgesetz ist eine westliche Verfassung, aber nicht eine beliebige westliche Verfassung, sondern eine, in die die Erfahrungen der deutschen Geschichte und vor allem die des 20. Jahrhunderts eingegangen sind.Die Deutschen müssen wissen, woher sie kommen, wenn sie wissen wollen, wie Deutschland wurde, was es heute ist. Sie müssen ihre Geschichte aber auch deshalb kennen, weil sie sonst nicht wüssten, was sie in Europa einzubringen haben. Europa wird nicht gegen die Nationen gebaut, sondern mit ihnen und durch sie. Das hat man im Westen Deutschlands lange anders gesehen. Die "alte" Bundesrepublik galt zunehmend als "postnationale Demokratie unter Nationalstaaten" - so der Bonner Zeithistoriker und Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher schon im Jahre 1976. Manche gingen soweit, in der Bundesrepublik ein Modell für ein vereinigtes Europa zu sehen, das ebenso postnational und föderalistisch sein sollte wie die Bonner Republik.Solche Stimmen waren Ende der achtziger Jahre vor allem auf Seiten einer informellen Gruppierung zu hören, die man leicht ironisch die "posthume Adenauersche Linke" nennen könnte. Sie gab, ohne unbedingt die NATO-Mitgliedschaft der Bundesrepublik zu bejahen, im Rückblick der Westpolitik des ersten Bundeskanzlers grundsätzlich recht und der betont nationalen, die Wiedervereinigung in den Vordergrund rückenden Politik der Sozialdemokraten unter ihrem ersten Nachkriegsvorsitzenden Kurt Schumacher unrecht.Einer der Wortführer dieser Linken war Oskar Lafontaine. 1988 veröffentlichte der damalige stellvertretende Vorsitzende der SPD und Ministerpräsident des Saarlandes sein Buch "Die Gesellschaft der Zukunft". Darin forderte er die "Überwindung des Nationalstaates". Sein Hauptargument lautete, gerade weil die Deutschen "mit einem pervertierten Nationalismus schrecklichste Erfahrungen" gemacht hätten, seien sie nun "geradezu prädestiniert, die treibende Rolle in dem Prozess der supranationalen Vereinigung Europas zu übernehmen". Prädestination kraft Perversion: das war eine kühne dialektische Formel und klang wie eine Wiederholung einer Formel des Kirchenvaters Ambrosius aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Der hatte von der "felix culpa", einer seligen, weil heilsnotwendigen Schuld, gesprochen.Außerhalb Deutschlands fanden solche Parolen wenig Beifall. Schließlich konnten sich viele Nachbarn noch an Zeiten erinnern, in denen ihnen Deutschland das Recht auf nationale Identität und einen eigenen Nationalstaat bestritten und seinen Führungsanspruch mit brutaler Gewalt durchgesetzt hatte.Die Vielfalt der Nationen ist ein Merkmal des historischen Europa. Es gibt auch andere Merkmale, die Europa oder zumindest den alten Okzident - das Europa der Westkirche, das im Mittelalter sein geistliches Zentrum in Rom hatte - verbinden. Da sind nicht nur gemeinsame Kunstepochen: von der Romanik über Gotik, Renaissance und Barock bis zur Romantik. Da sind auch gemeinsame Emanzipationserfahrungen: vom Humanismus über die Reformation bis zur Aufklärung. Da ist eine weithin gemeinsame Rechtstradition, und da sind jene schon erwähnten westlichen Werte, die Europa und Nordamerika im späten 18. Jahrhundert in einer Art von transatlantischer Koproduktion entwickelt haben - die Werte, auf denen Rechtsstaat und Demokratie beruhen.Europa und der Westen haben immer wieder gegen die Werte verstoßen, zu denen sie sich bekennen. Europa hat nicht nur hohe Kulturwerte hervorgebracht, sondern auch Nationalismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus. Es hat sich über Jahrhunderte hinweg in Kriegen zerfleischt, die uns im Rückblick als Bruderkriege erscheinen. Europäische und westliche Selbstkritik müssen deshalb ein fester Bestandteil der Erinnerung an