Die 70er: Das West-Berlin dieser Zeit war durchweg eine Wohlfühloase, und manche vergleichen dieses Jahrzehnt mit den goldenen 20er-Jahren: Wir Einzigartigen

WIR waren nach dem Zweiten Weltkrieg zur entscheidenden Kraft der Weltgeschichte geworden, und die Völker der Welt schauten auf uns. WIR waren das Schaufenster der freien Welt, WIR trotzten dem kommunistischen Osten. Weder mit seiner Blockade noch mit seiner Einmauerung konnte er uns Inselkinder in die Knie zwingen. WIR haben unsere Heiligsprechung durch John F. Kennedy erfahren: "Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: ,Ich bin ein Bürger Roms!' Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der Welt sagen kann: ,Ich bin ein Berliner!'" Präziser: Ein West-Berliner. WIR waren etwas Einmaliges, Helden allesamt.Das West-Berlin der 70er-Jahre war eine Mischung aus Biedermeier und Aufbruch, gleichermaßen wild und beschaulich. "Et war imma wat los", und gleichzeitig genossen alle ihre Idylle, die Wilmersdorfer Witwen wie die Kreuzberger Linken, und uns trug die Hoffnung auf die Wiedervereinigung, dass unsere Insel, so die "Insulaner", das "Frontstadt-Kabarett" im Rias, bald wieder ein schönes Festland wurde. Sie waren rasant die 70er-Jahre und sie machten West-Berlin zum großen Experimentierfeld aller Deutschen.WIR sehen unsere Insel als einzigartiges Weltkulturerbe, als einen göttlichen Erlebnispark, als den krassesten Ort im Universum. WIR sind ein glückliches, selbstreferenzielles System, das so wunderbar funktioniert, weil es die West-Alliierten beschützen, die Bonner alimentieren und die DDR mit ihrem düsteren Gegenentwurf dafür sorgt, dass unser Wohlfühlfaktor um ein Vielfaches multipliziert wird. WIR rufen den West- und Ostdeutschen, den Amerikanern, den Sowjets und allen anderen zu: "Ätsch, det habt ihr nich!", nämlich den Kudamm, den Funkturm, das Europacenter, das Schloss Charlottenburg und das Hansaviertel. Und auch das Großangebot an Bildung, Kultur und Wissenschaft empfinden WIR als einmalig, angefangen vom Französischen Gymnasium, der John-F.-Kennedy-Schule und der Schulfarm Scharfenberg über die Freie und die Technische Universität (FU und TU) und die Hochschule der Künste (HdK) bis zum Schiller-Theater und dem Theater des Westens, wo WIR alle das Musical My Fair Lady gesehen haben. Kult sind auch das Grips-Theater, das 1969 mit dem sozialkritischen Kinderstück Stokkerlok und Millipilli gestartet ist, die Philharmonie, unser "Zirkus Karajani", und das Völkerkundemuseum in Dahlem. Zu unserer Identität gehört die BVG mit ihren gelben U- und Hochbahnzügen und ihren Doppeldeckern. Die unmoderne Straßenbahn haben WIR 1967 abgeschafft, und die S-Bahn, die von der DDR betrieben wird, boykottieren WIR seit dem Mauerbau, denn: "Jeder West-Berliner, der S-Bahn fährt, bezahlt den Stacheldraht am Brandenburger Tor." Auf den U-Bahnlinien zwischen Tegel und Alt-Marienfelde und zwischen Gesundbrunnen und Leinestraße fahren WIR ohne Halt und mit aggressiven Gefühlen durch die Geisterbahnhöfe auf Ost-Berliner Boden. Eine Bahn liebt der West-Berliner ganz besonders: seine Stadtautobahn. Und dies trotz drohenden Smogalarms, aber der größte Teil des Drecks wird ja aus den Industriegebieten der DDR und der CSSR in die Frontstadt geweht, aber auch der Ost-Berliner Hausbrand ist von kräftiger Würze. WIR