Unter den Avantgardisten der neuesten Musik ist Hans Peter Geerdes aus dem ostfriesischen Leer einer der konsequentesten und radikalsten. In seinem Schaffen verschreibt er sich den drängenden Fragen der post-elektronischen Ära: Was kommt nach dem Minimalismus? Wie bringt man die Subjektivität zurück in die repetitiven Strukturen spätmoderner Kompositionskunst? Geerdes' abstrakte Miniaturen werfen ebenso viele Fragen auf, wie sie beantworten, und ziehen dabei in großer Eleganz den Zirkel der Selbstreflexion; nicht umsonst heißt ein Schlüsselwerk aus dem vergangenen Jahr "The Question Is What Is The Question". Schon in einer seiner ersten Kompositionen entwarf er 1995 eine Metatheorie des Modernismus - wie man bereits an dem Titel "Hyper Hyper" sah.Beide Werke gelangten zur Freude des zahlreich versammelten Publikums zu Gehör, als Geerdes am Sonntagabend mit seiner Gruppe Scooter in der Columbiahalle gastierte. Bei dem Konzert wurde der Sänger und Komponist, der unter dem Kunstnamen HP Baxxter aufzutreten pflegt, von drei zuverlässig funktionierenden Flammenwerfern begleitet sowie von den Keyboardern Rick J. Jordan und Michael Simon, der den kürzlich aus der Band geschiedenen Jay Frog ersetzt; außerdem boten zwei Tänzerinnen und vier Tänzer in wechselnden Garderoben eine Mischung aus Stepptanz und jenen Bewegungen dar, die man auf einem Laufband in einem Fitness-Studio vollführt. Im Kontrast zu Geerdes' ironisch übertriebener Männlichkeits-Körperrhetorik auf der Bühne wirkten die Tänzer interessanterweise, als ob sie noch nie Sex gehabt hätten; einer von ihnen trug sogar eine Brille.Zwei Stunden lang spielten sich Scooter durch ihr reichhaltiges Repertoire. In ständiger Zwiesprache mit seinem Publikum entfaltete Geerdes dabei Dialoge, die wirkten, als herrsche zwischen ihm und den Hörern eine geheime Geistesverwandtschaft: "Also wir machen jetzt was, was wir neulich in England schon mal ausprobiert haben, da hat das ganz gut geklappt. Ich sach: Oddi-woddi-oddi-di-woddi. Ihr sacht: Oi-oi-oi. Wir probieren das jetzt mal." Geerdes: "Oddi-woddi-oddi-di-woddi." Publikum: "Oi-oi-oi." Neben unvergänglichen Hits wie "Always Hardcore" oder "I Shot The DJ" mit seinen antikengeschichtlichen Referenzen ("I'm coming at ya / like Kleopatra") und dem - vom durchweg fachkundigen Publikum schon vor Beginn des Konzerts und auch zwischendurch immer wieder in "Bob di bob di di bob bob bob"-Chören eingeforderten - "Maria! I Like it Loud" verblüffte Geerdes mit einer gefühlvoll geraunzten Cover-Version des Sisters-of-Mercy-Stückes "Marian" (zu hören auch auf der aktuellen Scooter-LP "Jumping All Over The World") und einem kompetenten Zitat des Boogie-Woogie-Stücks "Whatever You Want" von der bei jungen Leuten leider kaum noch bekannten Boogie-Woogie-Band Status Quo. Ähnlich wie Scooter gründeten auch diese einst ihre Karriere auf einem einzigen Akkord; zudem faszinierten sie dadurch, dass ihr Sänger singen und zugleich einen Kaugummi kauen konnte.Dass sich Minimalismus und Multitasking, Geradlinigkeit und Komplexität nicht ausschließen müssen: das ist auch für Scooter stets die zentrale ästhetische Botschaft gewesen. Für diese essenzielle, aber schwer einzulösende Dialektik gibt es heute keine besseren Sachwalter mehr als Hans Peter Geerdes und seine fabelhafte Band.------------------------------Foto: Hans Peter Geerdes von der Gruppe Scooter am Sonntagabend in Berlin