das gemeinsame Erbe sein. Aus gutem Grund stand denn auch am Beginn der westeuropäischen Einigungsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg die Absicht, Europa künftig vor selbstzerstörerischen Katastrophen wie der zuletzt erlebten zu bewahren.Aus dem "Europa der Sechs", das 1952 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl begann und sich 1957 durch die Römischen Verträge in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft verwandelte, ist die Europäische Union mit ihren heute 27 Mitgliedstaaten geworden. Die Ost-West-Spaltung des Kalten Krieges gehört der Vergangenheit an. Die EU ist kein wirtschaftlicher Zweckverband mehr, sondern ein Staatenverbund, der sich, jedenfalls auf dem Papier, zum Ziel einer immer engeren politischen Union bekennt. Er besteht aus postklassischen Nationalstaaten, die Teile ihrer nationalen Souveränität gemeinsam ausüben oder auf supranationale Einrichtungen übertragen haben. Die Geschichte der europäischen Einigung ist trotz vieler Krisen und Rückschläge eine Erfolgsgeschichte.Vertiefung statt ErweiterungAnlass zur Selbstzufriedenheit hat die EU aber nicht. Sie steckt in einer tiefen Krise, weil sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Die Erweiterung ist der Vertiefung erheblich vorausgeeilt. Der mühsam ausgehandelte Europäische Verfassungsvertrag sollte die neue, große EU handlungsfähig machen. Der Vertrag ist am Nein der Franzosen und Niederländer in zwei Volksabstimmungen vom Mai und Juni 2005 gescheitert.Vermutlich war der pathetische Begriff "Verfassung" ein Fehler. Er hat übertriebene Hoffnungen und ebenso übertriebene Befürchtungen geweckt. Jetzt kommt es darauf an, seine Substanz zu retten. Dazu gehört die Erweiterung von Mehrheitsentscheidungen, eine gerechtere Stimmenverteilung im Europäischen Rat und mehr Rechte für das Europäische Parlament. Auf den Begriff "Verfassung" sollte man verzichten. Bescheidenere Begriffe wie "Grundlagenvertrag" oder "Grundvertrag" tun es auch.Das Projekt Europa hat in den letzten Jahren viel von seiner Anziehungskraft verloren. Das liegt vor allem daran, dass wichtige Entscheidungen hinter verschlossenen Türen zu fallen pflegen, ohne dass in den nationalen Parlamenten oder in der Öffentlichkeit der Mitgliedstaaten darüber diskutiert worden ist. Das muss sich ändern. Eine stärkere Einbindung der nationalen Parlamente in die Europapolitik ist überfällig. Je offener in den Mitgliedstaaten über Europa debattiert wird, desto größer die Chance, dass das Gefühl der Entfremdung zwischen Europa und den Bürgerinnen und Bürgern überwunden wird.Europa muss an einem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und wechselseitigen Solidarität arbeiten. Die Europäer verbindet so vieles, dass es eine solide Grundlage für ein europäisches Wir-Gefühl gibt. Ein deutsches Wir-Gefühl und ein europäisches Wir-Gefühl widersprechen sich nicht. Die dritte Strophe des Deutschlandlieds und die Europahymne, Schillers Ode an die Freude, vertragen sich sehr gut, Schwarz-Rot-Gold und die blaue Europafahne mit den zwölf goldenen Sternen ebenfalls. Wenn es den Deutschen gelingt, die Liebe zum eigenen Land mit der Liebe zu Europa zu verbinden, haben sie aus ihrer Geschichte eine richtige und eine notwendige Lehre gezogen.Heinrich August Winkler, geb. 1938 in Königsberg, gehört zu den bekanntesten deutschen Historikern. Zuletzt erschien von ihm: "Der lange Weg nach Westen" über die Entwicklung Deutschlands zum Nationalstaat und zur Demokratie.www.berliner-zeitung.de/ europa50------------------------------Foto: Blick aus einem fahrenden Schiff. "Europa wird nicht gegen die Nationen gebaut, sondern mit ihnen und durch sie. Das hat man im Westen Deutschlands lange anders gesehen." (H. A. Winkler)