sind die geborenen Flaneure, und da steht unser Kudamm mit dem Café Kranzler ganz oben an, gefolgt von der Tauentzienstraße mit dem KaDeWe und den vielen Kiez-Boulevards: der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, der Schlossstraße in Steglitz, der Karl-Marx-Straße in Neukölln und der Oranienstraße in Kreuzberg. Aber als Steinwüste sehen wir unser Berlin bei Weitem nicht, eher ist es in unserer Wahrnehmung eine Stadt der Parks, Seen und Wälder. WIR brauchen weder die Schorfheide noch den Spreewald, WIR haben in unseren Festungsmauern den Zoo, den Tiergarten, den Grunewald, den Wannsee, die Pfaueninsel und, und, und. Daneben blüht die Kultur der Laubenpieper, und auch so mancher 68er zieht in eine "Pflanzerkolonie", um sich unters Volk zu mischen und die Weltrevolution zu beschleunigen.WIR wissen auch, wie man ars vivendi definiert. An der Spitze sehen wir das KaDeWe, dessen Lebensmittelabteilung ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal zukommt. Wer einkaufen will, findet renommierte Geschäfte, und an Gourmetrestaurants und Bordellen herrscht kein Mangel. Eine Sperrstunde kennen WIR nicht. Das lockt die "Westdeutschen" in Scharen nach WB (auch Nord-, Süd- und Südwestdeutsche sind bei uns Westdeutsche), und die Jüngeren nehmen ihren Wohnsitz hier, um nicht zur Bundeswehr zu müssen. WIR umarmen jeden, der zu uns zieht und uns im Kampf gegen die planetare Bedrohung des Kommunismus wirksam unterstützt. Obwohl es mit unseren Fußballvereinen immer etwas hapert, sind WIR die Sportstadt Nummer eins, und was WIR im Hinblick auf das zu bieten haben, was heute Kultur- und Kreativwirtschaft heißt, das ist der helle Wahnsinn. WIR haben so viele Stars und Köpfe zu bieten, dass sie unmöglich alle aufzuzählen sind. Wer Stil hat, setzt sich mittags in ein Café und liest im "Abend", wer wann wo und wie groß in Erscheinung getreten ist. Was treibt Bubi Scholz, welchen Karl-May-Film dreht Horst Wendlandt, was inszeniert Peter Stein? Was gibt es Neues von Harald Juhnke, Rolf S. Eden, Romy Haag, Leonie Ossowski, Wim Wenders, Jutta Lampe, Edith Clever, Brigitte Mira, Berta Drews, Curt Bois, Martin Held, Bernhard Minetti, Otto Sander, Horst Bollmann und Heribert Sasse? Wer hat unsere Originale live gesehen: Wolfgang Neuss, Ben Wargin, Kurt Mühlhaupt, "Atze" Brauner? WIR sind Kinder des Rias ("Der Onkel Tobias vom Rias ist da!") und des SFB mit seiner "Abendschau", und lieben unseren Hans Rosenthal ("Dalli, Dalli").Das Jahr 1970 startet mit einem Paukenschlag: Am 14. Mai wird der Kaufhausbrandstifter Andreas Baader durch Ulrike Meinhoff und andere befreit. Am selben Tage beginnt mit Peter Steins Peer-Gynt-Inszenierung an der Schaubühne am Halleschen Ufer eine große Theaterepoche. Die Stadtmagazine Tip und Zitty erscheinen, dazu kommt später die taz, und Alternatives beginnt zu blühen wie sonst nirgendwo in Deutschland. Am 3. Oktober 1972 gibt es eine neue Besuchsregelung, und WIR dürfen bis zu dreißig Mal im Jahr nach Ost-Berlin und in die DDR einreisen, dies immer mit einem Gefühl von Angst, Mitleid und Herablassung. Der Bundesligaskandal um Hertha BSC regt uns ebenso auf wie der Abriss des Sportpalastes. WIR fliegen nicht mehr von Tempelhof, sondern von Tegel in die weite Welt. Am 10. November 1974 wird der Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann