In Deutschland reizt der Essay zur Abwehr, weil er zur Freiheit des Geistes mahnt. Das war die Überzeugung Theodor W. Adornos, die Gert Scobel auf der Verleihung des Hochschul-Essay-Preises des Magazins Cicero zitiert. Er versichert jedoch: Dieser Essay-Wettbewerb würdige die Kritik. Keine Vorgaben, keine Denkverbote. Irritiert schaut man nochmal ins Programm. Das Motto des Wettbewerbs lautet: "Unterwegs nach Deutschland. Rede an ein Land, in dem ich leben will". Alles ganz offen, versteht sich. Außer dem Ergebnis. Das soll schon positiv sein. Adorno hätte hier keinen Beitrag einreichen können - er wollte bekanntlich für ziemlich lange Zeit nicht in diesem Land leben.Über 250 Studierende wollten das hingegen und schrieben ihre Rede an Deutschland. Drei von ihnen sitzen am Mittwoch Abend im Meistersaal, um ihre Preise in Empfang zu nehmen. Was bei Cicero darunter verstanden wird, sich kritische Gedanken zur deutschen Nation zu machen, wird spätestens klar, als Chefredakteur Wolfram Weimer in seiner Festrede die deutsche "Heldenkultur" betrauert, die es nicht mehr gäbe. Bundesbildungsministerin Annette Schavan nutzt ihre Chance als Schirmdame, um selbst eine Rede an Deutschland zu halten: "Mir kommt ein Land in den Sinn, in dem Elite und Exzellenz Anerkennung finden", sinniert sie - ganz im Sinne Martin Luther Kings - über ihren Traum. Auch dass sich die Sponsoren aus der Wirtschaft durch ihre Teilnahme einen sozial-kritischen Anstrich geben und "innovative Ideen" für den Markt von morgen abgreifen wollen, leuchtet ein. Doch was treibt die Studenten an? Im besten Fall das Preisgeld; 3 000 Euro für den ersten, 1 500 für den zweiten, 500 für den dritten Platz. Im schlechtesten Fall das ehrliche Anliegen, nach einer - ganz kritischen - Auseinandersetzung das Land ins Herz schließen zu können."Liebes Deutschland", schreibt die Gewinnerin Noemi Schneider in ihrem Essay. "Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, war ich dir gegenüber vollkommen unvoreingenommen. Es war mein erster Sommer, Du dagegen hattest schon 1982 Jahre auf dem Buckel." 1982 Jahre! Damit wagt sich die Studentin weiter vor als manch ein Deutschtümler, der in seiner Bescheidenheit das Land auf das Jahr 962 datiert, der Geburtsstunde des Alten Reichs und Vorläufer des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen. In Schneiders Vorstellung hat sich Deutschland wahrscheinlich bei der Geburt Jesus Christus gedacht: Wenn der jetzt schon geboren ist, dann will ich auch! Es ist aber auch nicht einfach, dem Staat ein menschliches Antlitz zu verleihen, da kann man schon mal ins Schleudern kommen. Und vor lauter Geburtsmetaphorik übersehen, dass dieser Staat erst jugendliche 137 Jahre alt ist.Dabei ist es nicht so, dass Schneider versäumt hätte, im Sinne des Mottos ganz kritisch gegenüber diesem Land zu sein. So erwähnt sie brav den Nationalsozialismus, Ausländerfeindlichkeit sowie Abschiebungen und nimmt damit ganz nebenbei potenziellen Kritikern der Veranstaltung den Wind aus den Segeln. Doch leider ist ihr Niedlich-Nationalismus nicht weniger dumm und vor allem nicht weniger gefährlich als ein martialischer. So fragt Schneider Deutschland: "Erinnerst du dich an Rostock Lichtenhagen? Du hast gebrannt". In ihrer Vorstellung war es das Land, das brannte, nicht Menschen. Armes Deutschland. Es könnten einem die Tränen kommen.Die "Subjektivierung Deutschlands" in Schneiders Beitrag lobte dann auch die Jury in ihrer Urteilsbegründung. Die Studentin sagt im anschließenden Interview, sie habe sich Deutschland als einen Mann vorgestellt. Und ja, es sei eine ganz angenehme Vorstellung gewesen. Wie ein Freund, mit dem man viel durchgestanden habe. Allerdings hat sich Noemi Schneider neu verliebt: in Europa.Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson sagt in seinem Buch "Die Erfindung der Nation", dass die Geschichte und die Wesensmerkmale von Nationen immer wieder neu erzählt und imaginiert werden. Das Problem der an diesem Abend vorgetragenen Vorstellung ist, dass mit ihr eine Versöhnung einhergeht, die auch kritische Anmerkungen verträgt, ja sogar einfordert. Nicht aber im Namen der Freiheit des Geistes, sondern im Namen der Liebe. Vielleicht hat Adorno immer noch Recht.

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