Das hat den Chef der Roulettekugeln richtig gefreut. Da hatte doch ein Boulevardblatt Ludwig Verschls Reich als "out" geoutet weil jeansumhüllten Zeitgenossen der Eintritt in die heiligen Hallen verwehrt wird. Doch die schmähliche Attacke verpuffte. Auf dem roten Samtstuhl reckt sich der Direktor in seinem edlen Tuch und lächelt: "Nach diesem Artikel ging eine Welle von Briefen bei uns ein, und alle forderten uns auf, ja standhaft zu bleiben. Wo sonst wird noch auf Äußeres Wert gelegt?" Im Baden-Badener Casino als einer der letzten Bastionen der Etikette gilt nach wie vor: Noblesse oblige. Mit Jeans hat niemand eine Chance, ohne Jackett und Krawatte auch nicht. Der Nimbus der Belle Epoque verpflichtet auch wenn in den Prunksälen so manche Jacke aus dem Schlußverkauf zu sichten ist und nur noch wenige der Glücksritter und Glücksritterinnen in feinem Zwirn oder in fächerbewehrter Abendgarderobe um die Tische streifen. Man hat schließlich einen Ruf zu verteidigen. Erwiesen ist, daß die Bäderstadt das älteste Casino beherbergt: Im heutigen Kurhaus wurde 1824 der erste Roulettetisch in Deutschland aufgebaut und dieses Jahr steht sogar das 250jährige Jubiläum Baden-Badens als Spielstadt an. 1748 nämlich erlaubte der Markgraf den Badwirten erstmals Glücksspiele wie die Kartenspiele "Pharao" oder "trente et quarante". Die 50 000-Einwohner-Stadt mit den vielen Millionären gilt überdies als Sitz des feinsten und renommiertesten deutschen Etablissements. Verschl formuliert es so: "Wir sind ein besonderes Casino." Von wegen nur verblichener historischer Glanz jener Zeiten, als russische Fürsten, englische Lords, gekrönte Häupter, Pariser Bohemiens, Dichter und Denker, Reiche und Schöne, auch ein bißchen Demimonde den Sprengel am Fuße des Schwarzwalds um Badekur und Amüsement herum zu Europas Sommerhauptstadt gemacht hatten: Auch die aktuellen Superlative haben es in sich.Ein solch breitgefächertes Angebot an Glücksspielen ist sonst nirgends zu finden: mehrere Roulette-Varianten, dazu die Kartenspiele Baccara, Black Jack und Poker, ganz zu schweigen von der 1981 im benachbarten Alten Bahnhof installierten Garnitur an Automatenspielen. Der Wert der Jetons beim Roulette schwankt zwischen fünf und, jawohl, 50000 Mark "das haben nur wir", betont der Hausherr.Keine andere Spielbank dient als Parkett für Staatsempfänge; Boris Jelzin war da, Vaclav Havel (der Tscheche hat sogar gespielt), der jordanische König Hussein und manch andere bestaunten schon den Barocksaal, die Jugendstilräume, die Pompadoursuite. "Die Teppiche sind von bester Qualität, keiner unter 50 000 Mark", erzählt der Direktor, "und dann haben wir 3 000 Quadratmeter Fläche, viel mehr als Stuttgart."Stuttgart. Das ist in Baden-Baden ein Reizwort, selbstverständlich höflich-distanziert umschrieben. Wenn im ältesten, schönsten, feinsten, renommiertesten Casino mit den widrigen Zeitläuften gehadert wird, dann konzentriert sich viel Mißmut auf Stuttgart. Bei der Suche nach Finanzquellen war die bis 1996 in Stuttgart amtierende Große Koalition auf die Idee verfallen, dort zuzulangen, wo das Geld vermeintlich locker sitzt, nämlich bei den Spielbanken: Die müssen schließlich 90 Prozent ihrer Einnahmen an den Fiskus abführen. So machte denn auf Geheiß der Landesregierung ein neues staatliches Casino in Stuttgart seine Pforten auf. Und es wird immer schlimmer. Auf den Gedanken, Casinos zu melken, sind noch andere Finanzminister gekommen rund 60 Spielbanken wird es in naher Zukunft in Deutschland geben.Hinzu kommt das, was in der Geschäftsbilanz als "die seit geraumer Zeit herrschenden schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen" definiert wird. Ludwig Verschl hört öfters mal den Satz: "Wissen Sie, wir sind gern bei Ihnen, aber es geht leider nicht mehr so oft."Jahrzehntelang florierte die Glückszentrale prächtig. Geld in Baden-Baden, das war eine Art Kulturgut von elitärem Charakter, nicht in der Enge des Lohnzettels erarbeitet, sondern in der recht erträglichen Leichtigkeit des Seins erspielt. Und nun die Rückschläge. Vergangenes Jahr belief sich das Betriebsergebnis auf 60 Millionen Mark, 1996 waren es noch 75 Millionen, 1995 waren gar 82 Millionen in der Kasse hängengeblieben. Die Bilanz sähe noch schlechter aus, hätte nicht das "Kleine Spiel" im Alten Bahnhof (in das man ohne Schlips und in Turnschuhen darf) seine Position gehalten: Die Geldautomaten füttern die Schatulle des Casinos nach wie vor mit jährlich über 22 Millionen Mark.Eine eigentümliche Melange präsentiert sich