Sieben Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele haben sich die deutschen Leichtathleten beim 17. Europacup-Finale in Madrid mannschaftlich als eine Macht erwiesen. Die überlegenen Doppelsiege des Männer- und Frauenteams sagen jedoch wenig aus über die individuelle Leistungskraft und eröffnen damit keine besonderen Aussichten auf eine goldene Ernte in Atlanta.Die Frauen lagen am Ende eines von nur 6 000 Zuschauern verfolgten Cup-Wochenendes mit 115 Punkten vor Rußland (97) und Weißrußland (79). Die Männer als Pokalverteidiger von Lille 1995 verwiesen mit 142 Zählern Großbritannien (125) und den zweiten Platz. Nun haben deutsche Teams 21mal (neunmal DDR-Frauen, sechsmal DDR-Männer sowie je dreimal gesamtdeutsche Männer und Frauen) den Europapokal gewonnen. Zuletzt war ein Doppelerfolg vor zwei Jahren in Birmingham gelungen. Allerdings ist allen Verantwortlichen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes klar: Madrid sagt wenig aus über Atlanta. "Eine Hochrechnung auf Olympia ist natürlich nicht möglich", unterstrich DLV-Sportwart Rüdiger Nickel, "Europacup und Olympische Spiele sind zwei völlig unterschiedliche Dinge." Eigene Cup-Gesetze Leistungsportdirektor Frank Hensel verglich beides mit dem Fußball: "Das ist wie Meisterschaft und Pokal, der ja bekanntlich auch seine eigenen Gesetze hat." Der Unterschied wird auch dadurch deutlich, daß im Gegensatz zu früheren Qualifikations-Modellen die Plätze eins und zwei beim Europacup nicht die automatische Nominierung für die Sommerspiele bedeuten. Dennoch stellten sich fast alle Spitzenathleten dem Team zur Verfügung, während Top-Stars anderer Länder, wie etwa die Russin Irina Priwalowa, "sich unkontrollierte Freiräume für die Olympia-Vorbereitung nahmen" (Hensel). Schneller Schwarthoff Das ohne Ausfälle über das Wochenende gekommene DLV-Team setzte am Sonntag seine Siegesserie nach sechs ersten Plätzen am Sonnabend fort und sammelte insgesamt zwölf Erfolge in den 37 Wettbewerben. Sehr hoch einzuschätzen ist dabei der Erfolg von Hürden-Sprinter Florian Schwarthoff (Fürth/München), der in 13,20 Sekunden keinen anderen als Weltrekordler Colin Jackson (Großbritannien) bezwang. Mit Stefka Kostadinowa (Bulgarien) konnte Alina Astafei (Mainz) im Hochsprung mit 1,98 m ebenfalls eine Weltmeisterin bezwingen. Dazu kamen erste Plätze von Steffen Brand (Leverkusen) in 8:30,09 Minuten über 3 000 m Hindernis, dem Hammerwerfer Karsten Kobs (Wattenscheid) mit 78,18 m und von Astrid Kumbernuss (Neubrandenburg) mit 20,05 m im Kugelstoßen. Die Leistung der Frauen krönte die von Doppelsiegerin Grit Breuer (Hannover) angeführte 4 x 400 m-Staffel mit der Jahresweltbestzeit von 3:26:19 Minuten. Bereits am Sonnabend hatte der DLV sechs Siege feiern können: Über 400 m durch die wieder ganz starke Grit Breuer (50,22 Sekunden) und Uwe Jahn (Chemnitz), der bei seinem Überraschungserfolg in 45,64 aber die Olympia-Norm um vier Hundertstelsekunden verfehlte, durch Kathrin Weßel (Berlin) über 5 000 m (15:40,36 Minuten), Olympiasieger Dieter Baumann (Leverkusen) über 3 000 m (7:57,19 Minuten), Raymond Hecht (Magdeburg) im Speerwerfen (88,86 m) und Ilke Wyludda (Halle) mit dem Diskus (65,66 m). Zu den positiven Überraschungen zählte auch der zweite Platz von Marc Blume (Wattenscheid), der sich über 100 m nur Olympiasieger Linford Christie beugen mußte. Der Brite feierte in 10,04 Sekunden und 20,25 Sekunden über 100 und 200 m seinen 10. und 11. Einzelsieg im Europacup seit 1987. Gleich dreimal Zweite, und jeweils in deutscher Jahresbestzeit, wurde Melanie Paschke (Wattenscheid), über 100 m in 11,19 Sekunden, im langen Sprint in 22,55 Sekunden und mit der 4 x 100 m-Staffel in beachtlichen 42,59 Sekunden. Dazu kamen noch weitere neun Saison-Bestleistungen des DLV. 1997 in München Der DLV, der 1997 in München das 18. Europacup-Finale ausrichtet, brachte Vorschläge zur Straffung des Programms und zu verbesserter Werbung ein. Mögliche Entscheidungen - auch die Rückkehr zum Zwei-Jahres-Rhythmus sowie die Verringerung der Versuche von sechs auf vier in den technischen Disziplinen sind im Gespräch - können aber erst beim EAA-Kongreß im Herbst getroffen werden. +++