von Terroristen erschossen. Wenig später wird Peter Lorenz, der Berliner Landesvorsitzende der CDU und Spitzenkandidat bei den bevorstehenden Wahlen, von Terroristen der Bewegung 2. Juni entführt. Dies alles verstärkt die These vom Alleinstellungsmerkmal West-Berlins. WIR sind stolz auf unsere alternativen Projekte, etwa das Künstlerhaus Bethanien, das im November 1975 eröffnet wird und das erste deutsche Frauenhaus.Ende 1979 gibt es dann die ersten Hausbesetzungen ("Instandbesetzungen") und die Etablierung der Alternativszene in einer alten Fabrik in Kreuzberg, dem "Mehringhof". Apropos, Kreuzberg: 1978 verhelfen ihm die Gebrüder Blattschuss mit ihrem Song zum absoluten Kultstatus: "Kreuzberger Nächte sind lang, Kreuzberger Nächte sind lang,/Erst fang' sie ganz langsam an,/Aber dann, aber dann." Ebenso schrecklich wie faszinierend ist die Drogenszene, und alles spricht von Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, als der Stern am 8. September 1978 mit seiner Serie beginnt. Typisch für das West-Berlin der 70er-Jahre sind auch der "Filz" beziehungsweise die "Filzokratie", die ineinander verflochtenen Machtverhältnisse von SPD, Verwaltung, kommunalen Betrieben und Wohnungsbaugesellschaften. Es wird kräftig gebaut, und mit pathetischen Reden werden Leuchttürme eröffnet, die für unsere Funktion als "Schaufenster zum Osten" bedeutsam sind: Nach dem abgeschlossenen Erweiterungsbau 1978 wird das KaDeWe das größte Kaufhaus Europas, die von Hans Scharoun entworfene Neue Staatsbibliothek ergänzt das grandiose Kulturforum zwischen Landwehrkanal und Potsdamer Platz, das ICC unterm Funkturm erinnert an ein riesiges Raumschiff und etabliert West-Berlin als weltweit anerkannten Messeplatz.Schön, WIR hassten die Mauer und WIR litten unter der Mauer, wussten aber auch, dass wir ihr und der Spaltung der Stadt und der Welt unsere Einzigartigkeit verdankten. Und, Gott, so richtig eingesperrt waren wir ja gar nicht, mit den Maschinen der PanAm, der British European Airways (BEA)und der Air France konnten wir ja jederzeit unkontrolliert durch die DDR-Organe in die freie und sonstige Welt entschweben. Das West-Berlin der 70er-Jahre war eben durchweg eine Wohlfühloase, und manche vergleichen dieses Jahrzehnt mit den goldenen 20er-Jahren.Nun gut, ich stand damals in der Blüte meiner Jahre, hatte eine Familie gegründet, war gerade Professor geworden und durfte mich über meine ersten Krimis bei rororo erfreuen, verkläre also alles gehörig, glaube aber dennoch, dass die West-Berliner von den 70er-Jahren alles in allem sagen können: Es waren die schönsten unseres Leben. Danach wurde es dann Zeit, mit Hildegard Knef zu singen: "Von nun an ging's bergab." Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Mauer war es aus mit unserer Einmaligkeit und unserem Heldenstatus. Das West-Berlinische verlor schnell seine Bedeutsamkeit, und viele unserer Heiligen Kühe wurden geschlachtet, etwa der Rias, das Schiller-Theater und der Zentralflughafen Tempelhof.------------------------------Foto: Horst Bosetzky, 72, lehrte bis 2000 als Soziologieprofessor. Er wurde unter seinem Pseudonym -ky in den 70er-Jahren als Erfinder der "Sozio-Krimis" bekannt. Heute schreibt er Familien- und Kriminalromane.Foto: Der entführte Berliner CDU-Landesvorsitzende Peter Lorenz am 28. Februar 1975