Eigentlich wollte Johanna Kahatjipara am 21. Mai in Berlin sein. Sie und die anderen Mitglieder der namibischen Delegation wollten in einer feierlichen Zeremonie die Schädel in der Charité in Empfang nehmen, um sie nach Namibia zurückzubringen, wo sie nach gut 100 Jahren endlich ihre letzte Ruhestätte finden sollten. So war es zwischen der namibischen und der deutschen Regierung abgesprochen. Eigentlich.Das Foto ist unscharf und stark retuschiert: Drei Männer in Uniform. Einer raucht Pfeife. Einer schaut zu. Ein dritter beugt sich zu einer Kiste herab, in die er etwas Rundes hineinlegt. Die Atmosphäre hat etwas Beschaulich-Gemütliches. Und dann schaut man genauer hin und sieht, was der Mann da verpackt. Im Hintergrund liegen, säuberlich auf dem Boden aufgeschichtet - Menschenschädel. Dazu die Bildunterschrift: "Eine Kiste mit Hereroschädeln wurde kürzlich von den Truppen in Deutsch-Süd-West Afrika verpackt und an das Pathologische Institut zu Berlin gesandt, wo sie zu wissenschaftlichen Messungen verwandt werden sollen. Die Schädel, die von Hererofrauen mittels Glasscherben vom Fleisch befreit und versandfähig gemacht wurden, stammen von gehängten und gefallenen Hereros.""Stell dir vor, du musst die Haut von einem Kopf entfernen, den du erkennst als den Kopf deines Bruders, deiner Schwester, deines Mannes, deiner Mutter, deiner Tochter oder deines Sohnes. Stell dir den Horror vor, damit später leben zu müssen. Stell dir vor, dass du mit dieser Erinnerung sterben musst. Stell dir vor, dass ich als ein Nachkomme des Herero-Volkes mit diesem Wissen lebe." Johanna Kahatjipara, 58 Jahre alt, lebt heute in Windhuk, der Hauptstadt Namibias. Geboren und aufgewachsen ist sie in der namibischen Kleinstadt Karibib. Als sie zum ersten Mal von dieser Geschichte hört, will sie sie zunächst nicht glauben. Sie ist schockiert und fühlt sich zutiefst verletzt. Dass sie ein Mitglied der namibischen Delegation geworden ist, hängt mit der Geschichte ihrer eigenen Familie zusammen. "Als ich jung war", mailt sie aus Windhuk, "hat mir meine Tante Metha Kavetjurura erzählt, dass einer meiner Onkel, Hakiria Kavetjurura, zu den Menschen gehörte, deren Schädel nach Deutschland gebracht wurden."1906, als das Foto zum ersten Mal veröffentlicht wird - und zwar als Postkarte, offensichtlich findet man in Deutschland nichts Schlimmes dabei - ist Namibia noch eine deutsche Kolonie: Deutsch-Südwestafrika. Und es herrscht Krieg. Die ursprünglichen Bewohner dieses Landstrichs, die Herero und Nama, haben sich gegen ihre Kolonialherren erhoben, nachdem sie durch weiße Händler und Siedler immer mehr aus ihrem Lebensraum verdrängt worden sind. Die Reaktion der Deutschen ist seither oft zitiert worden: "Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld." So drückt es der Generalleutnant von Trotha aus. Und die Ankündigung, die sich zur Wehr setzenden Afrikaner zu "vernichten", ist keineswegs nur symbolisch gemeint.In Deutsch-Südwestafrika sollen sich in großem Stil Deutsche als Farmer niederlassen. Dass auf dem dafür vorgesehenen Land bereits Menschen leben, kümmert die Kolonialherren nicht. Als sie merken, dass die Afrikaner ihr angestammtes Land nicht kampflos aufgeben werden, entsteht ein Streit unter den Siedlern, wie nun vorzugehen sei. Offen debattiert man, ob man die afrikanische Bevölkerung lediglich unterwerfen solle, um sie später "als notwendiges Arbeitsmaterial für die zukünftige Verwendung des Landes" einsetzen zu können. Oder ob es sinnvoller sei, sie gänzlich auszurotten. Da man einer "überlegenen Rasse" angehöre, vollziehe man praktisch ein Naturgesetz, wenn man die "unterlegenen Rassen" vernichte und sich deren Reichtümer aneigne.Allerdings liegt gerade in Namibia die behauptete Überlegenheit der Weißen keineswegs auf der Hand: gegen Ende dieses blutigen Krieges sind mehr als zehntausend mit modernster Waffentechnik ausgerüstete deutsche Soldaten nötig, um einige Hundert schlecht bewaffnete afrikanische Guerilla-Kämpfer in Schach zu halten. Umso wichtiger werden die "wissenschaftlichen Untersuchungen" in den deutschen Forschungsinstituten, die mithilfe von Schädelmessungen die Überlegenheit des weißen Mannes über den Rest der Welt nachweisen sollen.Um den Rückhalt der Kämpfer bei der Zivilbevölkerung zu brechen, errichten die Deutschen Gefangenenlager, die sie - schon damals - Konzentrationslager nennen. "Meine Tante Metha lebte als Kind im Konzentrationslager von Karibib mit ihrer Mutter, meiner