im monumentalen Kurhaus an der Oos. Ohne das Flair der großen alten Zeit, ohne den Kult um Glanz und Gloria, um Stil und Etikette wäre dieses Casino nicht dieses Casino. Doch der Tempel des l art-pour-l art-Geldes sieht sich der stinknormalen kapitalistischen Konkurrenz ausgesetzt. Der Überlebenskampf zwingt zur Suche nach neuen Konzepten, die zum herübergeretteten mondänen Glamour nicht unbedingt zu passen scheinen. Im April und im Mai wird Romy Haag mit einer Varieté-Show das Kurhaus "vor Erotik knistern lassen". Das Casino auf dem Weg in die kommerzielle Freizeitindustrie?Zu den eher unschönen Verwerfungen gehört die Tatsache, daß die Spielbank zu ihren besten Zeiten 400 Leute beschäftigte, heute aber nur noch 280. Wenig erbaulich ist das, was den verbliebenen 120 Croupiers passiert. Das hat mit dem Tronc zu tun, dem Trinkgeldtopf, der sich allabendlich in Gestalt von Jetons ansammelt. Der Tronc hat jahrzehntelang eine ansehnliche Entlohnung der Croupiers finanziert. Nun aber reicht das Trinkgeld nicht einmal mehr für die garantierten Mindestgehälter aus, das Casino muß zuschießen.Davon bekommen die Spieler nichts mit, sie träumen vom dicken Reibach vielleicht wiederholt sich ja jener legendäre Fischzug eines Chilenen, der einmal drei Millionen Mark abschleppte, den bislang größten Gewinn.Da ist jener Mann mittleren Alters, der nervös mit Zigarette zwischen den Roulette-Tischen herumläuft, Jeton um Jeton auf den grünen Filz setzt, und einen Hundertmarkschein nach dem anderen aus seiner karierten Allerweltsjacke zieht. Ein langhaariger Discotyp küßt jedesmal den Jeton, bevor er ihn in ein Zahlenfeld wirft.Manche Damen reiferen Alters mit ringbestückten Fingern harren stundenlang auf dem gleichen Platz aus. Wer weiß, vielleicht finden sie ja die Croupiers interessanter als das Jetongewusel mit dem gedämpften "Rien ne va plus". Einige Herren ziehen mit Notizblöcken umher, notieren sich die Glücksnummern der Roulettekugeln und rechnen und rechnen: Der Zufall als mathematische Größe, ob s hilft? Am Baccara-Tisch meint Ludwig Verschl: "Die sitzen morgen früh um sechs noch da, das weiß ich jetzt schon." Beim Rundgang durch die prunkvolle Pracht seines Reichs zeigt der Herr Direktor Format: Ein Handkuß, "Bon soir, Madame, wie geht s?", auf einem der roten Samtsessel lächelt Madame, wie charmant, welche Ehre.Das Spiel mit der Eitelkeit ist immer noch a jour. Ein VIP-Club mit eigener Lounge im Casino zählt 200 "internationale Mitglieder", erläutert der Direktor, "und die werden von uns auserwählt, da kann man sich nicht einkaufen, auch wenn das viele gerne täten." Die Auserlesenen, die mit erhöhten Mindesteinsätzen spielen müssen, werden in Baden-Baden mit Limousinen des Hauses gefahren, haben auch ein eigenes kleines Restaurant in ihrer Suite abseits des Massenbetriebs.Die Kunst des begrenzten Geldverlusts wird nirgends gelehrt. Pech hatte der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der sich 1867 in Baden-Baden um Kopf und Kragen spielte, selbst der Ehering der frisch angetrauten Frau ging drauf. Tief ins Gedächtnis hat sich ein Februartag 1988 eingegraben. Damals stürmte ein Karlsruher die Spielbank mit einem Geländewagen: Der 43jährige donnerte die Stufen hoch, durchbrach die Eingangstür und demolierte bei einer Amokfahrt die Inneneinrichtung, Sachschaden mehrere hunderttausend Mark. Motiv: Rache. Der Wüterich und sein Vater hatten in Baden-Baden mehrere Millionen Mark versetzt. Ludwig Verschl: "Heute kommt nur noch ein Panzer rein."In solch gewaltige Kalamitäten kann die Mehrzahl der Glücksuchenden nicht geraten, ganz einfach mangels Geld. Dem breiten Publikum will und muß sich das Casino indes öffnen. Und plötzlich sind Dinge wie "Fun" und "Event" im Spiel, in der guten alten Zeit undenkbar. Eine Romy-Haag-Show, das ist eine kleine Revolution. Ausstellungen mit Malern aus Rußland, Italien, Frankreich, der Schweiz sollen Freunde der schönen Künste ansprechen. Die Spielbank präsentiert sich inzwischen sogar auf Touristik-Messen. Doch trotz PR-Aktion: Baden-Baden möchte schon ein "besonderes Casino" bleiben. Gerngesehene Gäste sind reiche arabische Scheichs. "Und wie vielen russischen Ministern ich schon die Hand geschüttelt habe! Die haben ja auch so viele", läßt Ludwig Verschl nebenbei einfließen. Überhaupt: Die Russen kommen wieder, meist Nachfahren aus alten Adelsfamilien. Verzockt in Baden-Baden auch die Russen-Mafia ihren unkoscheren Reichtum? Der Direktor lächelt. "Das ist mir nicht bekannt, aber kann man alles wissen?"