Kurz vor Weihnachten 1934 wanderten zwei Skifreunde durchs Erzgebirge, stets auf der Hut vor bewaffneten Skitrupps der SS. Der eine war Buchhändler, der andere Schriftsteller. Im Rucksack trug er zwei große Kuchen. Darin eingebacken die Blätter eines Romans, den er geschrieben hatte und der ihn den Kopf kosten konnte. Unbemerkt gelangten sie über die Grenze in die Tschechoslowakei. Ein Kontaktmann brachte das Manuskript nach Prag.Schon im Jahr darauf erschienen erste Auszüge in Paris. 1936 konnte man das Buch in Moskau und Bern, 1938 dann in London lesen. Jan Petersen - jener Skifahrer mit den Kuchen - war zu dieser Zeit längst im Exil, sein Buch, das "Unsere Straße" hieß, wurde gefeiert. Der Autor Stephan Hermlin nannte es später "das einzige Dokument vom illegalen Kampf, das in Hitlerdeutschland selbst geschrieben wurde". Am kommenden Sonntag wäre Jan Petersen 100 Jahre alt geworden.Gewiss, die Werke anderer Nazigegner sind bekannter, etwa "Die Prüfung" von Willi Bredel, "Die Moorsoldaten" von Wolfgang Langhoff oder "Das Siebte Kreuz" von Anna Seghers. Doch das Buch "Unsere Straße" ist einzigartig, weil man ihm Seite für Seite die Bedrohung anmerkt, unter dem es entstanden ist.Jan Petersen, eigentlich Hans Schwalm, seit 1921 Kommunist, gehörte zu den fast 38 000 Berliner KPD-Mitgliedern, die aus dem vollen Galopp des klassenkämpferischen Aktionismus 1933 in die Zeit der Hitlerschen Machtergreifung gerieten. Ein Schock. Woche für Woche wuchs die Gefahr. Während viele Kommunisten resignierten, sogar zur SA überliefen, machten andere weiter. "Wir dürfen Berlin den Faschisten nicht kampflos überlassen", heißt es am Anfang des Buches.Petersen wohnte in der Charlottenburger Wallstraße (heute Zillestraße), in der die Kommunisten in Häuserschutzstaffeln organisiert waren und sich blutige Schlachten mit der SA lieferten. Der Kampf um diese eine Straße ist keine Romanerfindung. Er tobte wirklich. Der SA-Sturm 33, der hier mit seinem roten Gegner aufräumte, war in der ganzen Stadt berüchtigt. Hans Maikowski, einer der Oberschläger, wurde am Tag von Hitlers Machtantritt beim Sturm auf die Straße erschossen - angeblich von den Kommunisten. Diese sagten, SA-Leute selbst seien es gewesen. Natürlich spielte das keine Rolle. 56 Angeklagte wurden zu bis zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Nazis erhoben Maikowski zum zweiten Märtyrer nach Horst Wessel, benannten die Straße nach ihm.Jan Petersen schrieb alles auf, versteckte sich für diese Zeit in einer Holzhütte am Kleinen Werbellinsee. Wöchentlich fuhr er nach Berlin auf seinem Motorrad an den Posten des KZ Oranienburg vorbei, um den Text in einer kleinen Kammer ins Reine zu tippen.Im Mittelpunkt des Buches stehen er und sein Freund Franz, ihre Mädchen Käthe und Hilde sowie fausterprobte Proletentypen wie Ede oder Richard Hüttig, der später als erster Charlottenburger hingerichtet wird. Das Katz-Maus-Spiel mit den Nazis, das Vertreiben von Flugzetteln und Zeitungen, die Flucht vor der Gestapo werden wie ein Abenteuer dargestellt, das zweifellos immer tragischer wird. Allein in Charlottenburg werden zehn Nazigegner ermordet. Man kann beobachten, wie sich unter den Ereignissen der Ton des Buches wandelt. Das hektisch Aktionistische wird immer mehr zur Chronik mit genauen Beobachtungen. Dazu gehören Hitlers Auftritt in Siemensstadt, gedämpfte Gespräche in Läden oder Stempelstellen, Stimmungen, die man so authentisch selten gelesen hat. Fast ein literarisches Denkmal ist der Bericht eines Augenzeugen über die