BERLIN. Das Pech hat die drei im Kosovo aufgeflogenen BND-Agenten bis zuletzt nicht verlassen. Als sie am vergangenen Freitag endlich aus der Untersuchungshaft entlassen wurden, war es schon so spät, dass das für sie bestimmte Flugzeug aus Berlin nicht mehr in Pristina landen konnte. Und so musste das Agententrio, mit dem sich der Bundesnachrichtendienst einmal mehr bis auf die Knochen blamiert hat, noch eine Nacht im Feindesland ausharren. Erst am Samstagvormittag wurden sie von der deutschen Botschaft zu einem Militärflughafen gebracht, wo eine kleine Sondermaschine auf sie wartete. Wenige Stunden später landeten die drei Männer in Berlin.Ihr oberster Dienstherr, BND-Präsident Ernst Uhrlau, hat bislang keine Zeit gehabt für seine traurigen Helden aus Pristina. Ob er sie überhaupt zu einem persönlichen Gespräch treffen wird, ist fraglich. Denn Uhrlau hat im Moment viel zu tun: Er muss um sein eigenes Überleben an der Spitze des von Pleiten und Affären gebeutelten Geheimdienstes kämpfen.Es ist ein fast aussichtsloser Kampf für den 62-Jährigen. Wie keiner seiner Vorgänger hatte Uhrlau in so kurzer Zeit so viele negative Schlagzeilen über den Dienst zu verantworten. In seiner bislang noch nicht einmal dreijährigen Amtszeit flogen Top-Quellen auf, wurden Spionageoperationen bekannt und grundgesetzwidrig Journalisten bespitzelt. Die Abgeordneten aus dem Parlamentarischen Kontrollgremium brachte er ein ums andere Mal durch Arroganz und Ignoranz gegen sich auf.Im Dienst selbst sorgen Uhrlaus verfehlte Personalpolitik und sein fehlender nachrichtendienstlicher Sachverstand für anhaltenden Ärger. Er sei immer ein "Polizist" geblieben, spotten sie im BND über den Chef, der mal Hamburgs Polizeipräsident war. "So einer denkt immer nur taktisch, nie strategisch. Für ihn gibt es nur: zugreifen, zugreifen", sagt ein BND-Beamter über Uhrlau. Mit seiner Ablehnung des Präsidenten steht der Mann nicht allein. Nie in der BND-Geschichte war ein Präsident in der Belegschaft unbeliebter als er, nie zuvor war die Stimmung in der Behörde so schlecht wie heute.Uhrlau weiß um all das. Und er weiß auch, dass er nur noch ein Geheimdienstchef auf Abruf ist. Als im vergangenen April bekannt wurde, dass der BND die E-Mails einer Spiegel-Reporterin ausgespäht hatte, machte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem SPD-Mitglied deutlich, dass sie an ihm nur noch um des Koalitionsfriedens willen festhält. Öffentlich verkündete Merkel damals, dass ihr Vertrauen in Uhrlau gestört sei. Nach der nächsten Panne werde er sein Amt räumen müssen, ließ sie ihren Kanzleramtschef und damit Uhrlaus Vorgesetzten Thomas de Maizière (CDU) in einem Zeitungsinterview betonen.Dabei hatte es schon bis dahin an Fehlleistungen in dem von Uhrlau geführten Geheimdienst nicht gemangelt. So hat sich der fahrlässige Umgang mit dem obersten Sicherheitsgebot eines Geheimdienstes, dem Quellenschutz, inzwischen zu einer Art Markenzeichen des BND entwickelt. Erst enttarnte der Dienst im Zuge der Journalistenaffäre ohne Not den Publizisten Wilhelm Dietl als langjährigen Nahost-Agenten. Dann wurde die Identität des Informanten preisgegeben, der dem Dienst im Jahr 2007 für viereinhalb Millionen Euro die Kundendaten von Steuerflüchtlingen verkauft hatte, die ihr Geld am Fiskus vorbei zur Liechtensteiner LGT-Bank geschafft hatten. Der Mann fürchtet seitdem um sein Leben.Eine weitere Top-Quelle, die unter dem Decknamen "Sindbad" über ein Jahrzehnt lang brisante Informationen aus Teheran und über das iranische Atomprogramm geliefert hatte, ließ der Dienst erst vor gut einem Monat im Regen stehen. Nachdem der Mann, ein iranischer Kaufmann, am Frankfurter Flughafen als angeblicher Schmuggler von Rüstungstechnologie festgenommen worden war, unterließ es BND-Chef Uhrlau, seinen Spion vor der Enttarnung zu retten. Damit platzte eine der wichtigsten und teuersten Spionageoperationen des BND, in die auch die CIA und Kanadas Geheimdienst einbezogen waren.Aufgeflogen ist im vergangenen Frühjahr auch eine aufwändige Spionageoperation in Kabul - die technische Überwachung von Ministern der afghanischen Regierung durch die Lauschabteilung des BND. Mit einem in einer E-Mail versteckten so genannten Trojaner waren BND-Beamte im Juni 2006 auf die Festplatte des afghanischen Handelsministers gelangt und hatten heimlich dessen elektronische Post mitgelesen. Als der Hackerangriff, zu dessen Kollateralopfern auch die Spiegel-Reporterin Susanne Koelbl gehörte, durch ein an Bundestagsabgeordnete adressiertes anonymes Schreiben aus dem Geheimdienst aufflog, wurden beim BND flugs die Akten über die Operation geschreddert. Eine vom Kanzleramt verfügte Sonderprüfung, in der unter anderem untersucht werden sollte, ob noch weitere afghanische Regierungsmitglieder betroffen waren, lief