Der historisch wertvolle Fund sieht banal aus: ein Loch, 3,20 Meter tief, ausgehoben von einem Bagger, der heraufgeholte Sand zu Bergen aufgetürmt. Aus dem Loch ragt eine Messlatte, und ein Mann in Warnweste knipst das Stillleben zum gefühlt 50. Mal. Oben am Rand des Lochs steht Lucie Aagaard, eine kleine alte Frau mit weißen Haaren. Sie blickt auf die Messlatte, holt tief Luft und sagt laut: "Mannmannmannmannmann. Da unten sind wir langgekrochen." - Und plötzlich wird aus dem Loch ein Stück deutsch-deutsche Geschichte.Diese Geschichte, deren Überreste am Freitagmorgen am nördlichen Berliner Stadtrand freigelegt wurden, beginnt vor 50 Jahren im Sommer 1961 mit dem Bau der Mauer. Diese verläuft genau vor dem Haus der heute 91 Jahre alten Lucie Aagaard und trennt den kleinen Ort Glienicke/Nordbahn vom (West-)Berliner Ortsteil Hermsdorf. Die Grenzer, die Tag für Tag auf dem Todesstreifen patrouillieren, können den Aagaards bis auf den Wohnzimmertisch schauen, fast unmittelbar vor dem Haus der Familie steht ein Wachturm.Kein Schritt ohne KontrolleGehen die Aagaards spazieren, müssen sie ihre Ausweise vorzeigen. Gehen sie arbeiten, müssen sie ihre Ausweise vorzeigen. Kein Schritt ohne Kontrolle. Im Sommer 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, beschließen sie zu fliehen. Es sind nur 50 Meter, die es zu überwinden gilt, wenn man sie gefahrlos zurücklegen kann. Doch gefahrlos ist hier nichts, und laufen ist schon gar nicht möglich. Also beschließen die Aagaards, die Strecke unterirdisch zu überwinden: Sie wollen einen Tunnel graben. Die dreiköpfige Familie ist nicht allein. Fliehen wollen auch eine vierköpfige Familie aus Dresden und die Eltern einer Bekannten, die im Westen lebt. So teilen sich die Familien die Arbeit: Tagsüber wird gegraben, nachts der ausgehobene Sand entsorgt.Bei der Erinnerung daran schüttelt Lucie Aagaard den Kopf. "Mein Mann hätte nie mit dem Tunnel begonnen, wenn er gewusst hätte, worauf er sich einlässt." Die Aagaards wissen nicht, wohin mit dem vielen Sand. Ihr Haus hat keinen Keller, und diese Unmengen im Freien zu entsorgen, wäre verdächtig gewesen. Also verstecken sie den Sand in ihrem Haus. "Wir haben Zwischendecken eingezogen und dort Sand versteckt", erinnert sich Detlef Aagaard, der damals 11 Jahre alt war. "Wir haben die Zimmer verkleinert, neue Wände eingezogen und dahinter den Sand versteckt." Dachrinnen, Badewanne, Schubladen - jeder noch so kleine Vorratsraum wird für Sand genutzt. 75 Kubikmeter seien es gewesen, hat Detlef Aagaard später ausgerechnet.Der Aagaard-Tunnel ist einer von insgesamt 39 Tunneln, durch die Menschen in und um Berlin in den Westen flüchteten. Nur neun von ihnen, so der heutige Kenntnisstand, wurden vom Osten aus gegraben, die überwiegende Anzahl trieben Fluchthelfer aus dem Westen voran. 254 Menschen gelang zwischen 1961 und 1973 über diese Tunnel die Flucht, fast genauso viele Menschen wurden beim Bau der Tunnel festgenommen. Viele Fluchten wurden vereitelt, vier Menschen starben, darunter auch Grenzer.Allein in Glienicke gab es drei Tunnel. Als 1962 zwei großen Gruppen die Flucht nach Hermsdorf glückt, verstärken die Grenztruppen ihre Kontrollen. Offiziere statten grenznahen Häusern kurzfristig Besuche ab. Um das Vorhaben nicht zu gefährden, halten die Aagaards ihre Fluchtpläne selbst vor ihrem Sohn geheim. Doch das ständige Gegrabe macht den Jungen stutzig. Er fragt seine Mutter ganz direkt, ob sie fliehen werden. "Das war Weihnachten 1962", sagt der heute 59-Jährige. "Ich wusste, dass ich dicht halten muss. Also hab ich es getan."In der Nacht vom 10. auf den 11. März 1963 fliehen die Aagaards und ihre Bekannten durch den 55 Zentimeter breiten und 77 Zentimeter hohen Tunnel - auf allen Vieren. Die Großmutter, die nicht kriechen kann, wird auf eine Luftmatratze gebunden und durch den Tunnel gezogen. Nur zehn Minuten, sagt Detlef Aagaard, hätten sie gebraucht. "Aber dann mussten wir zwei Stunden warten, bis wir rauskonnten." Man habe erst die Westberliner Polizei informieren wollen, bevor man den Tunnel verlässt. Diese Warterei, sagt Detlef Aagaard, sei schrecklich gewesen. "Wenn ich dieses Loch anschaue, kommen die Erinnerungen hoch. Ich träum sogar davon."Dass Mutter und Sohn die Reste "ihres" Tunnels noch einmal sehen, verdanken sie Torsten Dressler. Der 44-jährige Archäologe, der seit einigen Jahren selbst in Glienicke lebt und seit 2007 die Ausgrabungen an der Mauergedenkstätte Bernauer Straße leitet, erhielt vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege den Auftrag, die noch bestehenden Reste der Mauer auf Brandenburger Seite zu dokumentieren. "Weil ich wusste, dass in Glienicke Wachtürme und ein Tunnel sind, habe ich dieses Gebiet vorgeschlagen." Die Frau, die das Grundstück im früheren Niemandsland gekauft hat, stellte ihre Immobilie zur Verfügung - bis zum 13. August, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus.Die Aagaards konnten dem Archäologen beim Graben zuschauen. Sie kehrten 1994 in ihr altes Haus zurück, es gehört ihnen wieder. "Als wir 1963 weg waren, hat ein Fuhrunternehmen zwei Wochen gebraucht, um den Sand aus dem Haus zu holen", sagt Detlef Aagaard. Alles hätten sie aber nicht gefunden. "1994 war eine Zwischendecke im Flur noch drin. Darüber lag noch Sand."Archäologe Dressler will ein altes Stück Stützholz aus dem Tunnel aufheben, dann wird das Loch wieder geschlossen. Für ihn ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen. "Ich bin der erste Archäologe, der so einen Tunnel gefunden hat. Das macht mich glücklich." Die wichtigen Akteure in der Geschichte aber seien andere: "Das sind die Aagaards. Es ist ihre Geschichte."------------------------------Foto: Detlef Aagaard und seine Mutter Lucie vor dem Fluchttunnel. Im Hintergrund das Haus, aus dem sie einst flohen.