BERLIN. Gewerkschafter und Arbeitnehmer-Vertreter haben die Diakonie aufgefordert, endlich Tarifverträge zu akzeptieren. Derzeit verschaffe sich die evangelische Sozialeinrichtung mit niedrigen Löhnen einen Wettbewerbsvorteil. Die Diakonie zahle zwar Ärzten etwa so viel wie andere Kliniken, sagte Gabriele Gröschl-Bahr, Sozialexpertin der Gewerkschaft Verdi, dieser Zeitung. Andere Beschäftigte erhielten aber oft zehn bis 15 Prozent weniger Lohn als der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) vorsehe, der in kommunalen Altenheimen und Krankenhäusern gelte. Auch die Arbeiterwohlfahrt AWO orientiere sich vielerorts daran.Methoden wie bei SchleckerZudem hätten viele diakonische Einrichtungen Service-Agenturen gegründet, um hauswirtschaftliche Arbeiten auszulagern, berichtet Wolfgang Lindenmaier, Arbeitnehmer-Vertreter in der arbeitsrechtlichen Kommission der Diakonie. Teilweise habe das Management eine Methode angewandt, die Schlecker in die Schlagzeilen brachte: Beschäftigte seien gekündigt und später wieder bei einer Service-Agentur als Leiharbeiter angeheuert worden.Immer öfter würden auch Pflegekräfte über solche Tochterfirmen an die Diakonie verliehen. Fachkräfte erhielten zwar recht ordentliche Monatseinkommen, die betriebliche Altersvorsorge sei aber schlechter als bei der Muttergesellschaft. Die Diakonie spare so acht bis zehn Prozent der Lohnkosten.Für Hilfskräfte ist die Lage offenbar noch schwieriger. So wurde im vorigen Jahr eine Pflegehelferin bei der "Infrastruktur Dienstleistungs-Gesellschaft" des Hessischen Diakonievereins als Zeitarbeiterin angestellt, und zwar befristet. Der Vertrag liegt dieser Zeitung vor. Die Frau erhielt demnach einen Grundlohn von 7,79 Euro pro Stunde. Wäre sie bei der Diakonie direkt angestellt worden, hätte sie Anspruch auf 10,25 Euro gehabt, erläutert Armin Löw von Verdi Darmstadt. Er geht davon aus, dass die Beschäftigten inzwischen wenigstens den Pflege-Mindestlohn von 8,50 Euro erhalten, der seit August gilt.Eine andere prekäre Beschäftigungsvariante nennt Lindenmaier: Beschäftigte - etwa im Fahrdienst für Behinderte - erhielten einen 400-Euro-Job. Dafür absolvierten sie ein bestimmtes Arbeitspensum. "Anschließend arbeiten sie weiter als Ehrenamtliche und erhalten dafür eine Pauschale von 175 Euro im Monat." Das sei "legaler Sozialversicherungsbetrug", denn für die ehrenamtliche Tätigkeit würden keine Sozialabgaben fällig. Die Diakonie produziere damit Altersarmut, denn die Mini-Jobber erwerben kaum Rentenansprüche.Unterstützt werden die Kritiker vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider: "In der Diakonie ist es so, und das bedauere und kritisiere ich auch, dass acht Prozent der Arbeitsverhältnisse sozusagen outgesourct sind", sagte er in der ARD.Die kirchliche Einrichtung müsse ein Vorbild sein und für "gerechte Löhne für soziale Arbeit kämpfen", und zwar auch im eigenen Haus, betont Arbeitnehmer-Vertreter Lindenmaier. Ebenso wie Verdi fordert er, dass die Diakonie endlich mit der Gewerkschaft Tarifverträge abschließt. Derzeit werden die Löhne in den arbeitsrechtlichen Kommissionen ausgehandelt, in denen Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Vertreter sitzen. Das Problem: Die Kirchen pochen darauf, dass in ihren Einrichtungen Streiks nicht erlaubt sind. Verdi will nun bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen.Man lehne Tarifverträge mit einer Gewerkschaft weiterhin ab, sagte eine Diakonie-Sprecherin dieser Zeitung. Das bisherige Verfahren "halten wir für einen gerechten Weg". Mit Blick auf die Outsourcing-Vorwürfe verwies sie darauf, dass auch andere Wohlfahrtsverbände hauswirtschaftliche Tätigkeiten ausgelagert hätten.------------------------------Foto: Diakonie-Klinik in Stuttgart: Kirchen lehnen Tarifgespräche mit Verdi ab.