Wenn das Haus der Kulturen der Welt an diesem Sonnabend tatsächlich eine schwangere Auster gewesen wäre, hätte sich diese über lauter umweltbewussten Nachwuchs in ihrem Bauch gefreut: tazkongress war angesagt.Schon am Eingang schnippeln Bio-Aktivisten vor einem Wohnmobil Gemüse. Graffitikünstler kapern das Gebäude und "sprühen" per Laser überdimensionale virtuelle Tags auf die Fassade. Drinnen buhlen Stände von Atomkraftgegnern und Waldfreunden um die Aufmerksamkeit der Besucher; junge Eltern begutachten Fahrräder, während ihre Kleinen durch die Hüpfburg des Pictopia-Festivals toben. Nebenan lästert taz-Chefin Bascha Mika auf dem Podium mit Klaus Wowereit über Pro Reli und die Bild-Zeitung.Es ist ein rauschendes 30. Geburtstagsfest: keine Spur von Midlife-Crisis. Stattdessen liegt Flirtlaune in der Luft. "Waren Sie nicht auch im Vortrag zu Patientenverfügungen?", fragt eine Ärztin einen Wartenden in der tazpresso-Schlange. "Sie haben mich eben so angelächelt?" War er nicht, diskutiert aber gerne mit. Als sie dran sind, findet die Kaffeeverkäuferin ihren Wechselgeldbeutel nicht. "Alles wird gut!" Die Ärztin streichelt ihr beruhigend über den Rücken."Tu was! Utopie & Freiheit" heißt das Kongressmotto der alternativen Tageszeitung; und was zwischenmenschliche Harmonie betrifft, hat die Aufforderung bereits funktioniert. Wie sie sich politisch umsetzen lässt, erklärt im Auditorium Andy Bichlbaum vom New Yorker Aktionsduo The Yes Men. Ein Video zeigt, wie der Globalisierungskritiker bei einer Energiekonferenz Kerzen mit Leichengeruch verteilt. Sie seien angeblich "aus einem unserer Mitarbeiter hergestellt" worden. "Das ist Leben als Brennstoff!"Über die Leinwand flimmern Twitternachrichten von Kongressteilnehmern. Hier haben alle zu allem Senf in der Tube: "Mein taz-Abo ist schon wieder nicht angekommen", beschwert sich jemand. Bichlbaums Vortrag dient als Vorspann für die "Gala der Politischen Aktionen". In jeweils fünf Minuten stellen Aktivistengruppen ihre Projekte vor. Überschreiten sie die Demonstrationszeit, werden sie "wie im echten Leben in Polizeigewahrsam genommen", erklärt der Moderator. Buchautor Klaus Werner-Lobo verteilt aus einer grünen Tüte noch schnell Luftschlangen an die Zuschauer - "zum Bejubeln des alternativen Engagements!" "Vor allem mit Galeria Kaufhof!", brüllt eine Frau zurück.Und wer da nicht alles begeistert mit Papier beworfen wird. Die Bergpartei möchte den Stadtraum mit selbst gemalten Wahlplakaten auffrischen und fordert die "Zeitrückerstattung" ihrer Arbeitsstunden. Juror Daniel Cohn-Bendit macht den Bohlen: "Also ich fand das überhaupt nicht geil. Viel zu abgelesen", kommentiert er. Sein Favorit ist die Naturfreunde-Jugend, deren Maskottchen "Pink Rabbit" Filmpremieren und die Bundeswehr aufmischt. Auf dem Kongress nutzt der Hase die Gelegenheit, um der taz-Redaktion das "Ehrenkreuz in Plüsch" zu verleihen: "Mit dir und den Grünen konnte man sich total links fühlen und trotzdem Krieg führen!", lautet die Begründung. "Lasst uns die Nationen abschaffen!" Damit ist die Gruppe "Front der deutschen Äpfel" freilich gar nicht einverstanden. Während ihr "Führer" den Rechtsextremisten Horst Mahler parodiert, hält sein kleinwüchsiger Personenschützer ihm die Zeitüberschreitungspolizei vom Leib. Auf ihren roten Armbinden prangt ein Apfel."Eine andere Welt ist pflanzbar", meinen auch die Gartenpiraten und verteilen Biomaissaat. "Mit unseren Samenbomben könnt Ihr Mercedes-Benz-Logos aus Buchsbäumen in Friedenszeichen verwandeln!" Und wie es sich für eine linke Veranstaltung gehört, bekommen auch zwei unangemeldete Vertreter einer Bildungsdemo ihren Auftritt.Plötzlich hält das halbe Publikum orangefarbene Zettel hoch, zerreißt sie langsam und zerstreut die Fetzen über die Sitznachbarn. Das Aktionsbündnis "Bahn für alle" hat spontan einen Flash Mob organisiert. Wie soll man bei dieser Vielfalt noch sagen, wer die beste Idee hatte? Es siegt: die Basisdemokratie. Dem Applaus zufolge haben alle gewonnen, auch wenn der Preis, ein Karton voller schwarzer Kapuzenpullis, nur für wenige reicht.Am Ausgang stehen die Kandidaten, um Unterschriften für ihre Aktionen zu sammeln. Teilnahmslos drängt das Publikum an ihnen vorbei. Im Café wartet schon Ökosex-Kolumnist Martin Unfried mit "Ökotainment zur Gitarre".