In der Frankfurter Rundschau vom 30. Januar, zum 75. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers, zog der Historiker Götz Aly Parallelen zwischen 1933 und 1968. Aly meint, die demonstrierenden 68er seien kaum anders gewesen als die marschierenden Nazis; der wesentliche Unterschied bestehe darin, dass die 68er zum Glück wirkungslos geblieben seien. In der Bücherverbrennung sieht Aly ein Vorbild der 68er-Aktionen gegen die Bild-Zeitung. Die 33er wie die 68er hätten den militanten Generationenkampf betont, hätten sich als Hauptgegner den Spießbürger erwählt und von der Annäherung zwischen Studenten und Arbeitern geträumt. Aus Rudi Dutschkes Tagebüchern und der Zeitschrift Kursbuch zitiert Aly "Machtergreifungspläne" der SDS-Elite, die sich schon ausgemalt habe, wohin man nach der Revolution die Unerziehbaren schaffen solle: nach Westdeutschland.Diesem weltfremden Unsinn, der selbst für SDS-Verhältnisse verstiegen ist, verleiht Götz Aly den Rang eines historischen Dokuments, mit dem sich vermeintlich der Geist von 1968 beschreiben ließe. Das allerdings heißt, die groteske Selbstüberschätzung der Wortführer von einst fortzuschreiben. Richtig ist, dass sich Dutschke und Rabehl für die Avantgarde der gesellschaftlichen Veränderungen hielten. In Wahrheit waren sie aber nur Nebenfiguren des Umwälzungsprozesses, den man gern mit dem Kürzel 68 belegt. In den Experimenten des Kinos, in den Provokationen der Popmusik, in der androgynen Mode, im sexuellen Verhalten von Frauen und Männern, in der Verweigerung des Leistungsprinzips, im plötzlichen Unwillen zum Sparen, im wachsenden Respekt vor Kinderäußerungen - überall zeigten sich Veränderungen im Zusammenleben der westlichen Industriegesellschaften, die viel tiefer in den Lebensstil und die Zivilisation reichten als die Rhetorik der Politikstudenten.Für jeden Beleg, den Aly nennt, lassen sich zahllose Gegenbeispiele nennen. So findet er es symptomatisch, dass sowohl die NSDAP wie der SDS sich als "Bewegung" verstanden haben. Dabei kam der Begriff Studentenbewegung von außen, viel typischer für 68 war das Wort "Verweigerung". Man verweigerte so gut wie alles, vom Wehrdienst über den Sportunterricht bis zur Demo unter Leistungsdruck. Bei den Umzügen zum ersten Mai blieben die Gewerkschaften weitgehend unter sich, weil die Arbeiter unmenschlich früh aufstanden. Die Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel machten sich über Rudi Dutschke lustig, der jeden Morgen um die gleiche Zeit mit Aktentasche und Pausenbrot zum Büro des SDS radelte. Und Dieter Kunzelmann prägte den oft zitieren Satz: "Was geht mich der Klassenkampf an, wenn ich Orgasmusschwierigkeiten habe?" Sieht so eine fanatische Bewegung aus?Der revolutionäre Agitator, der ständig "die Massen mobilisieren" wollte, war eine nervende Erscheinung, die selbst denen auf den Wecker ging, die den Demonstrationsaufrufen folgten. Eine mindestens ebenso typische Erscheinung der Zeit, wenn auch von vornehmerer Zurückhaltung, war der Gammler. Er präsentierte sich stundenlang der Öffentlichkeit auf dem Marktplatz sitzend in ganzen Gammlerhaufen, und wenn er sich trollte, verabschiedete er sich von den Mitgammlern mit den Worten: "Ich geh mal abschlaffen." Der Münchener Lokalkolumnist Sigi Sommer nannte die Gammler "schlummernden Müll". Hier finden sich die Kontinuitäten der deutschen Geschichte.Lustprinzip hieß, Lust ernst zu nehmen, aber ernster noch die Unlust. Man hörte in sich hinein und lauschte auf seinen Unwillen. Eine typisch rechte, martialische Phrase wie die von dem inneren Schweinehund, den man überwinden müsse, wäre den wenigsten in den Sinn gekommen.Die Verweigerungsattitüde des 