Es ist erst ein paar Wochen her, da stellte die größte deutsche Boulevard-Zeitung prominente, kinderlose Frauen - Sabine Christiansen, Maybritt Illner, Marietta Slomka, Sandra Maischberger, Anne Will, Monica Lierhaus und Nina Ruge - auf ihrer ersten Seite an den Pranger. "Ohne Kinder mehr Erfolg?", fragte das Blatt und eröffnete so eine Artikelreihe über den Baby-Notstand in Deutschland. Doch damit nicht genug. Auf der nächsten Seite weinte Frank Schirrmacher, hauptberuflich Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Ohne Familien gehen wir unter" und fragte die Bild-Leser: "Sind Frauen unsere letzte Rettung?"Es sind dies verknappt jene Thesen, die Schirrmacher auch in seinem aktuellen Demographie-Bestseller "Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft" verbreitet. Dort besingt er die Kraft der Familie, die Liebe und die selbstlose Arbeit von Frauen; und er beschwört die Gefahren für eine Gesellschaft, die kaum noch Verwandtschaft, kaum Aufopferung, sondern nur noch Individuen, nur noch Erfolg und Egoismus kennt.Ähnliches schreibt die Tagesschau-Sprecherin Eva Herman in ihrem antifeministischen Manifest. Die Emanzipation habe die Frauen zerrieben und für die Mutterrolle unbrauchbar gemacht. Weder in der Karriere noch in der Küche sei die Frau voll handlungsfähig, behauptet sie.Mehr als 30 Jahre nachdem Frauen mit dem Slogan "Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine" für ihre (reproduktive) Selbstbestimmung auf die Straße gingen, müssen sie sich plötzlich wieder dafür rechtfertigen, ob sie sich fortpflanzen, ob sie eins, keins oder viele Kinder bekommen. Als gäbe es nur diese eine Lebensplanung, als gäbe es kein schönes, erfülltes Dasein ohne Kinder, als existiere eine moralische und biologische Pflicht zur Fortpflanzung.In dieser Woche aber geht es plötzlich andersherum, da ist es vorbei mit der erflehten Rettung der Deutschen durch die Frauen und der Geißelung der Gebärverweigerinnen. Mütter-Bashing heißt jetzt die Losung: "Schock-Studie über deutsche Mütter: Lieber Freizeit als Hausarbeit. Sind deutsche Mütter faul?" schreien uns die Bild-Zeitung und mit ihr der versammelte Boulevard entgegen. Anlass ist die jüngste Familienstudie, vorgestellt von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Sechshundert Seiten lang ist das Konvolut der Forscher. In einem einzigen, kurzen Absatz heißt es dort, die deutschen Frauen verbrächten weniger Zeit mit ihren Kindern (im Schnitt zwei Stunden und 18 Minuten) als etwa die Finninnen (zwei Stunden und 34 Minuten) - egal, ob sie nun berufstätig seien oder Hausfrau. "Die deutschen Mütter investieren ihre gewonnene Zeit nicht in Hausarbeit, sondern in persönliche Freizeit", bilanzieren die Forscher - ohne auszuführen, was die Frauen denn so tun mit ihrer vielen Zeit. "Café Latte trinken, Unterhautfettgewebe wegtrainieren, einen 20-Jährigen verführen, Fingernägel lackieren, im Body-Piercing-Katalog blättern?" wie der schreibende Bauch aller Stammtische, Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner, sich in seinem feuchten Tagtraum ausmalt?Eigentlich überflüssig zu sagen, dass die Familienstudie der Bundesministerin vor allem zu Tage fördert, dass Väter in beiden Ländern viel weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen als Mütter, aber viel länger im Büro sitzen. Das spielt in der aktuellen aufgeheizten Diskussion auch gar keine Rolle.Denn um Gleichberechtigung oder um partnerschaftliche Gestaltung von Elternschaft, um die Suche nach den Gründen der Gebärverweigerung der deutschen Frau und der vermeintlichen Faulheit deutscher Mütter geht es ja gar nicht. Es geht darum - das illustrieren beide Ausprägungen des Mütterdisputs - die deutschen Frauen auf das zurückzuverweisen, was viele von ihnen nun schon seit einigen Jahrzehnten beharrlich verweigern: ein Dasein als Mutter und Ehefrau.Da ist es doch schön, dass es Franz Josef Wagner gibt, der das so unverblümt ausspricht: "Meine Mutter war 24 Stunden um mich, ich war unterernährt, sie hatte keine Freizeit. Meine Mutter hatte keine rotlackierten Fingernägel. Meine Mutter hatte keinen Sex. Meine Mutter war eine Löwin."Bums. Jetzt wissen wir's - da sollen wir hin. Kein Luxus, keine Karriere, kein Sex. Kinder sind das wahre Glück, Mädels, habt Ihr das immer noch nicht begriffen?FAZ-Herausgeber Schirrmacher drückt es elaborierter aus. Er meint das gleiche. In "Minium" träumt Schirrmacher uns ins "goldene Zeitalter der Familie in den Fünfzigern" zurück, als die "Frauen, jene Hüterinnen des kulturellen Gedächtnisses", noch gerne viele Babys zur Welt brachten. Die Frau, so will es der Vormann des Bildungsbürgertums, soll endlich wieder "Kern der Familie, Kern der sozialen Netze" und dazu "Expertin der moralischen Ökonomie" werden und, qua Mütterlichkeit, den Niedergang dieser Gesellschaft verhindern.Die moralische Überhöhung der Mutter einerseits und die alltägliche praktische Kleinhaltung der Frau durch Abhängigkeit vom Ehemann und durch schlechtere Bezahlung und fehlende Aufstiegschancen am Arbeitsplatz andererseits gehören untrennbar zusammen. Nirgendwo sonst in Europa hat sich die Vorstellung von der traditionellen Rollenverteilung, hat sich die bürgerliche Konstruktion des Weiblichen derart lange gehalten: Der Vater als Versorger möge in der harten, kalten, erfolgsorientierten Berufswelt seinen Mann stehen, und die Frau möge drinnen im Haus nicht nur Hüterin der Kinder, sondern auch der Emotionen, des Glücks sein.Dass der ideologische Trick der Mythologisierung von Mutterschaft in Deutschland länger funktioniert hat und noch immer trägt, hängt mit unserer Vergangenheit zusammen. Der Nationalsozialismus hat alle Bestrebungen der Frauen nach Freiheit, Selbstständigkeit und Gleichheit, die in der Weimarer Republik gerade zaghaft entstanden - unter anderem, weil damals so viele Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstanden und die Frauen dort gebraucht wurden - zunichte gemacht. Der Bubikopf, das Büromädel mit dem kurzgeschnittenen Haar und neues Frauenideal der Weimarer Zeit, musste mit Beginn der Weltwirtschaftskrise wieder zu Hause bleiben, Kinder kriegen, Wäsche waschen. Auch damals gab es übrigens eine Debatte über die neue Mütterlichkeit. Im Faschismus wurde das bürgerliche Mutterbild derart zementiert und überhöht, dass sich die Deutschen bis heute nicht davon gelöst haben.Und zumindest in der Bundesrepublik hat man damit prima gelebt. Die Männer, gedemütigt von Krieg und Niederlage, brauchten gerade auch diese ersehnte Aufwertung zu Hause. Bis in die heutige Gesetzgebung hinein sehen wir das Erbe des Faschismus. So sind viele Regelungen, die die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau immer noch bestimmen, unter Hitler entstanden - etwa das Ehegattensplitting, das die Union seit Jahren so hartnäckig verteidigt. Auch in der DDR blieb die Frau für die Liebes- und Hausarbeit zuständig: Die zweite Schicht war sprichwörtlich. Der große, freilich wichtige Unterschied war, dass der Staat der Mutter viel abnahm, indem er flächendeckend Kindergärten anbot. Doch diesen Staat gibt es nicht mehr. So kämpfen die Töchter der vermeintlich emanzipierten DDR-Frauen heute mit den gleichen Problemen wie ihre Geschlechtsgenossinnen aus dem Westen: schlechter bezahlte Jobs, zu wenige Kitas und Horte, im Grunde aufgeschlossene, aber doch verhaltensstarre Männer.Die aktuelle Mütter-Debatte ist als letzte mediale und politische Abwehrschlacht der alten Patriarchen gegen den Aufbruch beziehungsweise gegen die Kinder-Verweigerung der deutschen Frauen zu deuten. Solange die Sozialdemokraten gemeinsam mit den Grünen regierten, genügte es, zu den Gesetzesinitiativen, die endlich die Realitäten zur Kenntnis nehmen wollten, Nein zu sagen. Nun aber, da Angela Merkels Frontfrau Ursula von der Leyen sich aufmacht, das konservativ-bürgerliche Lebensmodell anzugreifen (etwa indem sie Vätermonate einführt oder eine flächendeckende Kindergartenversorgung verlangt), wird mit härteren Bandagen gekämpft.Es geht jetzt um die Lufthoheit konservativer Männer nicht nur über die Ehebetten und die heimische Wohnung. Es geht den Männern in dieser Zeit knapper Arbeitsplätze auch darum, die exzellent ausgebildeten Frauen aus den Jobs wieder ins Haus zurückzudrängen. Die unerwünschten Konkurrentinnen möchten doch bitte als stille Reserve zu