Großmutter", schreibt Johanna Kahatjipara. "Das erste Mal habe ich davon erfahren, weil ich als Kind immer die Gespräche meiner Großmutter und ihrer Freundinnen belauscht habe. Sie redeten im Flüsterton über diese Dinge und sie scheuchten dann uns Kinder aus dem Haus, weil sie nicht wollten, dass wir das hören. Tante Metha jedoch sprach offen darüber."In diesen Lagern erprobt man zum ersten Mal das Prinzip der Vernichtung durch Arbeit. Kinder, Frauen und Männer leben dort unter katastrophalen Bedingungen. Nahezu jeder zweite Gefangene stirbt an Krankheiten, Mangelernährung, Überanstrengung. Historiker gehen davon aus, dass von den ehemals etwa achtzigtausend Herero lediglich zwanzig Prozent und von den etwa zwanzigtausend Nama ungefähr die Hälfte Krieg und Gefangenschaft überlebten. Zu Recht spricht man daher von einem Völkermord, auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gab. Zudem wird der gesamte Besitz der Herero und Nama, ihr Vieh und ihr Land, enteignet und zum Staatseigentum erklärt. Dieses Land wird dann an Siedler weiterverkauft. Bis heute sind die Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer dafür nicht entschädigt worden.Ein besonders übles Konzentrationslager ist das von Swakopmund. "Vom frühen Morgen bis zum späten Abend mussten die Gefangenen am Werktag sowohl, als auch an Sonn- und Feiertagen unter den Knütteln roher Aufseher arbeiten, bis sie zusammenbrachen", berichtet der Missionar Heinrich Vedder über dieses Lager. "Dabei war die Ernährung mehr als dürftig: Reis ohne jegliche Zutaten war nicht genügend, den durch das Feldleben geschwächten und an die heiße Sonne des Innern gewöhnten Körper die Kälte und ruhelose Anspannung aller Kräfte ertragen zu lassen. Wie Vieh wurden Hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh begraben."Ein weiteres berüchtigtes KZ befindet sich auf der Haifischinsel in der Lüderitzbucht. "Kinder, manche von ihnen nicht mehr als fünf Jahre alt", zitiert im September 1905 die südafrikanischen Zeitung Cape Argus einen Augenzeugen, "müssen mitarbeiten. Die Lasten, die sie tragen müssen, stehen in keinem Verhältnis zu ihren Körperkräften. Ich habe oft Frauen und Kinder zusammenbrechen sehen. Nachdem sie gefallen waren, wurden sie von dem aufsichthabenden Soldaten mit aller Kraft ausgepeitscht, bis sie aufstanden." Der prominenteste Häftling auf der Haifischinsel ist Cornelius Frederiks. Er ist der Anführer einer besonders tapferen und hartnäckigen Einheit von Nama-Kämpfern, die aus der Gegend um die Missionsstation Bethanien stammen. Bis 1906 hält er mit seinen Guerillakämpfern die deutschen Kolonialtruppen in Atem, dann wird er gefangen gesetzt und auf die Haifischinsel verbracht. Ein Jahr später ist er tot - gestorben an Entkräftung. Noch heute wird Cornelius Frederiks in Namibia als Freiheitskämpfer gefeiert - und noch heute hält sich dort hartnäckig das Gerücht, auch sein Schädel sei damals nach Deutschland gebracht worden.In vielen deutschen Forschungsinstituten lagern derzeit Schädel von Nama- und Hererokriegern, insgesamt 47 allein in der Berliner Charité. Schon lange hat die namibische Regierung die Rückgabe dieser sterblichen Überreste gefordert. Nun schien es endlich soweit zu sein. Doch der Termin verschiebt sich von Woche zu Woche. Inzwischen berichtet die namibische Presse, das deutsche Außenministerium habe im Vorfeld versucht, Druck auf die namibische Delegation auszuüben, nicht über die "Kriegsgräuel" von damals zu reden - und das heißt wohl im Klartext: keine Entschädigungsansprüche zu stellen. In Namibia ist die Empörung groß: "Wer sind die Deutschen, dass sie uns vorschreiben wollen, was wir sagen sollen?" titelte die Zeitung NamSun.Die namibische Regierung hingegen mahnt, "die Frage der Rückkehr der Schädel von der größeren Frage der Entschädigung zu trennen". Sie will gerade jetzt keinen Ärger mit Deutschland. Am 23. Mai finden Verhandlungen statt über geplante Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Und da geht es um viel Geld (natürlich nur einen Bruchteil der Summe, die Deutschland zahlen müsste, wenn es die Nachkommen der damals enteigneten Nama und Herero wirklich entschädigen würde). "Ich habe keine Ahnung," schreibt Johanna Kahatjipara, "was geschehen wird, und ob ich kommen werde. Was wir im Augenblick tun, ist warten."------------------------------Foto: Völlig gelassen stapeln deutsche Kolonialsoldaten im Jahr 1906 Schädel von Hereros in eine Kiste, um sie nach Deutschland zu schicken.