68er-Fußvolks bekamen auch die selbsternannten Kader zu spüren, deren Selbstüberschätzung in Alys Dämonisierung fortlebt. Abwegig ist es, sich das Gros der Demonstranten als leicht zu mobilisierende, hassbeseelte Masse nach Art der NS-Horden vorzustellen. Der Leninismus ihrer Wortführer stieß das Gros der antiautoritären Studenten ab. Deshalb blieb den Militanten auch nur der Weg in den Terror und den Untergrund - die Gewalt fand nicht genügend Zustimmung.Dutschke war die hippieske Laxheit der Leute, die mit ihm demonstrierten, fremd. An den amerikanischen Hippies, die in Wahrheit ungleich wirksamer, nämlich stilbildend, waren, kritisierte er, sie hätten "vergessen, die Machtfrage zu stellen". Als ob es darum gegangen wäre! Es ging nicht um Kampf, nicht um Sieg oder Niederlage, sondern, wie der Philosoph Alain Finkielkraut es formulierte, um ein "existenzielles Nein". Das Leben ist anderswo, lautete eine beliebte Parole des Pariser Mai. Aber wo?Die Experimentierbereitschaft in den Künsten war aus heutiger Perspektive beneidenswert. Die Psychoanalyse kam in Mode, die Reise durch das Wunderland der Triebe, eine tiefe ästhetische Abneigung gegen die klassischen Geschlechterrollen, selbst in konventionellen Filmen. Wie der ergebene Trintignant sich von der geliebten Deneuve in Truffauts Film "Das Geheimnis der falschen Braut" hintergehen und allmählich bereitwillig vergiften lässt, wie sie miteinander offen zu reden beginnen, immer wieder nur "Warte!" sagen, um zu zögern und nachzudenken, das ist politisch wirksamer gewesen als jede Demophrase von Rudi Dutschke. Das Bedürfnis, aus alten Rollen auszubrechen, war weit verbreitet. Selbst gutsituierte Bürger begannen 1968 von einem selbstbestimmten Leben ohne Triebunterdrückung zu reden, so komisch das heute klingt; sie wollten "das Bewusstsein erweitern" oder wenigstens ihre Kinder anders erziehen.Für den Historiker haben mentalitätsgeschichtliche Prozesse den Nachteil, dass undeutlich ist, welche Subjekte sie ausgelöst haben. Wie verändern wir uns? Sind es die politischen Ideen, die Geschichte machen? Sind es die Gefühle, die vorangehen, und wir erkennen erst im Nachhinein den Zusammenhang, den sie bilden?Eine Parallele gab es zu 1933 tatsächlich: Auch Krupp machte mit. Zu den 68ern zählte sich selbst nämlich auch der damals 30-jährige Arndt von Bohlen und Halbach, "der letzte Krupp", der gegen Zahlung von jährlich zwei Millionen Mark auf sein Milliardenerbe aus dem Stahlkonzern verzichtet hatte und ein mondänes Jetset-Leben in Marrakesch und Palm Beach führte. Die einstige deutsche Waffenschmiede war ins Wanken geraten, und der Stahlbaron führte nun ein androgynes Dasein als Gammler dekadentesten Stils - für die braven Deutschen ein Menetekel. Der laszive Krupp-Nachkomme tuschte sich seine langen Wimpern in einem außerordentlich blasierten, aber zart und ernst wirkenden Gesicht. Dem Klatschkolumnisten Will Tremper sagte er: "Ich gehöre eben einer Generation an, die in ihrem Drang nach Freiheit und den Möglichkeiten, die ihr dabei geboten werden, mit keiner Generation vor ihr verglichen werden kann." Da hatte er gerade eine Motoryacht für 1,8 Millionen Mark in Auftrag gegeben.------------------------------"Das Wichtigste ist, dass am Ende nichts dabei herauskommt." Aus dem 68er-Film "Zur Sache, Schätzchen"------------------------------Foto: Demonstratives Gelümmel im Englischen Garten, München 1968------------------------------KORREKTURAnders als auf S. 23 der gleichen Ausgabe berichtet, war es nicht Jean-Louis Trintignant, sondern Jean-Paul Belmondo, der im Film "Das Geheimnis der falschen Braut" von Catherine Deneuve allmählich vergiftet wird. (08.02.2008)