Hause sitzen und, liebend gerne, unbezahlte Hausarbeit leisten. Daher der neue Müttermythos und die Idyllisierung der Kleinfamilie.Die zweite Methode der konservativen Abwehrstrategen ist der Angriff. Zu ihrer Verteidigung hätten die Männer schließlich auch wenig vorzubringen: Wer wäscht und bügelt, wer kocht das Essen, wer holt die Kinder von der Kita ab; wer pflegt die Oma, wer bestückt das Osterkörbchen, wer hilft bei den Hausaufgaben, wer geht zum Elternabend, wer in Elternzeit, wer verzichtet auf Aufstieg, Selbstständigkeit, Geld? Leider sind dies in Deutschland - stärker als in anderen Ländern - vor allem die Frauen. Auch das steht, aber dies nur am Rande, im Bericht der Familienministerin.Dass sich die Männer so gut eingerichtet haben in diesem System, ist nicht weiter erstaunlich. Warum aber machen die Frauen dabei mit? In den vergangenen zehn Jahren sind sie jedenfalls im Sinne von mehr Gleichberechtigung nicht viel weiter gekommen. Im Gegenteil. Noch immer haben selbst die gut ausgebildeten Frauen das deutsche Mütterbild verinnerlicht. Viele von ihnen glauben, es schade dem Kind, wenn es frühzeitig in die Kita kommt. Viele stürzen sich nach der Geburt ihres ersten Babys mit Lust und Eifer in den neuen Mutter-Job. Dagegen ist nichts einzuwenden. Sie waschen, wickeln, wuseln, und sind stolz wie die Familien-Managerin aus der Staubsauber-Werbung. Ja, sie haben auch Zeit für sich und sie können sich ihren Tag halbwegs selbst einteilen. Mutter sein bedeutet auch Freiheit. Freiheit von den Zwängen des anstrengenden Berufslebens, Freiheit von betrieblicher Fremdbestimmung. Es sind Verlockungen, an deren Ende nicht immer, aber doch oft Abhängigkeit und Ohnmacht stehen.Doch wahr ist auch, dass es jenseits des Ostens und der Großstädte überhaupt keine anderen Betreuungsmöglichkeiten für die ganz kleinen Kinder und generell kaum Ganztagsschulen für die größeren gibt und die Männer in der Regel die Familie versorgen müssen, weil sie meistens mehr verdienen. Und so kommt es, dass drei Jahre nach der Geburt des ersten Kindes weniger als 20 Prozent der Mütter so arbeiten wie vor der Geburt; die Väter hingegen arbeiten im Job länger - zu Hause weniger.Wenn die jungen Mütter aufwachen aus ihrem individuell empfundenen Familienidyll - und das tut jede, spätestens dann, wenn die Kinder etwas selbstständiger sind - dann merken sie im schlimmsten Fall, dass die Beziehung verflacht, der Mann vielleicht sogar längst mit einer anderen verschwunden ist, dass die kinderlosen Freundinnen nicht mehr ansprechbar, sie selbst ohne Aufgabe und mit sich und der Welt unzufrieden sind. Die Frauenfalle ist zugeschnappt.Feminismus in Deutschland? War da mal was? Das F-Wort nimmt keine mehr gern in den Mund. "Ich bin keine Feministin" - das klingt schick, hipp, sexy. Feministinnen sind so angestrengt, so verbissen. Feminismus war gestern - moderne Mutterschaft ist heute.Und es ist ja wirklich so: Der Eifer, mit dem sich viele Feministinnen in den siebziger und achtziger Jahren darauf stürzten, alles auf einmal zu erreichen, ist nicht verlockend. Der Stress und die Anstrengung von doppelbelasteten, erfolgreichen, frauenbewegten Frauen ist noch im gouvernantenhaften Auftreten einer Ursula von der Leyen spürbar. Als Lebensmodell ist dieses "Alles ist möglich" zweifelhaft.Die Gleichberechtigung aber, die die jüngeren Frauen in Deutschland im Windschatten der Emanzipationsbewegung schon als gegeben annahmen, die gibt es leider noch nicht. Sie ist ein mühsamer, alltäglicher Prozess, dem sich keine entziehen kann. Sie muss in der Politik, im Job und notfalls auch zu Hause erobert werden. Der aktuelle Mütterdisput, in dem sich alle Frauen - ob sie nun Kinder haben oder keine - für das, was sie tun oder lassen, rechtfertigen sollen, zeigt genau das. Der Streit ist noch nicht vorbei. Er fängt gerade an, spannend zu werden.------------------------------Alles, was einer schrumpfenden Gesellschaft fehlen wird - soziale Kompetenz, Einfühlung, Altruismus, Kooperation - vereinen Frauen auf sich.Frank Schirrmacher in "Minimum"------------------------------Foto : Kinder sind das wahre Glück, Mädels, habt Ihr das immer noch nicht begr