so weitgehend ins Leere.Die jüngste Panne im Kosovo hat dem BND ebenfalls eine groß angelegte Spionageoperation zunichte gemacht. Im September 2007 hatte der Geheimdienst ein Büro seiner Tarnfirma Logistics-Coordination & Assessment Service (LCAS) in Pristina eröffnet. Das klandestine Unternehmen sollte ein Informantennetz unter Politikern und Militärs im Kosovo aufbauen und führen. BND-Chef Uhrlau hatte die Operation persönlich genehmigt. Im Verlauf der letzten vierzehn Monate hatten sich insgesamt elf BND-Mitarbeiter in der LCAS-Niederlassung in Pristina abgewechselt, schreibt der Spiegel. Die letzten drei Abgesandten flogen nun auf, sie sind offenbar in eine Falle getappt. Nachdem die kosovarischen Behörden ihre Unterlagen und Computer beschlagnahmt haben, werden sich bereits rekrutierte BND-Quellen im Kosovo wohl wieder von den Deutschen abwenden. Uhrlaus Plan, im Kosovo ein leistungsfähiges Agentennetz zu führen, dürfte damit auf absehbare Zeit gescheitert sein.Die Pannenserie verstärkt unter den BND-Mitarbeitern die ohnehin schlechte Stimmung und die Wut auf die von vielen als inkompetent empfundene Leitungsebene. "Ich kenne niemanden im Dienst, der Uhrlau und seiner Führungscrew zutraut, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen", sagt ein BND-Mitarbeiter. "Ich kenne aber auch niemanden mehr, der Uhrlau dabei helfen möchte." Das Vertrauen in die Führung des Dienstes sei komplett aufgebraucht. "Auch weil sich niemand von denen vor uns gestellt hat, als es im Untersuchungsausschuss darum ging, unsere Arbeit zu verteidigen", sagt der Mann. Stattdessen hätte die Leitung alle Verantwortung auf die Arbeitsebene abgeschoben und Mitarbeitern unterstellt, ihre Kompetenzen überschritten zu haben.Wie tief bei vielen der sechstausend Mitarbeiter der Frust sitzt, konnte man im September im Magazin Focus nachlesen. Mehrere Beamte des Dienstes hatten dort anonym schwere Vorwürfe gegen die Behördenleitung erhoben, ein einmaliger Vorgang in der BND-Geschichte. Uhrlau und seine beiden Stellvertreter hätten eine "verquere Charakterstruktur", konnte man dort lesen, sie seien "furchtbar kontaktscheu" und ließen sich von der Fachebene kaum beraten. Die Personalführung sei "eine Katastrophe". Auch wage es niemand aus Sorge um seine Karriere, Verantwortung für heikle Operationen zu übernehmen. Überall gebe es nur "Zögerer und Zauderer", zwischen den Abteilungen und Fachreferaten tobten Grabenkämpfe.Die BND-Führung tat die Kritik als ungerechtfertigt ab. Hier hätten sich Mitarbeiter zu Wort gemeldet, die den Berlin-Umzug des Dienstes und die zum 1. Januar 2009 wirksam werdende Strukturreform ablehnen, hieß es in einer Verlautbarung. Dagegen stehe ein hochmotiviertes Team junger Mitarbeiter, die Uhrlau um sich versammelt habe.Aber auch das hochmotivierte Team wird Uhrlau nicht mehr lange an der BND-Spitze halten können. Bislang galt es als sicher, dass Uhrlau nach der Bundestagswahl seinen Posten als BND-Präsident abgeben muss. Vorher will die SPD ihren verdienten Genossen auf keinen Fall fallen lassen, weil sie um ihren Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier fürchtet. In der Schröder-Regierung war Uhrlau Geheimdienstkoordinator und steuerte gemeinsam mit dem damaligen Kanzleramtschef Steinmeier die heute im BND-Untersuchungsausschuss heftig umstrittene rot-grüne Antiterrorpolitik und die BND-Unterstützung des US-Feldzuges im Irak. Wenn Uhrlau fällt, so das Kalkül der Sozialdemokraten, verliert auch Steinmeier ein Schutzschild im Wahlkampf.Das könnte wiederum ein Motiv für Bundeskanzlerin Merkel sein, die Kosovo-Affäre zum Anlass einer Entlassung Uhrlaus zu nehmen. Aus der Unionsfraktion hätte sie keine Gegenwehr zu befürchten. Im Gegenteil, denn dort sorgt man sich schon lange, dass ein Festhalten an Uhrlau Kanzleramtschef de Maizière nachhaltig beschädigen könnte.Am Wochenende wurden im Zusammenhang mit der Kosovo-Affäre aber auch Vorwürfe aus dem BND gegen die Bundesregierung laut. Es hätte Berlin nichts gekostet, der Regierung in Pristina klarzumachen, dass diese Provokation nicht hingenommen wird, sagte ein namentlich nicht genannter BND-Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Ein anderer hochrangiger BND-Mitarbeiter erklärte, die Bundesregierung habe sich von einem Land, in dem "organisierte Kriminalität die Staatsform ist, am Nasenring durch die Weltpolitik führen lassen".Die Attacken des Geheimdienstes gegen die Bundesregierung sind ungewöhnlich. Sie sprechen dafür, dass es ernst wird für Uhrlau. Also schaltet er auf Angriff. Kampflos, so lautet die Botschaft, will sich der BND-Chef nicht ergeben.------------------------------Foto: BND-Präsident Ernst Uhrlau (2. v. r.) im Bundestag. Am Donnerstag muss Uhrlau ein weiteres Mal vor dem BND-Untersuchungsausschuss aussagen.