Qualen, die der jüdische Publizist Erich Mühsam im KZ erleidet.Stephan Hermlin nannte Petersens Buch später den "großen Bericht von den Gejagten, die nicht entkommen, sondern dem Jäger an die Kehle wollten". Bücher wie "Unsere Straße" dienten der DDR-Führung zur Legitimation. Allein die Kommunisten hätten konsequent von Anfang an gegen die Nazis gekämpft, hieß es. Aber vieles wurde verschwiegen. Schon anhand des Buches von Petersen hätte man Fragen stellen können - etwa, warum die Kommunisten einen so trotzigen, isolierten, viel zu opferreichen Kampf führten, der doch sinnlos gewesen sei, wie mancher Historiker behauptet. Durch Verhaftungswellen und Flucht verlor die KPD fast ihre gesamte Führung im Lande. Illegale Gruppen machten weiter, knüpften Netze. Bis 1936 sind in Berlin etwa 200 verschiedene kommunistische Zeitungen nachgewiesen worden - hergestellt mit einfachsten Mitteln. Eine Gruppe nach der anderen flog auf.Es war nicht nur Verzweiflung und Notwehr, die jene Illegalen antrieben. Es war auch eine große Illusion, genährt aus der Fehleinschätzung der Lage. Ernst Thälmann hatte zuletzt die Linie ausgegeben: mit außerparlamentarischen Mitteln für die Einheitsfront und den Generalstreik kämpfen! Nachdem er verhaftet wurde, setzte sich für längere Zeit eine extrem sektiererische Linie durch.Blättert man in den illegalen Zeitungen von damals, dann liest man neben Wahrem viel Abenteuerliches. Hitlers Machtantritt, so erfährt man, bedeute eine Verschärfung des Klassenkampfes, der in eine sozialistische Revolution führen müsse. Dafür wollte man auch unzufriedene SA-Leute gewinnen. Die Naziführer nannte man teilweise "sadistische homosexuelle Lumpen und Verbrecher", deren Herrschaft bald zu Ende sei. Den "Röhm-Putsch" 1934, bei dem Hitler sich von den revoltierenden Teilen der SA befreite und seine Herrschaft festigte, sah man als Signal für den "Kampf um das rote Berlin" an.Petersens Buch ist - auch ohne solche Beispiele - eine bleibende Chronik der ersten Phase des Hitlerreiches, in der es den Proleten der Wallstraße noch schien, als entscheide sich die Macht wirklich auf der Straße. Die Geschichte endet tragisch. Doch im Ausland löste sie viel Sympathie aus und bedeutete so etwas wie eine frühe deutsche Ehrenrettung. Nur zwei Reaktionen: "Es ist eine furchtbare Anklage gegen den Naziterror und gleichzeitig die heroische Geschichte des unterirdischen Kampfes gegen Hitler" (Daily Herald, London 1938), "Stolz wird auch dich erfüllen, lieber Leser, Stolz auf diese Tapferen" (Berner Tagwacht, 1936).Der Roman Petersens erschien in zwölf Sprachen, nach dem Krieg auch in Ungarn, Japan, Australien, Rumänien - allein in Polen bis 1952 in 170 000 Exemplaren. Und Jan Petersen selbst? 1935 reiste er nach Paris zum Welt-Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur. Dunkel geschminkt, mit schwarzer Brille, wurde er von André Gide und Heinrich Mann aufs Podium geführt. In seiner Rede sagte er: "Trotz alledem! Es gibt eine illegale Literatur in Deutschland". Auf eine Warnung hin blieb er im Exil, ging in die Schweiz und nach England. Nach dem Krieg lebte er im Osten Berlins, schrieb Erzählungen und das autobiografische Buch "Die Bewährung". 1969 starb er.------------------------------Foto: 1934, in der Straße aus Petersens Roman: Hitlerjungen vor dem Bild des toten Hindenburg. Hinterm Hakenkreuz eine Tafel, die an den SA-Mann Maikowski erinnern soll, der angeblich von Kommunisten ermordet wurde.------------------------------Foto: Der Schriftsteller Jan Petersen, 1966.