SEVILLA, 30. August. Am letzten Tag hat er sich dann doch noch einmal energisch zu Wort gemeldet, der kleine Leichtathletik-Pate. Mit krächzender Stimme gab der Italiener Primo Nebiolo einem Kreis ausgesuchter Journalisten bekannt, was das Council des Weltverbandes IAAF angeblich schon im nächsten Jahr beschließen werde: Die Weltmeisterschaften der kommenden zehn Jahre werden im Paket vergeben, und zwar an Paris (2003), London (2005), Tokio (2007) und Berlin (2009). Die WM in Paris soll im Stade de France stattfinden, das seit kurzem eine ausfahrbare Leichtathletik-Bahn aufweist. In London ist die Meisterschaft im Wembley-Stadion geplant, das für die Fußball-WM 2006 umgebaut wird. "Die Städte haben diese Daten akzeptiert", behauptete Nebiolo und hat damit wieder einmal gelogen. So wurden zum Beispiel die Briten und Deutschen Von Nebiolos Äußerungen überrascht. "Ich weiß nur, dass wir uns mit London um die WM 2003 bewerben", sagte der frühere Mittelstreckler David Moorcroft, Generalsekretär des britischen Verbandes. IAAF-Council-Mitglied Helmut Digel erklärte, im Council sei bislang nur über die Kandidaten für 2003 gesprochen wurden, also über Paris, London und Helsinki. "Aber ich weiß natürlich, dass Nebiolo den Plan hat, in einem Acht-Jahres-Konzept langfristig Fernseh- und Marketingverträge zu vergeben."Bislang hätten Sponsoren und Fernsehsender "die Katze im Sack gekauft", glaubt Digel. Künftig soll die WM nur noch "an attraktive Städte mit attraktiven Angeboten" vergeben werden. Sevilla und Edmonton (2001) sind da mit Sicherheit die letzten Ausnahmen. Beide Städte waren erst an die Reihe gekommen, weil sich in den USA kein akzeptabler Ausrichter fand. "Bisher war die WM-Vergabe im Council eine emotionale und irrationale Entscheidung, jetzt ist sie professionell und marktorientiert", behauptet Digel. "Ich denke, wir sollten dahin gehen, wo die Zuschauer kommen." Am Montag traf sich in Sevilla noch einmal das IAAF-Council. Überraschenderweise wurde über das Thema nicht gesprochen. Nebiolo aber, der auch die Verhandlungen mit Sponsoren und TV-Stationen zur Chefsache erklärt, hat seinen neuerlichen Alleingang gewohnt raffiniert vorbereitet. Die Nachricht ist um die Welt, auch wenn noch keine vollendeten Tatsachen geschaffen sind. Zudem verkündete Nebiolo, die Golden-League-Serie im nächsten Jahr um den Crystal Palace in London zu erweitern und später dann auf zehn Stationen (acht in Europa, eine in den USA, eine in Tokio) auszudehnen. Das Grand-Prix-Finale 2000 soll in Doha (Katar) stattfinden, wobei die IAAF wahrscheinlich alle qualifizierten Athleten mit einem Charterflug direkt von den Olympischen Spielen aus Sydney antransportiert.Rudi Thiel, Manager des Internationalen Stadionsportfestes (Istaf) erfuhr auch erst am Montag von dieser Zeitung von Nebiolos Plan. "Ich bin verärgert, wenn wir an das Ende der Kette kommen sollten", sagte Thiel. "Ich kannte bisher immer nur Nebiolos Aussagen, dass Berlin für 2005 oder 2007 Chancen hat." Das hatte Nebiolo auch vor einem Jahr bei einem Treffen mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen bestätigt. Diepgen sei nun "sehr verschnupft, dass Nebiolo nicht auf seine Briefe reagiert" habe. Laut Thiel sollte Diepgen in Sevilla mit Bundesinnenminister Otto Schily und Nebiolo über das WM-Thema Berlin reden, doch habe Diepgen wegen Terminschwierigkeiten (Regierungsumzug, Wahlkampf) abgesagt.DLV-Präsident Helmut Digel sagte, Nebiolo habe Berlin vor einem Jahr das Angebot einer WM unterbreitet, doch habe Berlin nie darauf reagiert. "Ich war in dem Dilemma, dass ich das gern unterstützt hätte, aber über den DLV lag ja keine offizielle Bewerbung vor." Thiel, ein Intimkenner und einer der Macher der Berliner Leichtathletik-Szene, weist diese Darstellung von sich. "Seit einem Jahr steht Berlin voll dahinter. Wir wollen das neue Stadion mit der Leichtathletik-WM 2005 einweihen." 2005 wohlgemerkt, nicht erst 2009, wie Nebiolo ankündigte.Thiel fühlt sich gegenüber Engländern und Japanern zurückgesetzt. "Es ist richtig, dass die WM nur noch an Metropolen vergeben werden sollte und nicht an Urlaubsstädte wie Sevilla, aber es gibt keinen Grund, Berlin plötzlich zu benachteiligen." Auch Digel sagt: "Das wäre eigentlich viel zu spät, da leben wir ja bald nicht mehr."NEBIOLOS PLÄNE Der Trend zur Großzügigkeit // Weltmeisterschaften wurden bisher an folgende Städte vergeben: Helsinki (1983), Rom (1987), Tokio (1991), Stuttgart (1993), Göteborg (1995), Athen (1997), Sevilla (1999), Edmonton (2001).Nach einem Plan des Weltverbands-Präsidenten Primo Nebiolo sind nun Metropolen als WM-Orte ausersehen: Paris (2003), London (2005), Tokio (2007), Berlin (2009).Großzügig denkt auch das Internationale Olympische Komitee (IOC): Olympische Spiele werden sieben Jahre im Voraus vergeben.Der Trend im IOC und im Fußballweltverband geht zu langfristigen Sponsoren-, Marketing- oder TV-Verträgen. Das IOC hat die Fernsehrechte auf den großen Märkten bis 2008 vergeben. Sponsor-Partnerschaften laufen bisweilen bis zu einem Jahrzehnt.