Deutschunterricht in Frankreich: Im Namen der Gleichheit

Paris - Das französische Boulevardblatt Le Parisien überbringt die Nachricht in fetten Großbuchstaben. Mit einem „eisigen Kommuniqué“ habe die deutsche Botschafterin in Frankreich, Susanne Wasum-Rainer, die Schulreformpläne der französischen Bildungsministerin quittiert, meldet die Zeitung.

Die Diplomatin hat sich tatsächlich in die schon stattliche Schar aufgebrachter Kritiker eingereiht. Und sie redet Klartext zur französischen Schulreform, mit der bewährte Mechanismen zur Förderung des Deutschunterrichts abgeschafft werden sollen. So sieht die Vertreterin der Bundesrepublik in Frankreich „die Gefahr einer atmosphärischen Beeinträchtigung deutsch-französischer Abkommen und Absprachen“ heraufziehen, falls die Reformpläne von Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem umgesetzt werden.

Dieser allgemeinen Kritik folgt eine Auflistung dessen, was nach Ansicht der Botschafterin alles in Mitleidenschaft gezogen werden könnte: das Deutsche Sprachdiplom, das deutsch-französische Abitur, die Städtepartnerschaften, die deutsch-französische Universität, der Schüleraustausch, die Programme des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Kurz: das Beste oder zumindest Symbolkräftigste, was die deutsch-französische Verständigung hervorgebracht hat.

Schlag gegen die Verständigung

Frankreichs 37-jährige Bildungsministerin versucht, die Wogen zu glätten. Sie versichert, dass sie das Deutsche liebe und Deutschland auch, dass sie den Deutschunterricht weiter fördern wolle. An ihren Reformplänen aber hält sie fest – mit denen die Förderung des Deutschunterrichts beendet werden soll, für die sich die Fürsprecher der deutsch-französischen Verständigung bisher sehr erfolgreich einsetzten.

Die Reformpläne sehen konkret vor, die Sonderklassen abzuschaffen, die erst 2005 eingeführt worden waren. In diesen Klassen können Schüler bereits mit elf Jahren, also in der ersten Klasse des Collège, zwei Fremdsprachen lernen. Das sind in der Regel Englisch und Deutsch. Im Normalfall sieht das Collège, ein als Gesamtschule konzipiertes Bindeglied zwischen Grundschule und Gymnasium, den Erwerb einer zweiten Fremdsprache erst in der dritten Klasse vor.

Auch will Vallaud-Belkacem die 1992 eingeführten Europaklassen abschaffen, die sich ebenfalls auf das Erlernen von Fremdsprachen fokussieren. Dank der Sonder- und Europaklassen war es gelungen, den lange Zeit sinkenden Anteil der Deutschschüler in Frankreich zu stabilisieren, der sich inzwischen bei 15 Prozent eingependelt hat.

Nicht nur die deutsche Botschafterin äußerte Kritik. Zuvor hatten bereits 58 französische Abgeordnete Bedenken angemeldet, darunter der frühere Premier und ehemalige Deutschlehrer Jean-Marc Ayrault. „Wir müssen unsere Beziehungen zu Deutschland intensivieren und deshalb auch den Deutschunterricht stärken“, forderten die Parlamentarier. Ayrault erklärte in einem am Mittwoch in der bretonischen Zeitung Le Télégramme veröffentlichen Schreiben an die Ministerin: „Wir versuchen heute, unsere Beziehungen zu Deutschland zu vertiefen. Das geschieht über eine bessere Kenntnis der Geschichte, der Kultur, der Sprache. Die Schulreform scheint dies nicht zu fördern.“ Und auch der frühere Bildungsminister Jack Lang ging auf Distanz. Man erhöhe die Fremdsprachenkenntnisse der Franzosen nicht, indem man exzellente Unterrichtsangebote abschaffe, sagte Lang im Radiosender France Info.

Die Bildungsministerin kann allerdings darauf verweisen, dass Frankreichs Schulsystem nach Erkenntnissen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) soziale Ungleichheiten nicht einebnet, sondern noch verstärkt.

„Verkappte Elitenbildung“

Ziel der Sozialistin ist es, dass die Auslese und Förderung leistungsstarker Schüler zu einem späteren Zeitpunkt beginnt als bisher. Das vornehmlich von Kindern wohlhabender Eltern genutzte Angebot eines zusätzlichen Fremdsprachenunterrichts von der ersten Collège-Klasse an ist für die Ministerin ein Auslesemechanismus. Unterstützung für ihr Vorhaben bekommt sie von Frankreichs Grünen, die in den Sonderklassen „eine verkappte Elitenbildung“ sehen, die man abschaffen müsse.

Ministerin Vallaud-Belkacem setzt ihren Kritikern entgegen, dass der Deutschunterricht durch die Reform sogar gestärkt würde. Sie verweist darauf, dass zugunsten einer gleichmäßigen Förderung aller Schüler eine zweite Fremdsprache künftig bereits in der zweiten Collège-Klasse unterrichtet werden soll, ein Jahr früher als bisher. Zudem sei vorgesehen, bei der für nächstes Jahr geplanten Einführung einer ersten Fremdsprache in den Grundschulen neben dem Englischen auch Deutsch als erste Fremdsprache anzubieten.

Der Einwand, dass sie die im internationalen Vergleich dürftigen Fremdsprachenkenntnisse französischer Schüler im Namen der Gleichheit auf ein Tiefststand bei allen Schülern drücke, lässt die Ministerin unbeeindruckt. Auch das Argument, dass das Gegenteil des Gewünschten erreicht würde, ficht sie nicht an: Begüterte Eltern, so er Einwand, würden ihre Sprösslinge verstärkt auf Privatschulen schicken werden. Sie zeigt sich vielmehr entschlossen, ihre Reformpläne umzusetzen und, wie sie sagt, „alle französischen Schüler nach oben zu ziehen“.