Zwischen den Zahnrädern und Stellschrauben des Antikythera-Mechanismus schlummert eines der größten Geheimnisse, die das antike Griechenland heutigen Historikern hinterlassen hat. Das vor mehr als hundert Jahren entdeckte Rechengerät ist etwa 2 100 Jahre alt und damit die älteste erhaltene Zahnrad-Apparatur der Welt.Offenbar diente der kleine Apparat als astronomischer Kalender, etwa zur Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen, aber auch als Richtlinie zur Festlegung des Termins der Olympischen Spiele. Das belegen jüngste Untersuchungen eines internationalen Forscherteams, deren Ergebnisse die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Magazins Nature vorstellen.Fund im SchlammDer Antikythera-Mechanismus wurde am 17. Mai 1902 von dem griechischen Archäologen Valerios Stais im Wrack eines römischen Handelsschiffes entdeckt. Das mit griechischen Statuen und Kunstschätzen vollbeladene Schiff war vermutlich auf dem Weg von der Insel Rhodos nach Rom, als es zwischen 150 und 100 vor Christus vor der ägäischen Insel Antikythera kenterte. Als Stais zum rund vierzig Meter unter der Wasseroberfläche liegenden Wrack hinuntertauchte, ragte ihm aus dem zweitausend Jahre alten Morast ein stark verwittertes Bronze-Zahnrad entgegen. Mithilfe seiner Kollegen suchte er den Bereich um das Wrack genauer ab und fand dabei weitere 82 Bronzeteile. Nachdem die Archäologen die Fundstücke gesäubert hatten, erkannten sie, dass alle 83 Teile offenbar zu einem einzigen komplexen Rädermechanismus gehörten.Die Teile wurde nach Athen ins Archäologische Nationalmuseum gebracht, wo sie bis heute zu sehen sind. Erst Anfang der Siebzigerjahre gelang es mithilfe von Röntgenuntersuchungen, den Aufbau des Mechanismus vollständig zu rekonstruieren. Demnach bestand die Maschine aus drei großen Scheiben - eine auf der Vorder- und zwei auf der Rückseite - und dreißig kleineren Zahnrädern. Zum Erstaunen der Wissenschaftler waren einige der Zahnräder durch Differenzialgetriebe miteinander verbunden - eine Erfindung, die erst wieder in der späten Neuzeit auftauchte.Da viele der Beschriftungen durch die Erosionsprozesse im Wasser nicht lesbar waren, blieb lange Zeit unklar, wozu das Gerät gedient haben mochte. Im Jahr 2006 wurde schließlich eine groß angelegte Untersuchung namens Antikythera Mechanism Research Project gestartet, bei der die Beschriftungen mithilfe genauerer Röntgenapparate und Tomografiegeräten unter die Lupe genommen wurden."Dank der modernen Apparate konnten nach und nach alle Beschriftungen entziffert werden", berichtet Tony Freeth von der University of Cardiff, der das Projekt derzeit leitet. Bereits Ende 2006 hatten er und seine Kollegen im Magazin Nature einen Artikel veröffentlicht, in dem sie die Funktion des großen Zahnrads auf der Vorderseite beschrieben. Demnach zeigt einer der beiden konzentrischen Ringe, aus denen das Rad besteht, den Mond- und den Sonnenzyklus mit den heute noch üblichen Tierkreiszeichen. Der andere beschreibt das Auf- und Untergehen der fünf in der Antike bekannten Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.In der nun vorgelegten Studie beschreiben Freeth und seine Kollegen die Funktionen der beiden Scheiben auf der Rückseite des Apparats. "Das obere Zahnrad war offenbar ein sehr detaillierter Kalender, das untere diente zur Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen", berichtet Freeth. Überrascht waren die Forscher von der Beschriftung auf einem kleinen Zahnrad in der Mitte der oberen Scheibe: Sie zeigte die Städtenamen Nemea, Isthmia, Pythia und Olympia, in denen im jährlichen Wechsel die antiken Sportspiele ausgerichtet wurden. "Offenbar wurde der Terminkalender mithilfe des Antikythera-Mechanismus überprüft", sagt Freeth. Im Vergleich zur Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen sei das zwar recht einfach. "Es zeigt jedoch, dass das Uhrwerk kein reines astronomisches Instrument war, sondern offenbar auch zu kulturellen Anlässen benutzt wurde."Herkunft unbekanntNoch überraschender war für die Forscher die Sprache, in der die Monate auf die Kalenderscheibe geschrieben worden waren: Korinthisch. "Damit hat niemand gerechnet", sagt Freeths Kollege Alexander Jones vom Institute for the Study of the Ancient World in New York. Alle bisherigen Theorien gingen davon aus, dass die Scheibe vermutlich auf der Insel Rhodos entstanden ist. "Dieser Schluss lag nahe, da das gesunkene Handelsschiff aus Rhodos kam", sagt Jones. Zudem gab es auf Rhodos eine lange astronomische Tradition mit dem nötigen Fachwissen, um die Scheibe zu bauen.Nun sei es eher wahrscheinlich, dass das Gerät aus einer korinthischen Kolonie, etwa auf der Insel Korfu oder auf Sizilien stamme. In der sizilianischen Stadt Syrakus lebte im 3. Jahrhundert vor Christus der griechische Naturphilosoph Archimedes, der ausreichende astronomische Kenntnisse zum Bau des Gerätes gehabt haben dürfte. "Von ihm selbst kann die Apparatur jedoch nicht stammen", sagt Jones. Archimedes starb im Jahr 212, das Uhrwerk wurde mit Sicherheit nach 150 vor Christus gebaut. Ein Schüler von Archimedes könnte das Gerät jedoch nach Plänen seines Lehrmeisters gebaut haben. "Diese Theorie ist so gut wie jede andere", sagt Jones. "Die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht, und wir werden es vielleicht nie genau herausfinden."Nature, Bd. 444, S. 587; Bd. 454, S. 614------------------------------Foto: Die Scheibe zeigt einen Kalender mit korinthischen Monatsnamen. In sie eingelassen ist eine kleinere Scheibe, deren vier Unterteilungen angeben, wann die nächsten Olympischen Spiele abgehalten werden.------------------------------Foto: Das stark verwitterte Hauptzahnrad des Antikythera-Mechanismus zeigte ursprünglich die Bewegung der Sonne und ihrer Planeten.------------------------------Foto: Die Computersimulation veranschaulicht, wie das aus 33 Bronze-Zahnrädern bestehende Gerät womöglich ausgesehen hat.